Vierte
ſein, Näheres über Frhr. von Wellens zu erfahren, deſſen Leben in trauriger Weiſe wiederum eine der wundeſten Stellen der Geſellſchaft— das Laſter des Spieles— illuſtrirt.
Der Tod ereilte, wie eine Correſpondenz aus Wiesbaden meldet, den greiſen Freiherrn von Wellens zu Ems in dem Vorzimmer des Königs von Preußen, woſelbſt er eine Audienz in Sachen der Spielgeſellſchaften erwarten wollte. An ſich hat dieſer Todesfall nichts Bemerkenswerthes, aber die Sage knüpft an dieſes Menſchenleben einen ganzen Roman. So heißt es, daß der Baron dem Bagno entſprungen ſei, und nach vielen Abenteuern endlich in Deutſchland ſein Glück gemacht habe, und von Stufe zu Stufe bis zum Generaldirector der beiden Spielbanken emporgeklommen ſei. Auch dies iſt an ſich nichts Merkwürdiges, wol aber, daß „der Günſtling des Glücks“, der eine Einnahme von jährlich 40,000 fl. hatte, in großer Bedrängniß geſtorben iſt— vor ſeinen Gläubigern. Als Generaldirector hatte Baron v. Wellens 5 Procent Reingewinn der Spiele, und ſoll in einem Jahre 62,000 Gulden, und nie unter 35,000 Gulden, aus dem Geſchäfte bezogen haben. Aber dieſe Einnahmen reichten dem Manne nicht hin zur Befriedigung ſeiner Leidenſchaften und ſeiner Liebhabereien. Letzere waren ſehr harmloſer Natur, denn er ſammelte alte Oelgemälde und ſonſtige Kunſtalterthümer; nicht ſo harmlos aber war ſeine Leidenſchaft am Spiele. Nicht nur den grünen Tiſch zu Homburg beſuchte er; er wagte auch auf der Börſe hohe Einſätze, und ſo iſt es gekommen, daß er mit ſeinen großen Einnahmen immer und immer in Geldverlegenheiten ſich befand, die er durch eine permanente Wechſelreiterei zu decken verſuchte. Leider wird mancher Mittelmann als Opfer fallen, denn die Zahl der Gläubiger iſt ſehr bedeutend, und verlockt durch die hohen Zinſen, ſollen ſelbſt unbedeutende Leute ihre Erſparniſſe dem„großen“ Mann angetragen und nachgetragen haben. Der Tod hat den Schleier des Geheimniſſes von dieſer modernen Exiſtenz hinweggenommen, und ſie bloßgeſtellt zum abſchreckenden Beiſpiel für Alle, welche der Leidenſchaft des Spieles huldigen. Wiesbaden iſt voll des Grimmes über dieſe Geſchichte, um ſo mehr, als gerade jetzt Ee Spielfrage auf der Tagesordnung ſteht. Ob aus dem Kunſtnachlaß die Gläubiger alle befriedigt werden können, ſteht dahin; feſt aber ſcheint zu ſtehen, däß die Spielbank wie Saturnus ihre eigenen Kinder auffrißt. L.
Misrellen.
Fontenelle, der berühmte Verfaſſer der Schrift„Die Mehrheit der Welten“, ſchrieb auch, ohne grade ein ſehr gründlicher Mathematiker zu ſein, eine Geometrie des Un⸗ endlichen. Er überreichte dies Werk dem Regenten mit den Worten:
„Gnädigſter Herr, es giebt nur acht Menſchen in Europa, welche dieſes Buch verſtehen, und der Verfaſſer ge⸗ hört nicht darunter.“— r.
Der gelehrte Budäus warf es ſeiner Frau zeitlebens vor, daß er an ſeinem Hochzeitstage nur vier Stunden habe ſtudiren können. Wie viel Stunden des Tages mag er wohl einige Jahrzehnte nach ſeiner Hochzeit ſeiner Gattin ge⸗ widmet haben?—r.
Folge.
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Ein katholiſcher Geiſtlicher wollte eine öffentliche Sammlung für eine junge adlige Dame veranſtalten, welche in ein Kloſter gehen wollte, aber nicht Geld genug beſaß, um die herkömliche Kloſterausſteuer entrichten zu können, und that dies mit den Worten:
„Liebe Brüder und Schweſtern, ich empfehle eurer Mildthätigkeit ein Fräulein, daß nicht Vermögen genug be⸗ ſitzt, um das Gelübde der Armuth ablegen zu können.“
— t:
Voltaire entwirft keine ſehr ſchmeichelhafte Charakteriſtik ſeiner Landsleute, aber noch beißender ſpricht ſich der fran⸗ zöſiſche Gelehrte Chamfort über dieſelben aus. Er ſagt zum Beiſpiel:„Der natürliche Charakter des Franzoſen erinnert an die Eigenſchaften des Affen und des Jagdhundes. Poſſirliche Sprünge aller Art machend und dabei falſch und böſe wie ein Affe, iſt er gleich dem Jagdhund kriechend, niedrig ſchmeichelnd; er leckt den Herrn, der ihn prügelt, läßt ſich ruhig an die Kette ſchließen und ſpringt vor Freude, wenn man ihn losläßt, um das Wild zu jagen.— r.
Vom deutſchen Büchermarkt.
Hand und Handſchuh. Roman von Amelia B. Edwards, deutſch von Helene Lobedan. Leipzig, bei Bernhard Schlicke. 1867.
Faſt jedesmal hat man die für deutſche Romanſchreiber eben nicht ſchmeichelhafte Beobachtung zu machen, daß die engliſchen, ſelbſt wenn ſie nur herkömmliche Unterhaltungs⸗ lectüre ſchreiben, doch auf einem weit erträglichern Niveau in dieſer Sphäre ſtehen, als die deutſchen Novelliſten und erzählenden Dichter. Die Engländer ſehen in dieſer Beſchäf⸗ tigung mehr die Nothwendigkeit einer ſoliden Arbeit und bieten in Folge deſſen alle ihre Kräfte auf, um ihre Aufgabe möglichſt gut durchzuführen, und ſo macht ſich eine gleich⸗ mäßige Anſpannung ihrer Fähigkeiten, mögen dieſe auch zuweilen ſehr knapp gemeſſen ſein, wohlthuend fühlbar. Zudem ſteht den engliſchen Romanſchreibern ihr Anlehnen an ihre gute alte Schule zur Seite und dieſe Schule iſt in ſo⸗ fern eine Stütze, als ſie auf ausführliche liebevolle Schil⸗ derung des Sachlichen und möglichſt conſequente Behandlung der Charaktere ausgehen. Iſt dieſe Charakterzeichung auch oft nur durch die Breite und eine gewiſſe Natürlichkeit des Dialogs ſcheinbar oder wirklich lebenswahrer, als wir es bei gewöhnlichen Erzählungen im Deutſchen gewohnt ſind, ſo wird doch immerhin dem Leſer ein figürliches Bild entwickelt, welches mittelbar durch einen realiſtiſchen Eindruck auch einen geiſtigen hervorruft..
Dieſe Vorzüge bemerkt man mit Vergnügen in dem vorſtehenden zweibändigen Roman der Edwards. Die Ver⸗ faſſerin leidet wohl hin und wieder an der bekannten engliſchen Breite, doch beſitzt ſie ein ſehr hervorragendes Vermögen, die Illuſion des Leſers in ſeltenem Grade wachzu⸗ rufen und oft durch ſehr fein erfundene Charakterzüge mitten im Ernſte des Lebens, der von ihr mit Gemüthstiefe aufge⸗ faßt iſt, einen Moment der Rührung hervorzurufen, der das unzweideutige Zeugniß eines nicht oberflächlichen Talentes iſt. Man lieſt mit Spanung und hat dabei das tröſtliche Bewußtſein, daß es ſich nicht blos um die Vorführung mate⸗ rieller Actionen handelt. O.


