Jahrgang 
1867
Seite
572
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Penſions Erziehung.

In Paris und Paris iſt Frankreich herrſcht neben andern ſchönen Sitten auch die, daß jede einigermaßenan⸗ ſtändige Mutter ihre Kinder möglichſt ſchnell nach der Geburt aus dein Hauſe gibt,aufs Land, wie der beliebte Aus⸗ druck lautet. Den willkommenen Vorwand für dies famoſe Verfahren bietet die ſchlechte Luft in den großen Städten, deren nachtheiligem Einfluß die jungen Weltbürger entzogen werden ſollen; der wahre Grund ihrer Entfernung liegt aber in Folgendem: Madame hat zu zarte Nerven, um die ſchallen⸗ den Lungenübungen ihrer Sprößlinge zu ertragen, Madame's

Ohr iſt empfindlicher als ihr Herz, und Madame möchte

überall, wo ſie auftritt, nochMademoiſelle angeredet werden, noch ſo und ſo vielen Männern außer dem Herrn Gemahl jung, reizend, begehrenswerth erſcheinen!

Ehre unſern deutſchen Müttern, die es denn doch noch nirgend zu ſolchem Grade der Koketterie gebracht, ſich des Lebens, welches ſie mit ihrem eigenen genährt, vor der Welt gleichſam zu ſchämen! Gibt es hier und da in denhöheren Kreiſen eine Dame, die das franzöſiſche Muſter nachäfft, ſo bleibt ſie eben eine höchſt vereinzelte Ausnahme und wird ſelbſt bei ihrem Standesgenoſſinnen wenig Beifall ſinden. Eine liebenswürdige deutſche Frau, die mit ihrem Gatten, einem Ingenieur, zu längerem Aufenthalt in der Seineſtadt genöthigt war, trat dort, wie ſie ſelbſt uns erzählt hat, in freundſchaftliche Beziehung zu einer etwa fünf Jahre ver⸗ heiratheten Pariſerin, die plötzlich eines Tages zu ihr ſagt: Morgen müſſen Sie mich beſuchen, um meine Kinder zu ſehen!

Sie haben Kinder? fragt gedehnt unſere Landsmännin.

Sie ſind bis jetzt auf dem Lande geweſen! lautete die völlig unbefangene Antwort. Am nächſten Tag findet die Vorſtellung eines vierjährigen Knaben und eines zweijährigen Mädchens ſtatt. Doch kaum hat die Deutſche einen einzigen Blick auf die Kleinen gerichtet, ſo ruft ſie beſtürzt aus: Das iſt nicht Ihre Tochter, das iſt ein untergeſchobenes

tieferſtaunte

Kind! Die Bäuerin, der die Pflege des Pärchens anver⸗ traut geweſen, erbleicht. Das Weitere kann jeder Leſer ſich denken.

Dergleichen Uebelſtände vergiften das deutſche Haus und und ſeine Familie nicht, aber frei von Vorwurf iſt unſer Erziehungsweſen keineswegs. In unſerer Großmütter Tagen wurden Ammen nur auf ausdrückliches Verlangen des Arztes angenommen, jetzt entſchlagen ſich die irgend wohlhabenden Frauen ſchon mit weit geringerem Widerſtreben ihrer eigent⸗ lichſten und erſten Mutterpflichten. Doch bleiben die Kinder wenigſtens am älterlichen Herde und wachſen unter den Augen der nächſten Angehörigen auf, bis der hinkende Bote nachkommt. Haben nämlich die Töchter das zwölfte, dreizehnte Jahr erreicht,(die Söhne laſſen wir aus dem Spiel, denn Jungen müſſen ſich frühzeitig unter andern Menſchen tummeln lernen), dann findet Mama, daß die feinere Bildung für ein Mädchen doch nur in dem oder jenem Penſionat zu erreichen ſei, und Papa ſtimmt nickend ein, ohne daß Beide bedenken, welch ſchlechtes Compliment Jeder von ihnen ſich ſelbſt und ſeiner andern Hälfte dadurch macht. Alſo das Töchterlein wird flugs in einInſtitut ſpedirt, an deſſen Spitze meiſtentheils eine Matrone mit Hänge⸗ locken ſteht, die es gegen 4 500 Thaler Entſchädigung pro Jahr auf ſich nimmt, der werdenden Jungfrau die noch fehlen⸗ den wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe, vorzüglich aberSchliff und Manieren beizubringen. Das Letzte gelingt der würdigen Patronin durch die Unterſtützung der am Inſtitut angeſtellten Miſſes, Demoiſelles und Fräuleins in vielen Fällen ſo gründ⸗ lich, daß die Zöglinge totalmanierirt aus der Anſtalt ſcheiden. Sie radebrechen in ein paar fremden Sprachen, ſind mit der Lage von Guadeloupe bekannt, können einige Notturni von Chopin auf dem Piano leiſten, verſtehen Glacchandſchuh anzuziehen, lyriſche Dichter in Goldſchnitt zu leſen, Barett und Sonnenſchirmchen zierlich zu tragen, aber ſie ſind auch geübt, das Licht ihrer Augen nicht unter den Scheffel zu ſtellen, ſondern die Blicke der Stutzer auf der Promenade