Vierte Solge. 715
ſehr ausführlich gehaltenen Roman an vielen Stellen auf intereſſante, ja ſogar geiſtig anregende Weiſe ge⸗
feſſelt fühlen. Wenn mit dieſer pikanten Seite auch eine tiefere Charakterſchilderung und weniger äußerliche draſtiſche Effecthaſcherei in dem Bau der einzelnen Scenen Hand in Hand ginge und der hiſtoriſche
Hintergrund überall wahrer und bedeutungsvoller durchleuchtete, ſo würde, ganz abgeſehen von dem jetzt ſo kühnen als ſtets berechtigten Wunſch nach ſolider literariſcher Behandlung und künſtleriſcher Abrundung, dieſes Gemälde einen ſehr günſtigen Eindruck beim wirklich gebildeten Publicum hinterlaſſen.
Feuilleton.
Kaiſer Marimilian in der Arena zu Sevilla. (Schluß.)
Mit ganz andern Augen der Bewunderung verfolge ich den Eſpada während der kommenden Scenen. Wie kann ein Zeitabſchnitt von nicht viel länger als einer Viertelſtunde die Gefühle eines Menſchen ſo ſehr umwandeln; bange, höchſt unbehaglich war mir beim Hereintreten zu Muthe, jetzt hat mich Enthuſiasmus für das blutige Schauſpiel erfaßt. Der Stier und das todte Pferd wurden unter rauſchender Muſik von den Maulthieren aus dem Kampfplatze gezogen. Noch jubelte das Volk, und ſchon erſchien der zweite Stier, ſchon begann von Neuem der edle Kampf. Dieſes Thier war weniger ſtark, als das erſte, der Kampf weniger blutig. Ein zweiter Eſpada, Namens Joſe Carmona, ein ſchöner wohl⸗ gebauter Mann, blieb hinter Luca Blanca in der Art, den Streich zu führen, weit zurück. Der erſte Stoß traf nicht in das Rückgrat, ſo daß das Thier nicht fiel. Nun kam es dar⸗ auf an, den Degen aus der Wunde zu bringen und einen neuen Stoß zu führen; es gelang, und der Stier ſank. Ei⸗ ſerne Inſtrumente wurden ihm in den Rücken geſtoßen, bis er endlich erlag. Schon beſeelte mich ächt ſpaniſches Gefühl, und ohne Applaus ließ ich den Matador, der ein Anfänger war, an mir vorübergehen.
Nun erſchien der dritte Stier, das kräftigſte, ſchönſte Thier. Stolz trug er die weiten Hörner an der ſtarken Stirn, kurz und feſt waren die ſehnigen Beine. Sein wildes Heran⸗ ſtürmen errang ihm ſchon beim Beginne den lebhafteſten Bei⸗ fall. Mit unbeſchreiblichem Intereſſe folgte ich jeder ſeiner Bewegungen; ich konnte kein Auge von dem Thiere und ſeinen Angreifern wegwenden; jeder Moment des Kampfes feſſelte mich mit unwiderſtehlicher Gewalt. Wie war Alles geſpannt, wenn ſich der Stier mit Wuth vor den Picador ſtellte, wenn er ihn trotzig maß, und dann mit voller Macht auf Pferd und Reiter einſtürmte. Dieſer Augenblick iſt einer der ergreifendſten, hinreißendſten. Hat jedoch der Stier ſeine Hörner tief in die Seiten des Pferdes geſenkt, ſo fällt er gewöhnlich ab und verwundet ſein Opfer nicht weiter, ſo daß der auf den Boden geſtürzte Picador vor ſeiner Wuth geſchützt iſt. Meiſtens führt der Stier ſeinen Stoß in den Bauch des Pferdes, ſo daß die Gedärme blutig hervordringen. Das rechte, dem Gegner zugewendete Auge des armen Thieres iſt mit einem Tuche verbunden. Einmal faßte wäh⸗ rend des heutigen Spieles der Stier das Pferd von rück⸗
wärts, und hob es ein⸗ bis zweimal unmuthig in die Höhe. Aber der Zuſchauer iſt ſchon umgewandelt, die urſprüngliche
führte diesmal wieder den Todesſtoß, neue enthuſiaſtiſche Rufe erfüllten die Luft. Ein Pferd war auf dem Flecke er⸗ legen, eines wurde, ſchon zum Tode verwundet, doch noch auf den Füßen ſtehend, von den Maulthieren unter dem V Gelächter der Menge hinausgeſchleppt. Das Volk iſt von einer eigenthümlichen Wildheit und Schonungsloſigkeit. In ſolchen Augenblicken nimmt man wahr, welches Feuer in Spanien flammt. Iſt ein Stier nicht muthig genug im An⸗ griffe, ſo pfeift und brüllt die Menge, und man ſucht ihn durch Wehen mit den Schnupftüchern zu reizen.
In unſerer Nachbarloge ſaß ein alter Mann in anda⸗ luſiſchem Hute, mit markirten, feurigen Zügen. Er kämpfte den Kampf von ſeiner Loge mit, neigte ſich vor, ſchrie die Eſpadas an, und ließ uns deutlich erkennen, welcher Fana⸗ tismus für dieſe Kämpfer in Spanien noch herrſche, wie volksthümlich dieſes kriegeriſche Feſt ſei. Es liegt aber auch ein eigener, nicht zu beſchreibender Reiz in dem Torillo; die Erregung, welche der Anblick der Gefahren erweckt, reißt je⸗ des Gemüth unaufhaltſam in den Strom des Enthuſiasmus fort. Mir wurde ein Fremder genannt, welcher ſich hart über den Barbarismus dieſes Feſtes ausließ; ſein zartes Ge⸗ fühl machte ihn das Nichtgeſehene verabſcheuen; ein guter Freund, welcher aus Erfahrung den Reiz dieſes nationalen Vergnügens kannte, brachte den von Abſcheu Erfüllten dahin, die Corrida zu beſuchen. Beim Anblicke des edlen Kampfes ergriff auch ihn der ſüße, wilde Rauſch, und geſpannt frug er den Freund, wann das nächſte Stiergefecht ſtattfinden würde. Mich erfüllte nur Bedauern, daß mein Aufenthalt in Spanien zu kurz iſt, um mich noch einmal dieſes herrlichen
Eindrucks zu erfreuen. Der vierte Stier, den wieder Joſe Carmona erlegte, war ebenfalls weniger bedeutend. Wir waren unzufrieden, wenn die Thaten deſſelben nicht blutig genug waren, wenn eer ſcheu zurückwich; auch murrte das Volk, und der Ruf perro flog von Mund zu Mund. Nach den großen berühm⸗ ten Hetzhunden ging das Verlangen der Menge. Schon freuten wir uns, das weniger muthige Thier von den Bullen angreifen und ſich vertheidigen zu ſehen; doch wurde der Wunſch des Volkes nicht erhört, denn mancher Hund geht dabei zu Grunde, und da der Verluſt den Impreſario trifft, erklärt ſich einfach das Problem, warum die Leiter des Gefechts dem Kampfe keine neue intereſſante Geſtaltung geben wollten. Der fünfte Stier durchbrauſte die weite Arena. Ein ganzer Kerl! Neues Leben, neuer Enthuſiasmus; wie flogen die Ouadrillen, wie ſtürmte das edle Thier, wie rauſchte der
Natur des Menſchen iſt erwacht, wilde Leidenſchaft hat die Beifall; man erkannte es, daß eine tiefe Idee, die Idee der Oberhand gewonnen, und er ärgert ſich ſchon, wenn der Kraft der Verherrlichung des männlichen Muthes in dieſen Stier ſeinen tödtlichen Stoß nicht vollendet, wenn die Phaſen Spielen alter Zeit herrſcht, daß Spaniens alte Größe, daß
des Gefechtes nicht genug mit Blut gefärbt ſind. Luca Blanco der ſtolze Sinn noch nicht ganz erloſchen iſt.
Statt die


