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Die Schwermuth, welche das junge Leben dieſer Fürſtin verbitterte, ſchien ganz andere Gründe zu haben.„Als die Frau eines Landedelmannes“, meint ein Hiſtoriker,„wäre ſie glücklich geworden, an den ſtolzen Schritt einer Fürſtin, an das unruhige, wechſelvolle Leben eines Hofes konnte ſie ſich nicht gewöhnen.“ Sie beklagt in einer Schrift das Schickſal, die Tochter eines Fürſten, die Sklavin der Etikette, ſo vieler Vorurtheile zu ſein, gegen Charaktere und Intriguen kämpfen, die beſte Zeit nur langweiligen Ceremonien opfern zu müſſen.
„Eine Fürſtin kann nicht wie die ärmſte Frau in der Hütte ihre Erholung in der Familie finden in der großen Welt, in der ſie leben muß, hat ſie weder Bekannte noch Freunde; da⸗ für verläßt ſie ihre Familie, ihre Heimat, und warum? Um einem Manne anzugehören, deſſen Charakter ſie nicht kennt, in eine Familie einzutreten, die ſie mit Eiferſucht aufnimmt, und um ein Opfer der unglücklichen Politik eines Miniſters zu ſein, der ſich von der Verbindung eine ewige und doch ſo unſichere Allianz verſpricht.“
Inmitten der glänzenden Feſte empfand dieſe junge Frau die Laſt einer thatenloſen Exiſtenz, eine unausfüllbare Leere des Herzens. Sie vermochte dieſe Misſtimmung Niemand als ihrer Schwägerin Chriſtine einzugeſtehen, weil Niemand ſie begriffen haben würde. Sie zog es vor, ſich abzuwenden, die Augen zu ſchließen und ihre Hoffnung auf das andere Leben zu richten. Eine Ahnung, daß ſie bald ſterben müſſe, kam über ſie, kein Zuſpruch konnte ſie davon abbringen, ja ſie ſprach es aus, daß das Kind, welches ſie 1762 zur Welt brachte, bald nachfolgen werde.„Wann wird dies Leben mit ſeinem Elend, ſeinem Kummer, ſeiner Noth aufhören? Wann wird die Seele befreit ſein von den Banden, die ſie an die Maſchine des Körpers feſſeln, wann wird ſie ſich aufſchwingen zu den himmliſchen Wohnungen?“ ſo ſchrieb ſie in einem Auf⸗ ſatze 1763. Die Nähe des Todes ſcheint ihr das höchſte Gut; der einzige Schmerz, der ſie drückt, iſt, die zu verlaſſen,
welche ſie liebt. Von Kindheit an eine düſtere Betrachtung
des Lebens gewöhnt, erſehnt ſie den Tod als das einzige Glück und erfleht ihn im Gebet Morgens und Abends.
Dieſe Gewißheit von dem baldigen Ende der geiſtvollen Frau erfüllte nach und nach auch ihre Umgebung. Eines Tages ſagte die Kaiſerin Maria Thereſia zu Caraccioli:„Ich liebe ſie zu ſehr, um ſie nicht verlieren zu müſſen, ſie wird ein Opfer ſein, das der Himmel von mir verlangt.“ Leider erfüllte ſich ihre Prophezeiung nur zu bald.
Maria Iſabella gebar ihrem Gemahl zwei Kinder: Maria
Thereſia und Chriſtine. Als die erſte Tochter am 20. März 1762 zur Welt kam, war Joſeph überglücklich. Um ſo tiefer ſtürzte ihn die Geburt ſeines zweiten Kindes. Iſabella wurde im September 1763 krank. Damals ſchrieb ſie unter anderem an Chriſtine:„Der Tod iſt wohlthätig. Nie in meinem Leben habe ich mehr daran gedacht als zu dieſer Stunde. Ich ſtellte mir alle ſeine Schrecken vor, aber Alles erweckt in mir den Wunſch, bald zu ſterben. Gott ſieht in mein Herz' er weiß, daß ich ihm gerne dienen wollte, daß ich mehr in Unbeſonnenheit als mit Willen geſündigt habe; er kennt den Wunſch, ein Leben zu verlaſſen, in welchem ich ihn jeden Tag beleidigte; ich bringe das Opfer von ganzem Herzen, trotz allen Wider⸗
ſtandes der Natur. Ich hoffe auf ſeine menih
keit. Das einzige Leid iſt, daß ich dich verlaſſe, ich kann es kaum verwinden; mein Troſt iſt nur, daß du auf gutem Wege biſt, daß du Gott immer treu ſein wirſt. Er wird dir ſeine Gnade verleihen und dich nach viel Mühſal zum ewigen Glücke führen. Was habe ich in der Welt zu thun? Ich bin zu nichts nützlich, ſtifte nur Uebles; je länger ich lebe, deſto mehr Hinderniſſe für mein Heil; wenn es erlaubt wäre ſich ſelbſt zu tödten, ich wäre verſucht es zu thun, aber viel⸗ leicht erweiſt mir Gott die Gnade, mich bald hinwegzu⸗ nehmen.“
Wen überraſcht nicht dieſe vollendete Reſignation, dieſer düſtere Ueberdruß am Leben? Nur die völlige Unbefriedigt⸗ heit, die ſchreckliche Erkenntniß eines verfehlten Daſeins konnte dieſe unglückliche Frau in dieſe Stimmung verſetzen. Man ſieht, welcher Jammer, welche Seelenqual oft nahe den Thronen wohnt. Wenige Monate nachher, am 22. November 1763, brachte Maria Iſabella eine zweite Tochter zur Welt und verfiel hierauf in die bösartige Blatternkrankheit, welche in jeder Generation im Hauſe der Habsburger einige Opfer gefordert; fünf Tage ſpäter, am 27. November, war die herrliche Frau eine Leiche. Ihre zweite Tochter ſtarb am Tage der Geburt; das erſte Kind folgte der Mutter nach ſieben Jahren.
Erzherzog Joſeph war untröſtlich in ſeinem Schmerze. Niemals konnte er die Erinnerung an dieſe zauberhafte junge Frau vergeſſen. Wenn er, wie erzählt wird, die Briefe der Verſtorbenen geleſen hatte, ſo wurde hierdurch nicht ſein Ge⸗ müth durch die Enttäuſchung verbittert, ſondern ſein Schmerz und ſein Betrübniß mußte ſich noch mehr vergrößern über den Verluſt einer Frau, die ſo viel Liebe in ſich getragen.
(Schluß folgt.)
Das ſchwarze ßataillon.
Es unterliegt wol keinem Zweifel, daß eine der Haupt⸗ urſachen der Misſtimmung des franzöſiſchen Volkes in dem nicht befriedigenden Ausgange der mexicaniſchen Expedition zu ſuchen iſt. Der Stolz dieſer Nation ſah ſich ſchon ver⸗ letzt durch die Erfolge der preußiſchen Waffen im vorigen Jahre, durch die Vergrößerung Preußens, das vor Kurzem erſt Schleswig⸗Holſtein annectirt und abermals anſchwoll, während Frankreich mit leeren Händen daſtand.
Dieſe Verſtimmung erreichte ihren Höhepunkt, als gerade während des Zankes um Luxemburg die Truppen der mexicani⸗ ſchen Expedition nach Frankreich zurückkehrten und Marſchall Bazaine mit ſeiner Familie wieder in Paris anlangte, deſſen Hoffnungen auf die Würde eines mexicaniſchen Vice⸗Königs oder gar eines unabhängigen Monarchen nicht minder Schiff⸗ bruch gelitten hatten.
Die mexicaniſchen Truppen hatten wol an 30,000 Kamera⸗ den drüben jenſeits des Oceans in den heißen Boden gebettet; ſie kamen reich decorirt mit der mexicaniſchen Medaille, aber — ohne Gloire. Das ganze Unternehmen war geſcheitert, und um Mexico dürfte ſich ſchwerlich ſobald wieder eine fremde Autorität kümmern.
Geröſtet von der Sonne Mexicos, erſchienen die Truppen
in Paris, während ein großer Theil wieder in die afrikaniſchen Garniſonen dirigirt worden war. Schweigend kamen ſie, von Niemand bekränzt; kein Volksenthuſiasmus, der in Paris doch ſo leicht erregbar, jubelte ihnen entgegen. Wird man wirklich am Rhein finden wollen, was man in Mexcio vergeb⸗ lich erſtrebt?
Nur eine Truppengattung der Zurückkehrenden erregte wenigſtens die öffentliche Neugier. Ein kleines Corps, einem
zuſammengeſchmolzenen Bataillone ähnlich, intereſſirte Alle, da
es durch Paris zog, in weißen vrientaliſchen Jacken, weißen türkiſchen Pantolons, weißen Gamaſchen, rother Schärpe, mit dem blauen vrientaliſchen Bund auf dem geſchorenen Kopfe und einer rothen„Schachia“.
Sie ſahen aus wie Zouaven in Sommer⸗Uniform, aber ihre ſchwarzen Neger⸗Geſichter trugen den eigenthümlichen Typus der Völker des tiefinneren Afrika, und aus dieſem waren ſie vor Beginn der mexicaniſchen Expedition geworben — es war das ſogenannte ägyptiſche Bataillon.
Im Innern Abyſſiniens rekrutirt, trugen ſowol die Offi⸗ ziere als die Unteroffiziere und Soldaten dieſes ſeltſamen Bataillons die richtige Ebenholzfarbe auf den wilden Geſichtern, was mit dem weißen Coſtüm und der rrothen Schachia den
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