Jahrgang 
1867
Seite
570
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Weltausſtellungs-Bilder.

XI.

Die Schneider. Die Blondinen. Juchten und Hhazinthen. Die Indianer. Die Reclame. Wie kommt man vom Marsfeld nach

Hauſe? Die frommen Engländer. Die Ratten der

Während Alles betete und faſtete, wurden in der Stille Patronen fabricirt, Uebungen mit dem Chaſſepotgewehr ange⸗ ſtellt und die Regimenter kriegsmäßig ausgerüſtet. Vierzig⸗ tauſend Schneider, die ihre Arbeit eingeſtellt, bedrohen Paris mit ihrer Unzufriedenheit. Sie ſind zum großen Theil Deutſche, und wer weiß nicht, weſſen ein deutſcher Schneider fähig iſt.

Man armirte deshalb die Forts um Paris. Ich weiß nicht, gegen Preußen oder gegen die Schneider. Paris trägt ja einen gefährlichen Feind in ſich es ſind an die zwei⸗ malhunderttauſend Deutſche hier!

Die Patrone der Schneider ſetzten ſich indeß die Märtyrer⸗ krone auf; ſie wurden ſentimental, ſchloſſen ihre Magazine und hängten ein großes Plakat aus:Fermé pour cause de grove des ouvriers tailleurs. Die Herven der Nadel, Duſautoy, Blane, Pomadere, Renard und wie ſie alle heißen, ſchmückten die Boulevards mit großen Trauer⸗Affichen.

Auch die Friſeure drohen der guten Geſellſchaft bereits mit einer Kriegserklärung. Alles was noch Haare auf dem Kopfe hat, eilt, ſich dieſelben noch ſchneiden zu laſſen, um nicht ſpäter als Wilder umher zu gehen. Andere Gewerb⸗ treibende und Dienſtleiſtende drohen mit einer gleichen Demonſtration, denn Alle erklären ſie, vor dem Hungertode zu ſtehen, bis auf jenen Diener eines bekannten hieſigen Virtuoſen, der bei ſeinem Herrn ſpeiſte und trank und neulich zu ihm rat mit der Erklärung, er verlange höheren Lohn wegen der Preiserhöhung der Lebensmittel.

Was ſoll jetzt aus den Frühlingsmoden werden? Long⸗ champs iſt nur noch eine Sage. Die Pariſer Zeitungen er⸗ erklären ſelbſt, daß es ſeit dieſem Frühjahr nicht mehr exiſtire. Es waren nur die Fremden und die Provinzialen ins Bois gefahren, unter den erſteren die Japaneſen, die in einem unglaublichen Gemiſch aſiatiſcher und europäiſcher Mode er⸗ ſchienen.

Die kurzen Zigeuner⸗Röckchen unſerer Damen werden, ſobald es die Jahreszeit erlaubt, wol nur noch bis zum Knie reichen. Irgend ein erleuchtetes blondes Köpfchen unſerer Biches von gutem Ton hat nun eine glorreiche Erfindung ge⸗ macht. Dieſe kurzen und engen jupes, nicht viel weiter als ein großer Geldbeutel, taugen unmöglich in alle Situationen der Geſellſchaft; man iſt alſo auf folgende ſehr ſinnreiche Vermittelung gerathen. Man wird die jupe relevée tragen.

Was iſt die jupe relevéo?

Eine jupe relevée iſt eine robe à queue, eine enge Robe mit der Schleppe. Dieſe wird an der einen Seite bis zum Knie ungeheftet, damit das ſchöne Bein nicht verdeckt werde. Dieſes ſchöne Bein wird nun in einen perlgrauen Strumpf geſteckt und über dieſen Strumpf ſchließt ſich durch eine goldene Agraffe ein Beinkleid von ſchwarzem Sammet unter dem Knie.

Ich denke mir: wenn dieſe Mode in Berlin eingeführt wird, müſſen erſt alle Straßenjungen eingeſperrt worden.

Nicht minder ausſchweifend ſind die Frühjahrsmoden der weiblichen Kopfbedeckungen, die ebenfalls wieder zur Schäfer⸗ zeit zurückkehren. Kleine Strohdächer, feuilles mortes darauf, trockene Blätter nämlich, dazwiſchen Maikäfer, Libellen, Raupen und andere Inſekten. Nehmen Sie dazu die bunteſten Bänder, durchſichtige Blouſen, wilde Locken auf dem Nacken, die nie gekämmt werden, damit der Puder nicht aus dem gewaltſam blond gewordenen Haar fällt, denn es iſt hier nichts Unge⸗ wöhnliches, daß eine junge Dame, die mit braunem Haar ihrem Liebhaber gute Nacht ſagt, mit blondem wieder außſteht, und daß ein Ehemann, der eine Brünette geliebt und ge⸗ heirathet hat, plötzlich eine Blondine oder gar eine Rothe an ſeiner Seite ſieht.

Der Kaiſer erſchien bisher wöchentlich drei, auch vier

Expoſition und die Pick-Pockets. Die Vie parisienne. Die Tricots. Die fremden Münzen.

Mal in der Ausſtellung, um nach dem Rechten zu ſehen und das Intereſſe des Publikums anzufeuern, endlich aber wird auch er wohl den Sinn dafür verlieren müſſen, wenn ihm die Politik den Kopf ſo warm macht.

Man hat jetzt in der Ausſtellung Alles zur Bequem⸗ lichkeit des Publikums gethan, man hat Telegraphen- und Poſtbureaux eingerichtet, ja ſogar einen Univerſal⸗Interpreten angeſtellt, den Chevalier Wollheim da Fonſeca, den dekannten Hamburger Theaterdirector. Der Chroniqueur des Moniteur ſagt von dieſem merkwürdigen Manue:cet érudit possède à miracle toutes les langues d'Orient et d'Occident sans oublier le sanscrit u. ſ. w.

Ich ſtelle mir den ſprachlichen Verkehr dieſes Mannes, der die Rolle eines neuen Mezzofanti ſpielt, ſehr eigenthüm⸗ lich vor. Der Chevalier iſt ſeit Jahren ſo heiſer, daß ihn kaum ein deutſcher Landsmann verſteht; was ſür Mühe wer⸗ den die Chineſen, die Patagonier, die Neuſeeländer mit ihm haben, wenn ſie ſich mit ihm verſtändigen wollen!

Man hat Alles gethan zur Bequemlichkeit des Publikums, ſagte ich; man hat ſogar Schreibeabinets für die Fremden eingerichtet, Water⸗Cloſets für Alle; man redet alle Sprachen mit Allen, die da ſprechen wollen, man hat die Dampfſchiffs⸗ Verbindung hergeſtellt durch ein paar Schiffe, die uus von der Expoſition überall hinſchaffen, wohin wir nicht wollen, und uns ſtundenlang warten laſſen, wenn wir ſelbſt wollten. Man fährt mit Eiſenbahnen, die niemals Platz haben, wenn der Verkehr ſtark iſt, aber daß der Gaſt einen Wagen finde, mit dem er die weite Strecke zur Stadt zurücklegen könnte, daran iſt noch immer nicht gedacht.

Man kann ſich dolmetſchen laſſen, Briefe ſchreiben, telegraphiren, Briefe empfangen, in die Reſtaurants gehen, Alles kann man, aber einen Fiaker finden, das kann man nicht.

Riecht die ruſſiſche Abtheilung nach Juchten, ſo verbreiten wir andern Barbaren, wir Preußen, einen Geruch von Eau⸗de⸗Cologne, der weithin über alle Nachbarn duftet. Die Farina's, die echten und die unechten, ſpenden Jedem ein paar Tropfen und zahllos ſind die Taſchentücher, die ſich zur Quelle ausſtrecken. Auch die preußiſche Hyazinthen-Ausſtellung im Park ſtrömt ihren Duft allen Kommenden aus. Boonekamp of Maagbitter treibt die Beſcheidenheit ſo weit, ſein eigenes Portrait auszuſtellen, und ich ſchätze mich glücklich, die Be⸗ kanntſchaft dieſes berühmten Mannes zu machen, deſſen Ver⸗ dienſte ich bisher vielleicht nicht in ihrem ganzen Umfange zu ſchätzen gewußt habe.

Auffallend wenig beſchäftigen ſich die Pariſer Journale noch mit der Ausſtellung. Hat aber ſeine Gründe. Die Pariſer Zeitungen glauben nicht die Verpflichtung zu haben, den Induſtriellen für nichts und wieder nichts Reclame zu machen. Nur wer ſich mit der Adminiſtration abfindet, deſſen Artikel werden beſprochen. Papier und Druck koſten Geld und müſſen bezahlt werden.

Es iſt unglaublich, welch eine Geldquelle dieſe Reclame den hieſigen Zeitungen iſt. Die hier erwartete amerikaniſche Kunſtreitergeſellſchaft, die Nigger, Büffel, Indianer und Gott weiß was mitbringen wird, hat wenigſtens ſchon ihre 20,000 Franes für Reclame geopfert; ein Artikel über irgend etwas in irgend einem geleſenen Blatte koſtet unter Brüdern ſeine 500 Francs. DasPetit Journal brachte z. B. geſtern einen ganzen fünfſpaltigen Leitartikel über einen großartigen KleiderladenLa belle jardinière, in welchem der Verfaſſer Röcke, Weſten und Paletots beſang. Welche Opfer mußten um ihretwillen vorher dem Herrn Thimothée Trimm gebracht werden!

Einer der hieſigen Feuilletoniſten, Rochefort, beklagte ſich

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