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Stirn.„Fatal, höchſt fatal! Und Sie, gerade Sie!“ Er trat vor ihn.„Becker— unſere arme Euphro⸗ ſyne!“ Wieder ſchritt er auf und nieder.„Um der Andern, der Ordnung willen— der Arreſt kann Ihnen auf keinen Fall erlaſſen werden. Doch was das Einſchreiten der Juſtiz betrifft, ſo werde ich mit unſerm gnädigſten Herrn reden, ein gutes Wort für Sie einlegen. Sie haben ſich bisher ſo wacker auf⸗ geführt, wirklich, Sie dauern mich herzinnigſt!“
Heinrich weinte:„Meine Stellung!— Mein Name!— Weib und Kind!“
„Faſſung, mein Freund!“ ſprach noch der Dichter; „gehen Sie, tröſten Sie Euphroſyne. Der Arreſt muß über Sie verhängt werden, doch die Unterſuchung Seitens des Gerichts— wir werden ſehen, Sereniſ⸗ ſimus iſt ja der gütigſte Gebieter.“
Hinaus ſchwankte Heinrich. Als er in ſeine Wohnung trat, ſtand Chriſtel bleich wie der Kalk an der Wand, doch keine Klage tönte von ihrer Lippe kein Vorwurf traf den Unglücklichen. Stotternd be⸗ richtete er, was Goethe geſprochen, welche Strafe ihm auferlegt. Die Frau glaubte nicht recht zu hören. Ihr Goethe wäre im Stande, ihren Mann zeitlebens unglücklich zu machen? Ihr Goethe hätte nicht be⸗ dacht, daß jede Strafe, die über ihren Heinrich ver⸗ hängt werde, in ganz demſelben Grade auch ſie treffe? Unglaublich! Sogleich muß er ſein Urtheil zurück⸗
nehmen, ſogleich!“ rief ſie. Er hörte kaum darauf,
er war wie zerſchmettert. Er ſah nicht einmal, daß ſie nach Tuch und Schleier griff, und erſt, als die Thür auf⸗- und zuflog, ward er ſich ihres Vorhabens bewußt und ſtürzte zum Fenſter, riß es auf und rief: „Chriſtel! Chriſtel!“
Dem Schloſſe eilte ſie zu. Daß ſie zu ſchwarz blickte, dem achttägigen Stubenarreſt eine viel zu große Bedeutung beilegte, von Goethe etwas verlangen wollte, was er hinſichts ſeiner Stellung, die lauterſte Gerechtigkeit forderte, unmöglich gewähren konnte— das Alles kam ihr nicht in den Sinn. Sie ſah nur ſich und ihren Mann zeitlebens unglücklich, falls Goethe das Urtheil nicht augenblicklich zurücknehme; und daß er das vom Standpuncte des Rechts nicht dürfe, das hätte ſie, und wenn es ihr der eigene Mann verſichert, nimmer geglaubt.
Welch' ſchweren Stand hatte der Dichter, als nun ſein Liebling vor ihn trat! Aber dennoch wich er keinen Finger breit vom Geſetze ab, welches er nach Becker's Entfernung aus der Mappe hervorge⸗ ſucht. Chriſtel war außer ſich. Er ſpendete allen nur denkbaren Troſt, er ſuchte ihr begreiflich zu machen, daß ja Stubenarreſt und Kerkerſtrafe himmel⸗ weit verſchieden ſeien, er glaubte mit Beſtimmtheit
Novellen⸗
Jeitung.
verſprechen zu können, daß der Herzog die gerichtliche Unterſuchung niederſchlagen werde— Alles umſonſt. Sie ſah nur Schande und Flucht aus Weimar.
Endlich verlor Goethe die Ruhe.„Mein Kind,“ „wo haſt Du deinen ſo freien Blick gelaſſen? Füge Dich in das Unvermeidliche! Mein Gott! Du geber⸗ deſt Dich, als müßtet Ihr durch die Spießruthen⸗ gaſſe laufen!— Liebe, herzige Euphroſyne,“ ſetzte er milder hinzu,„wie tief fühle ich mit Dir und Deinem Manne, doch ſage ſelbſt, wie würde ich wohl von all' Deinen Collegen beurtheilt werden, wenn ich mich ſtellen wollte, als ſtände Becker über dem Ge⸗ ſetz? Nein, nein, ich bin überzeugt, daß Du mir ſchon morgen beipflichten wirſt und Alle, der Herzog voran, werden—“—
„Der Herzog! Ja, er, er wird uns Aermſten helfen!“ Das rief ſie, während heiße Thränen ihr über die Wangen ſtrömten.„Der Herzog! Er war immer ſo gut gegen mich!“ Und blitzſchnell wandte ſie ſich nach der Thür..
„Thörichtes Kind!“ brauſte da Goethe auf,„was ſoll das? Du wirſt—“
Seine ferneren Worte erreichten ſie nicht mehr. Mit der Locali⸗
Schon ſtand ſie auf dem Corridor. lität vertraut, huſchte ſie ſchnell den Gang hinab. Am äußerſten Ende deſſelben lagen die Gemächer
Karl Auguſt's und Anna Amalia's nebeneinander,
und ſchon wollte Chriſtel an jene Thür, welche zum
Herzog führte, pochen, als ihr noch rechtzeitig einfiel,
wie unpaſſend ſich dieſer Beſuch, zumal um dieſe Stunde, ausnehmen würde. Daher ließ ſie ab und bat die Herzogin Mutter um Einlaß.
Sogleich öffnete Thulsneda von Göchhauſen.
„Himmel!“ rief ſie der Gebieterin zu, welche, mit Lectüre beſchäftigt, auf der Bergère ſaß,„eine verweinte
Euphroſyne!“
„Was giebt's?“ rief die Fürſtin aufſpringend und das Buch von ſich werfend.„Herein, mein Kind!“
So ſchnell es ihre gebrochene Stimme erlaubte, berichtete Chriſtel das Geſchehene.
„Alles hört auf!“ meinte das Neldchen, indem es das Batiſttuch näßte, der„Aermſten“ die brennen⸗ den Augen zu kühlen.
Amalia ſchlug die Hände zuſammen.„In der
That, es hört Alles auf! Der Goethe! Gelüſtet's ihn, ie nacha ſehen, ob mein Sohn noch wach iſt.— Hans von
den Despoten zu ſpielen? Neldchen, laſſen
Blumenthal? Ja, ich entſinne mich dieſes Schlingels von Weimar her. Welche Streiche! Richtig, die Dillburg⸗Dillenberg ſeine Prnut Voilà, ein Tauge⸗ nichts ſondergleichen!— Nun, Neldchen?“ 8 „Der gnädigſte Herr hatten ſich bereits zur Ruhe
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