Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte Solge. 781

Deutſche im Winter ihren⸗Aufenthalt genommen haben, um ſich des dortigen milden Klimas zu erfreuen, was ſie ſicher nicht ohne Intereſſe leſen werden. Der Verfaſſer ſagt:

Der Nachtſchnellzug nach Bordeaux iſt einer der am beſten eingerichteten und bequemſten in Frankreich. Man verläßt Paris des Abends um 8 Uhr 15 Minuten, kommt

in Bordeaux am folgenden Morgen um 7 Uhr 8 Minuten und in Pau um die Mitte des Tages an. Die Reiſe kann in Bordeaup leicht unterbrochen werden, aber für Diejenigen, welche kräftig ſind und denen es wünſchenswerth iſt, unter⸗ wegs weder Zeit noch Geld zu verſchwenden, iſt es vielleicht am beſten, direct nach Pau zu reiſen. Nach einem Halt von einer Stunde in Bordeaux, wo wir frühſtückten, waren wir wieder unterwegs und fuhren durch den ſeltſamen, pittoresken Landſtrich, les Landes genannt, der von Doré in dieſen Illuſtrationen ſo bewundernswerth gemalt worden iſt, be⸗ ſonders in der Seite 13, welche die Scene vollkommen ſo darſtellt, wie ſie ſich von den Fenſtern unſeres Waggons aus darſtellte. Dieſer ſeltſame, trübſelig ausſehende Landſtrich, der ſich faſt von Bordeaux bis Dax erſtreckt, iſt mit Fichten⸗ bäumen bepflanzt, die durch kleine bebaute Ländereien und Aecker von einem moraſtigen Grunde, über denen der Nebel Meilen weit hängt, zertheilt ſind. Es iſt am frühen Morgen ſchwierig, ſelbſt die Formen der Fichtenbäume zu unter⸗ ſcheiden, vor denen wir vorüber fliegen, und noch ſchwieriger, uns ſelbſt zu überreden, daß zwiſchen den Baumgipfeln menſchliche Weſen ſind, welche die Schafe unter denſelben weiden, wo ſo wenig Nahrung für dieſelben zu wachſen ſcheint. Sehr ſeltſam und ſonderbar erſcheinen in der Ent

1 fernung dieſe kleinen Figuren auf ihren Stelzen(mit einem langen Stabe, um nach dem Prinzip eines dreifüßigen Stuhls feſt ſtehen zu bleiben), welche hier und dort wie Vogelſcheuchen ſich zeigen, welches Geſchäft ſie wahrſcheinlich ebenſowohl wie das eines Schäfers beſorgen. Hier und dort ſehen wir Einen fortgehen, um eine Botſchaft auszu⸗ führen, und es iſt merkwürdig, die großen Schritte zu be⸗ obbachten, mit denen ſie vermittelſt ihrer Stelzen voran⸗ ſcchreiten. Die Bewohner derLandes ſind eine kräftige Race, die heben Entbehrungen, beſonders dem Mangel an gutem Wa eer unterworfen iſt. Von früher Kindheit ge⸗ wöhnen ſie ſich daran, auf Stelzen zu gehen und den größten Theil ihrer Zeit ſich mit Feldarbeiten zu beſchäftigen. Ihren Unterhalt gewinnen ſie indeſſen hauptſächlich dadurch, daß ſie Harz von den Fichten ſammeln. Die Rinde des Baumes wird abgeſchält und derſelbe dann angezapft; unter die Stelle, wo der Einſchnitt in den Stamm gemacht worden iſt,

wird ein Gefäß geſtellt, in welches das Harz fließt. Der Effect

ſehe ſenderbar und ergreifend, wenn man es zum erſten 85 kale ſieht, beſonders bei halbem Licht oder beim Scheiden des Tages. Indem wir durch dieſe Pflanzungen paſſiren,

ſehen wir eine große Zahl Fichtenbäume, die faſt ein ver⸗ ſtümmeltes menſchliches Anſehen annehmen, ihre Stämme ſiind zerſchnitten und zerfetzt, ſie geben ihr Lebensblut her und ſterben ſchnell einer nach dem andern ab; ebenſo die

auch verſtümmelten Korkeichen, welche die phantaſtiſchſte Form annehmen und ihre zahlreichen verkrüppelten Glieder ausſtrecken, als wollten ſie um Mitleid bitten. Nach jeder Richtung hin ſehen wir meilenweit nichts als dieſe breiten Ebenen, die mit ſolchen Bäumen bedeckt ſind, und wir können

nicht unterlaſſen, uns zu beglückwünſchen, daß die frühere

Reiſe in der Diligence mit ihren langweiligen, monotonen

1 Stationen endlich abgeſchafft iſt. Trotz alledem gewährte

das frühere Reiſeſyſtem doch auch ſeine Entſchädigungen,

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denn man ſah dabei mehr von der Gegend und ihren Bewoh⸗ nern, wenn man nach einer langen Tagesreiſe in der bren⸗ nenden Sonne gegen Abend in Dax ankam und die ent⸗ fernten Pyrenäen in der Abendſonne glühen ſah und während der zahlreichen Haltepuncte Muße hatte, unterwegs eine oder ein paar der alten Städte näher zu betrachten...

In Bezug auf Pau ſagt der Verfaſſer:

Die Bevölkerung von Pau beträgt ungefähr 21,000 Seelen, von denen eine große Zahl Ausländer ſind, welche ebenſowohl durch die Schönheit der Lage des Orts wie durch den Ruf der Stadt eines ſehr milden und geſunden Klimas im Winter angezogen werden. Es giebt daſelbſt drei oder vier wichtige Straßen, von denen die Rue de Préfecture den erſten Rang einnimmt; aber die große Mehrheit der Straßen ſind enge und unregelmäßig gebaut und ſie bieten nichts Anziehendes dar. Es giebt aber ſehr viele Zeichen von Wohlſtand und Reichthum in den großen neuen Häuſern, die ſich nach allen Richtungen hin erheben, und in der Menge und Verſchiedenheit der Waaren in den Läden, die denen in Paris gleichen, obſchon zu dieſer Zeit des Jahres die Straßen halb verödet ſind und die Haupt⸗ ſtraßen beinahe einen eben ſo ruhigen Anblick darbieten, wie die faſhionobeln Straßen in London, ſobald die Saiſon vorüber iſt. Blos auf dem geſchäftigen Marktplatze und in einigen Ecken und Winkeln der Induſtrie in der Stadt findet man viele Zeichen der Handelsthätigkeit. Blos an Sonn⸗ und Feſttagen laſſen ſich viele Bearner daſelbſt ſehen. Das Coſtüm derſelben iſt jetzt ſo vollkommen mo⸗ derniſirt, daß man, trügen die Männer nicht ihre eigen⸗ thümlichen Barrets und die Frauen ihre geſtreiften Hals⸗ tücher, ſie ſchwerlich von den Bewohnern einer andern Stadt Frankreichs würde unterſcheiden können. Pau, die frühere Hauptſtadt des Königreichs Navarra und jetzt der Hauptort des Departements der Nieder⸗Pyrenäen, nimmt nicht nur in der Schätzung der Bearner, ſondern auch in der Geſchichte Frankreichs eine ſo wichtige Stelle ein, daß wir einige Worte über ihren Urſprung ſagen müſſen. Es iſt eine merkwürdige Thatſache, daß der Urſprung des Schloſſes in Pau und in der That der Stadt ſelbſt, welche ſpäter um das Schloß herum erbaut wurde indirect den Mauren zu verdanken iſt, welche aus Spanien über die Pyrenäen kamen und die Bearner ſo häufig überfielen, daß die Fürſten der⸗ ſelben ſich gezwungen ſahen, die ſtärkſten Stellungen, welche die Ebene behexrrſchten, zu befeſtigen. Zu ihrer Selbſtver⸗ theidigung gaben die Bewohner des Oſſauthals einem dieſer Fürſten die Erlaubniß, auf einer Anhöhe an den Ufern des Adour ein Schloß zu erbauen, wobei ſie ſich gewiſſe Rechte und Privilegien der Regierung vorbehielten. Auf einer Stelle am rechten Ufer der Gave wurden drei Pfähle(palis) eingerammelt, um die Grenzen zu bezeichnen, und auf dem Puncte, wo der mittelſte eingepflanzt war, wurde das Schloß gebaut, das Chateau de Pal genannt wurde, woraus Pau entſtanden iſt. Um die Wälle des Schloſſes herum entſtand bald eine Stadt und in der Mitte des vierzehnten Jahrhun⸗ derts wurden unter der Leitung von Gaſton Phoebus, Graf De Foix, ſtarke Befeſtigungen hinzugefügt, eine Kirche er⸗ baut, Märkte und Meſſen angeordnet und den Bewohnern gewiſſe Rechte und Privilegien verliehen. So wurde Pau die Hauptſtadt des Königreichs Navarra, mit welchem Titel ſie zum erſten Male im Jahre 1502 in einem Patent von Jean d'Albert und der Königin Catharine, ſeiner Gemahlin, beehrt wurde; was aber ſpäter zu ihrer Größe und ihrem Wohlſtande beitrug, war wahrſcheinlich, daß Pau die Lieb⸗

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