Jahrgang 
27-52 (1867)
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nicht, daß Cornelia ohne alles Mitleid für eine alte,

ehrliche Dienerin iſt, und dann wußte die kluge Dame

ſehr wohl, daß ihre Aufopferung von der ganzen

Familie Sternberg bemerkt werden mußte.

Wodurch wollen Sie mir beweiſen, daß ſie ſelbſt⸗ ſüchtig iſt?

Durch ihre feinen, unausgeſetzten Aufmerkſam⸗ keiten gegen die alte Präſidentin von Oberfeld; ſie hoffte, die halbtaube Frau dahin zu bringen, ſie zu ſich in's Haus zu nehmen, gleichviel, ob ſie dadurch von Ihnen und Thereſen getrennt wurde oder nicht.

Frau Sternberg ſchüttelte ungläubig den Kopf.

Sie beabſichtigt, die eben nicht ſehr kluge, alte Dame für ſich einzunehmen, in deren Teſtament zu kommen oder den liebenswürdigen Andreas zu hei⸗ rathen, hahaha!

Jetzt hören Sie auf, Doctor, ſonſt werde ich ernſtlich böſe; meinen Sie, daß Cornelia ſich an dieſen häßlichen, blödſinnigen Mann verkaufen könnte?

Fräulein Harder, die unbemittelte Gouvernante, würde dadurch Baronin von Waldeneck und zugleich die reichſte Frau in der Provinz. Andreas iſt höchſt gutmüthig, ſie würde ihn um den Finger wickeln.

Trauen Sie Cornelien ſo wenig Phantaſie, Zartgefühl, Liebesbedürftigkeit zu, daß ſie eben nur an äußeren Glanz denken ſollte?

O! ſagte der Arzt und lächelte ein wenig; doch laſſen wir Ihren Schützling in Ruhe, beobachten

Sie ihn ſelbſt. Am andern Tage wurde Selten zu Fräulein

Harder gerufen. Sie klagte über Halsſchmerzen,

Schwäche, fieberte, und der Doctor erklärte, daß Cor⸗ nelia wirklich krank ſei, vielleicht könne ſich ein Schar⸗ lachfieber daraus entwickeln; Frau Sternberg und Thereſe ſollten ihr fern bleiben, er werde für eine vortreffliche Wärterin ſorgen.

Das Scharlachfieber wurde aus der anfänglichen Krankheit nicht, ſondern eine eigenthümliche Art von Wechſelfieber. Doctor Selten rieth Luftveränderung und ſo wurde die Gouvernante an einem milden Februartage ſorgfältig verhüllt im geſchloſſenen Wagen, von der Wärterin begleitet, nach dem Bahnhofe ge⸗ bracht, um in einem Coupé erſter Claſſe, das ganz für ſie in Beſchlag genommen war, nach einer zehn Meilen entfernten Gebirgsſtadt zu Verwandten von Stern⸗ bergs zu reiſen. Sehr langſam erholte ſie ſich dort, aber auch in dieſer Familie hatte ſie bald die Freund⸗ ſchaft Aller gewonnen. Der Rath Sternberg ſchrieb ſeinem Vetter, Fräulein Harder ſei das vernünftigſte, natürlichſte Frauenzimmer, das er kenne, die Räthin fand ſie beſcheiden und allerliebſt, die drei heran⸗ wachſenden Kinder der Familie ſchwärmten für ſie.

Novellen⸗ZJeitung.

Die Briefe, welche Cornelia von Zeit zu Zeit ant Frau Sternberg und Thereſen ſchrieb, athmeten Sehn⸗ ſucht, Heimweh nach dem trauten Hauſe und dem Wohnort ihrer Freunde.

Endlich, gegen Ende April, kehrte Cornelig wieder zu ihren Freunden zurück und wurde von dieſen mit ungeheuchelter Freude empfangen.

Wie ſchade, liebes Fräulein, daß Sie meinen Freund, Herrn von Walton, nicht mehr treffen, ſagte Doctor Sternberg,er iſt vor acht Tagen abge⸗ 1 reiſt.*

Nun, er wird doch wiederkehren? erwiderte Cornelia lächelnd. 5

So bald wohl nicht, er iſt vor der Hand nach Oſtpreußen zurückgereiſt und will ſich dann einer Ge⸗

ſellſchaft von Naturforſchern anſchließen, die den Orient zu bereiſen bedenkt. Er hat viel tteres er lebt: dieſe Reiſe wird ihn erfriſchen. 8

Cornelia athmete auf, dann ſagte ſie:Bitteres!) Und wodurch?

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Sein älteſter Bruder, den er ſehr lie te, iſt ge⸗ ſtorben und der jüngere ſeit Jahren in eine Melan- cholie verfallen, welche unheilbar ſcheint. Thn Freund Walton iſt Wittwer.* ni

Da ſollte der melancholiſche Herr von Walto mit ſeinem Bruder reiſen, bemerkte Cornelia⸗ 5

ſanfter Stimme. Das habe auch ich geſagt, allein, wie mein Freund verſicherte, iſt ſein Bruder nicht aus Alten⸗ fels wegzubringen, obgleich das Schloß für ihn der Schauplatz trauriger Erinnerungen ſein ſoll. In wiefern, Herr Doctor?. 4 Das Nähere weiß ich nicht. 4 Wird Herr von Walton lange ſein? Er ſprach von vier Jahren. Cornelia wandte ſich zu Thereſen, welche eben in das Zimmer trat. 3 Ich glaube faſt, Sie ſind während meiner Ab⸗ weſenheit gewachſen, liebſtes Röschen, ſagte Car⸗ nelia,oder ſieht das nur mein Auge Schekannf gar nicht die rechten Worte finden, um zu ſgen, wie glücklich ich mich fühle, wieder daheim zuſin. Da⸗ heim! Ach, vielleicht ſollte ich mir nicht lauben, ſo zu ſprechen, ich habe kein Recht daz' allein ich brauche dieſen Ausdruck ſo gern! 12 Wir wünſchen, daß Sie ſich Ir zu Haie ſühlen, meine liebe Cornelia, ſagte Nu Sternberg. Gewiß, mein liebes Kind, füg Doctor Stern⸗ ſ berg mit herzlichem Wohlwollen hir⸗ Den ganzen Abend war Corne von einer hin⸗ reißenden Liebenswürdigkeit, und au Steruberg be⸗

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M.