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ihn für einen ſehr reichen Amerikaner zu halten, doch eine höchſt einfache Lebensweiſe führe.
Von ſeiner Begleiterin wußte man im Dorfe nichts, als daß ſie ſchön wie ein Engel ſei, daß ſie ihn mit der zärt⸗ lichſten Aufmerkſamkeit pflege und ſich um die ganze Welt nicht kümmere. Uebrigens redeten Beide eine Sprache, die kein Menſch im Dorfe verſtehe und die jedenfalls nicht die
engliſche ſei, denn dieſe kenne man dem Klange nach durch
die Berührung mit den Engländern, die in früheren Jahren hier Aufenthalt genommen.
Lahrſtein war nach dieſer Auskunft gerade noch ebenſo klug, wie er gekommen.
„Stockfield! Stockfield!“ brummte er auf dem Rückwege vor ſich hin.„Er hat ebenſo wenig ein Recht, ſich Stockfield zu nennen, wie ich! m vorbei geſchritten, ohne mich kennen zu wollen, denn ſo Put, wie ich ihn erkannte, hätte er auch mich erkennen müſſen Derſelbe Hochmuth wie damals und eine ſo ſichere Stirh ſo ſchuldbeladenem Gewiſſen! Aber er ſoll mich erke S 3
Lahrſtein unterbrach hitt ſeine Reflexionen, das Blut
Hochmüthig wie immer iſt er an mir
drängte ſich ihm zum Gehirn; er hemmte ſeine Schritte, die ihn zum Dorf hinaus geführt, und blieb mitten im Wege ſtehen.. „Was hindert mich denn, mir ſofort Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen?“ fragte er ſich.„Er taucht vor mir auf wie ein Geſpenſt aus lange vergeſſener und— verſchmerzter Zeit; er geht an mir vorüber, ohne mich zu erkennen; er tritt hier unter fremdem Namen auf... Freilich, hat er nicht Urſache, v den Namen zu wählen? Iſt er nicht genöthigt, gewiſſe te zu meiden, die... denen er jetzt mit ſo bru⸗ taler Gleichgültigkeit begegnet, die er keines Blickes würdigt!“ ſetzte Lahrſtein entrüſtet hinzu.„Aber ich will ihn zwingen, mich zu erkennen! Hat auch die Zeit Alles in Vergeſſenheit begraben, ich will jene Tage ihm ins Gedächtniß zurückrufen! Eine Schuld wie die ſeinige verjährt niemals vor dem Geſetz, und er ſoll ſie wenigſtens ſühnen durch ſein eigenes Bekenntniß!“
Allmählich beruhigte ſich Lahrſtein wieder. Stundenlang treifte er in den Bergpartien umher, der Morgen war ſchon eraufgeſtiegen, als er vor dem Landhauſe anlangte, in welchem der Fremde wohnte.(Fortſetzung folgt.)
Der diesjährige April macht unter unſerem Breitegrade durchaus den Eindruück, als habe Jemand im Himmel den Hahn der Waſſerleitung offen gelaſſen. Es träufelt, tropft und ſprüht von obenher Tag für Tag, Stunde um Stunde, und kein Menſch hat Nachricht, ob der Frühling überhaupt noch zur Vernunft kommen oder ein ſeinem Anfang ent⸗ ſprechendes klägliches Ende nehmen wird. Nichtsdeſtoweniger wandert der Berliner, den Traditionen und Erinnerungen früherer Aprilmonde getreu, vor das Halleſche Thor hinaus und ſchwenkt von der Tempelhofer Chauſſee ein wenig links ab an der Stelle, wo die erſten Terrainſchwierigkeiten ein⸗ treten. ſondern gerade um ſie zu überwinden; denn hat ſein ebene⸗ gewohnter Fuß die Anhöhe erklommen, ſo kann er das Soldaten⸗ lied aus„Fauſt“ ſingen:
Kühn iſt das Mühen, herrlich der Lohn!
Er befindet ſich nämlich„auf dem Bock“ und läßt ſich das gleichnamige wunderbare Gebräu verabreichen, deſſen Teint das Auge reizt, wie ſein Bitterſüß die Zunge.
Zwar brauchte Niemand den Marſch bis zum Gegen⸗ ſtück des Kreuzbergs zurückzulegen, er könnte des braunen Safts auch innerhalb der Stadt habhaft werden, allein es iſt noch ein anderer Magnet, der hinauslockt: man will das eigenthümliche Leben ſehen, welches der Bock auf dem Bock entwickelt. Am beſten zeigen es die ſpäteren Nachmittags⸗ und die Abendſtunden, wenn der Handwerker ſein Schurzfell abgelegt, der Kaufmann den Comptoirſchlüſſel eingeſteckt, der Lehrer die Grammatik zugeklappt, der Subalternbeamte die Feder ausgeſpritzt und der Geheimrath den vorgeſchriebenen Miniſteriumsfrack mit dem gemüthlicheren Oberrock vertauſcht hat.
„Wie? Was?“ hören wir unſere Leſer in den Provinzen überraſcht fragen,„Geheimrath und Bock? Ein Geheimrath wird doch nicht—?“
Allerdings, müſſen wir antworten, wird der Geheimrath auch dem Bock einmal ſeine Ehrfurcht bezeigen und wird dort manchen ſeiner Collegen, ja noch weit höhere Chargen treffen, aber— er wird den Takt beſitzen, ſie da draußen nicht zu kennen, und ſie werden ebenfalls die Güte haben, ihn zu ignoriren.
Alſo wäre der Ort ein unanſtändiger Aufenthalt? Be⸗ wahre! Nur iſt er ein Platz, wo kein Anſehen der Perſon gilt, wo Jeder, der daſelbſt erſcheint, ſich freiwillig dem Andern gleichſtellt, weil er ſonſt leicht zu der Gleichſtellung gezwungen werden könnte, ſobald der Bock ſeine Wirkung übt. Dies geſchieht meiſt ſchon nach einer Stunde, d. h. nach⸗
Aber nicht, um dieſen auszuweichen, ſchwenkt er ab,
Ein ßerliner Bockbild.
dem der Magen zwei, drei Seidel(reſpective Steinkrüge) des ſeltſamen Bieres aufgenommen und den Geiſt der Flüſſigkeit an das Gehirn abgeliefert hat. Dann macht ſich ein Zuſtand bemerkbar, der ſich in der Aeußerung gefällt:„Jetzt iſt mir Alles einerlei!“ Der Bockbeſucher weiß das aus Erfahrung oder vom Hörenſagen; deshalb eben verzichtet er klüglich von vornherein auf Hutabnehmen und andere Höflichkeitsbeweiſe, welche der Rangunterſchied in dem nüchternen Mauern der Stadt mit ſich bringt.
Je tiefer die Dämmerung herniederſinkt, deſto belebter wird der große, baumbepflanzte Platz vor der Terraſſe, die zu dem geräumigen überdachten Saal hinaufführt. Mann und⸗ Weib, Weib und Mann ſucht Stuhl, Bank und Tiſch; denn die Krone der Schöpfung, das liebenswürdige Gebild aus Adam's Rippe, iſt keineswegs vom Bock ausgeſchloſſen, viel⸗ mehr ſchwebt es in den verſchiedenſten Nüancen daher, von der reichen und noblen Dame am Arm des eleganten Gemahls abwärts bis zur armen, aber auch„noblen“ Köchin, die ihre Sparpfennige dem Durſt des Infanteriſten opfert, der ſie geleitet.
Welch ein Neigen und Wiegen aller weiblichen Chignons und Zöpfe plötzlich? Das ſtarkbemannte Orcheſter gibt von ſeinem erhöhten Kiosk herab dem Publikum„den Kuß“(il baccio), den die holde Geſangskunſt des graziöſen Fräuleins Deéſirse Artot in Berlin heimiſch gemacht. Wo dieſer Walzer ſeine Tonwellen aufrollt, ergreift der Dreiachteltakt den koketten Eugenienſtiefel wie den altfränkiſchen Großmutterſchuh, der ſchmalſte wie der breiteſte Frauenfuß geräth ins Trippeln, als ließe ſich Papageno's Glockenſpiel oder Scherasmin's Horn hören. bewegten Zehenſpitzen? Iſt es der gelbe Sand? Die gelben Eierſchalen ſind es, die den Sand faſt unſichtbar machen. Sie bedecken das Erdreich in ſolcher Maſſe, wie einſt die Wachteln den Himmel bedeckten, als Moſes ſein Volk ſammt dem goldenen und ſilbernen Geräth, das er vorher den arg⸗ loſen Aegyptern abgeborgt, durch die Wüſte führte. Eier ſcheinen ein unentbehrlicher Imbiß zum Bockbier. Ihre Farbe iſt, wie geſagt, gelb— Dank dem Zwiebelabfall, worin man den Fleiß der Hühner geſotten! Sie würden in ihrem natür⸗ lichen Unſchuldsweiß ebenſo gut munden, aber ihrer Colorirung liegt eine ſymboliſche Bedeutung zu Grunde; denn gelb blicken uns auch ſämmtliche Möbel auf dem Platz, ſogar die Laternen⸗ pfähle an, gelb das Geſtein und die Holzpfeiler der langen überwölbten Winkelhalle, die ſich unmittelbar an den Aus⸗ ſchanksraum ſchließt und bei allzu feuchtem Niederſchlag Schutz
Aber was kniſtert denn ſo deutlich unter den daktyliſch


