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Ein kleiner Druck auf den Knopf, ohne daß man ſich im Bett zu erheben, vom Tiſch fortzubewegen hat, gibt gleich dem allezeit fertigen Hausgeiſt Befehl, ſeine Schuldigkeit zu thun.
Und was thut er nicht Alles, wenn man ihm nur die Drähte zum Daraufhinfliegen gegeben hat, mittels eines un⸗ bedeutenden Knopfdruckes! Da kommt ein Fremder und zieht die Glocke an der Entréethür der Wohnung, und ſogleich klingelt's in der Küche und im Dienerzimmer, bis die Entree⸗ thür geöffnet wird. Es ereignet ſich, daß aus Zufall oder Nachläſſigkeit die Entréethür offen bleibt. Ein Bettler, der eben im Hauſe umhergeht, oder auch kein Bettler, fühlt ſich durch dieſen Umſtand ſehr verlegen. Er ſieht nämlich im Corridor Mäntel und Kleider ohne jede Aufſicht hängen, und dies läßt böſe Gedanken in ihm aufſteigen. Weshalb laſſen die Leute auch die Thür zu ihrer Wohnung auf und bringen den armen Menſchen in Verſuchung! Es iſt ſo leicht zu ſtehlen, wenn man Gelegenheit hat; man denkt ſich oft gar nichts dabei. So ſchiebt der in Verſuchung Geführte leiſe die Thür auf, huſcht in den Corridor, packt die Kleider und will eben damit hinauseilen— da öffnen ſich wie auf Verabredung alle inneren Thüren auf dem Corridor, Hausfrau, Dienſt⸗ mädchen, Köchin, Diener erſcheinen und faſſen und ergreifen den erſchrockenen Dieb, der gar nicht begreift, wie dieſer Ueber⸗ fall möglich war. Hätte er eine Ahnung von dem wachſamen Hausgeiſte gehabt, er würde ſich gehütet haben, zu ſtehlen. Denn ſo wie er die Thür bewegte, ſo wie er auf den Corri⸗ dor trat, ſetzten ſich in den Wohn- und Dienerzimmern, in der Küche ſelbſt, die Glocken in Bewegung, welche ſeinen Ein⸗ tritt ankündigten, ohne daß er es ahnte. Und ſo kann man ſolche Contacte, Drähte, unſichtbar legen, daß kein Fenſter zu öffnen geht, kein Schaufenſter angerührt, kein Geldſchrank, Schreibtiſch, Silberſpind angefaßt werden kann, ohne daß die Gefahr dem Beſitzer oder den Dienern in Wohnzimmern oder Schlafgemach durch Klingeln mitgetheilt wird, und befände ſich eins oder das andere vier Etagen höher, in einem ganz anderen Flügel des Gebäudes. Es wird damit geradezu den Spitzbuben das Handwerk gelegt, und wie angenehm iſt dies nicht Denjenigen, die etwas zu ſtehlen haben, wie nützlich nicht der Geſellſchaft und dem Staat, welche durch Gelegenheits⸗ diebe beſonders ein ſo ſtarkes Contingent nachher in den Ge— fängniſſen demoraliſirter Unglücklicher erhalten. Die Geſell⸗ ſchaft hat an der Exiſtenz der Spitzbuben mit Schuld; je mehr ſie das Stehlen erſchweren wird, deſto weniger wird geſtohlen werden.
Wie kann ein reicher Mann, ein Ariſtokrat, der ſich nicht mit dem Gewöhnlichen abgeben darf, jetzt erſt einen ſeiner würdigen Comfort genießen! Wie gemein, immer erſt dem Diener befehlen zu müſſen, daß er anſpannen laſſe, und dann noch gezwungen ſein zu warten, bis Johann mit der Equipage fertig. Jetzt läßt ſich ein echter Ariſtokrat, ein Mann des
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Comforts, einen Haustelegraphen anlegen und beſchwört mit einem Druck auf das Knöpfchen alle Geiſter, die er tanzen laſſen will. Jedes Knöpfchen gibt beſtimmte Zeichen, oder er gibt beſtimmte Signale durch mehrfaches Drücken hintereinan⸗ der. Da erſcheint nach dem beſtimmten Signal der Kammer⸗ diener, ihn anzukleiden; unten, weit hinten im Stall ſpannt auf daſſelbe Signal Johann ſogleich an, und in der Diener⸗ ſtube wird gleicher Weiſe mittels dieſes einen Druckes die geſammte Livreeſchaft aufmerkſam gemacht, daß Seine Gnaden auszufahren geruhen werden.
Und die Hausfrau erſt— wie leicht und geräuſchlos, mit größter Genauigkeit und Beſtimmtheit, vermag ſie durch dieſen Hausgeiſt ihre Dienerſchaft zu regieren, ihre Befehle vollziehen zu laſſen, ohne ſich ſelbſt bei den größeren Anord⸗ nungen der Geſellſchaft theilweiſe entziehen zu müſſen. Sie kann heute durch ihre Wohnung von ſechs, acht Zimmern einen unſichtbaren Telegraphen legen laſſen, der mittels einer Tafel und daran befindlichen Klappen in der Küche und der Dienſtbotenſtube geuau annoncirt, in welchem Zimmer, in welchem Flügel der Wohnung die Zofe verlangt wird, wohin Madame ein Glas Waſſer gebracht wünſcht. Sie hat am Büffet ihren Knopf, auf den ſie den beſtimmten Druck aus⸗ übt, wenn bei Tafel ein neuer Gang erſcheinen oder abge⸗ räumt werden ſoll. Niemand ihrer Gäſte merkt etwas davon, die Hausfrau braucht nicht mit ihren Leuten zu reden, ſich aus dem Saal zu entfernen.
Verdrießlich iſt dieſe Zauberei am Ende nur den geehrten Dienſtboten ſelbſt, die jetzt der Magie dieſes Hausgeiſtes er⸗ liegen müſſen. Die Klingel ruft ſie unerbittlich zu ihren Pflichten, und zwar auf der Stelle. Schon morgens zur be⸗ ſtimmten Stunde des Aufſtehens drückt die Herrſchaft, welche noch behaglich in ihrem Bette liegt und weiter zu ſchlafen denkt, an den verwünſchten Knopf und läßt dadurch den Wecker über dem Lager des ſchlummernden Dienſtmädchens erſchallen, ſo lange, ſo eindringlich, bis dies verzweiflungsvoll ſich dem Bette entreißt und durch einen Druck auf den Knopf in ſeinem Zimmer die fürchterliche Klingel wieder in Ruhe⸗ ſtand verſetzt. Eher hört der Wecker nicht auf und ehe dies Rückſignal nicht erfolgt, läßt Madame den Hausgeiſt nicht aufhören zu klingeln. Ja, ſie braucht nicht einmal zum Wecken ſelber zu erwachen; es kann eingerichtet werden, daß zu einer beſtimmten Zeit der Wecker von ſelbſt losgeht und den Schlaf der dienenden Geiſter ſtört
Es iſt unglaublich, wie Alles darauf hinausgeführt wird, die Politik der Macht zu unterſtützen, ihr zu dienen. Wie der Kriegsminiſter jetzt aus ſeinem Bett heraus die Armee mobil machen kann, ſo hat der Fabrikherr am Schreibtiſch in ſeinem ganzen Etabliſſement, die Hausfrau am Büffet in ihrer ganzen Wohnung, wenn ſie ſich einen ſolchen Hausgeiſt an⸗ ſchaffen, Alles am Schnürchen! S. W.
Die Zugendzeit des Maler Carl Friedrich Leſſing.
Von Julius Philippſon. ²)
Der Gedankeninhalt der religiöſen Malerei des Mittel⸗ alters war vorzugsweiſe die religiöſe Verklärung, d. h. der Sieg, den die Religion des Jenſeits verleiht und feiert; die neuere Kunſt hat ſich dagegen auf einen weſentlich andern Standpunkt geſtellt. Es iſt der menſchliche Charakter, die menſchliche Leidenſchaft, das vielgeſtaltige Menſchenleben, welche der Kunſt zum Inhalt dienen. Darum vorzugsweiſe die Pflege der Geſchichtsmalerei, die ſelbſt da, wo das religiöſe Moment
zur Darſtellung gewählt wird, einen hiſtoriſchen Charakter an⸗
nimmt. Man hat dieſe Kunſtepoche als die realiſtiſche be⸗ zeichnet, was ſie aber, ſtreng genommen, nur in ihrer Vor⸗ periode ſein kann, denn je höher die Kunſt ihre Entwickelung wieder nimmt, deſto mehr muß ihr Ziel und ihre Arbeit in der Idealiſirung des Realiſtiſchen, in der idealen Durch⸗ führung des Realen beſtehen. Der moderne Geiſt zeichnet
0) Wir erſuchen den Herrn Verfaſſer um Aufgabe ſeiner jetzigen
ſich auf allen Gebieten dadurch aus, daß er die Idee, welche in dem Realen verkörpert iſt, faſſen will, weshalb auch in allen Zweigen der Kunſt, ſo in der Poeſie und ſogar in der Muſik, eine große geſchichtliche Idee verkörpert werden ſoll. Mit einem flüchtigen Moment begnügt ſich der Künſtler nicht, es ſoll gleich der ganze Weltgeiſt im Menſchlichen erfaßt und dargeſtellt werden. Einer der größten Meiſter auf dieſem Gebiete der Malerei iſt Karl Friedrich Leſſing. Vom Beginn ſeiner Laufbahn an hat er dazu beigetragen, der Verklärungs⸗ malerei des Mittelalters, die man vergeblich wieder von Neuem erſtrebte, ein Ende zu bereiten, dagegen von ihr ab⸗ zuſehen und zur Darſtellung des Menſchengeiſtes in ſeinem bewegten Leben, zunächſt alſo zur Geſchichtsmalerei, in neuer Entfaltung zu ſchreiten. Ihm iſt die Kunſt ein mächtiger Trieb, eine Schweſter der Religion; er iſt durchdrungen von
Adreſſe. Die Redaction.


