Jahrgang 
27-52 (1867)
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Süße Närrin, bei dieſem Regen denkt Niemand an's Paradies. Das alte Weib da oben wird Gott danken, wenn wir ihren Milchtopf austrinken. In Deiner Stube war's doch gar zu heiß, im Grünen plaudert ſich's auch weit hübſcher.

Ich laſſe mir zu viel gefallen! Ja, ich bin viel, viel zu gut gegen Dich. Wenn Du ein anderes Mäd⸗ chen findeſt, ſiehſt Du mich nicht mehr an und hei⸗ rathen

Heirathen? fiel Hans raſch ein, den Stiefelab⸗ ſatz gegen einen Stein ſtemmend,entſetzliches Wort und im Munde einer Künſtlerin noch tauſendmal ent⸗ ſetzlicher! Ein liebes Mädchen iſt der Himmel auf Erden, aber eine ehrſame Hausfrau hul hu!

Sie ſchmollte:Alle Farben nimmſt Du an, wie ein Chamäleon. Und ich hab's neulich geſehen, wie eifrig Du mit der Kleinen aus Merſeburg geſprochen haſt, mit der wie heißt ſie gleich? Die mit ihrer Tante

Laut lachte er da auf:Thekla von Dillburg⸗ Dillenberg? Aber Hedwig, auf die eiferſüchtig zu ſein, auf das Gänschen! Ich grüße ſie, ich mache ihr in der Allee mein Compliment, weil ſie mir gegenüber wohnt und hauptſächlich deshalb, um jeden Schein von uns abzuwenden. Denk' ich doch, ich thue Dir

damit einen großen Gefallen! Du ſelbſt ſprichſt, man

dürfe uns nie zuſammen ſehen, Dein Ruf, Deine Stellung würden leiden!

Freilich, verſetzte ſie, indem ſie ihren Weg nun fortſetzten,das war in Leipzig ein ander Ding. Dort kümmern ſich die Collegen nicht um einander, und dem Director iſt's gleichgültig, womit ſeine Mit⸗ glieder außer dem Theater die Zeit hinbringen. Aber jetzt bin ich weimariſche Hoftheaterſängerin, und da⸗ nach mußeich mich richten. In Weimar und hier iſt Alles ſo prüde, kleinſtädtiſch, langweilig. Wenn eine meiner Colleginnen uns zuſammen ſähe, würde das Geſchrei losgehen und Kirms die Augen verdrehen und Goethe Wind und ich den Abſchied bekommen. Darum beſſer, Du plauderſt zuweilen mit dem Gänschen, und zum Zeichen meines Einverſtändniſſes hier meine Hand und Du biſt und bleibſt mein lieber kleiner Hans.

Auf einer Anhöhe eine Hütte, aus Baumrinde gezimmert, warddas Paradies genannt. Eine arme Häuslerin ganz in der Nähe credenzte friſche Milch, Brod und Käſe. Wenn die Sonne lachte, ſchlugen die Badegäſte den Weg zum Paradieſe häufig ein, um ſich an dem Anblick des lieblichen Thales zu weiden und die Merſeburger Kirchthurmſpitze zu betrachten, nach der, wie die Häuslerin Jedem erzählte, einmal vor grauen Jahren ein gottloſer Menſch von hier oben geſchoſſen. An dem Abende jedoch, als Haus

Novellen⸗ZJeitung.

und Hedwig zum Paradieſe emporſtiegen, war es leer. Die Erfriſchungsſpenderin, welchebei dieſes Wetter⸗ chen eher alles Andere als Gäſte erwartet hatte, mußte erſt gerufen werden, und als ſie mit der Milch kam, war die, wie leicht erklärlich, ſauer. Doch einerlei, die Unterhaltung war ja ſo ſüß. Durch die Spalten des Paradieſes pfiff der Wind und ſickerte der Regen. Und Hedwig bedachte trotz des Plauderns ihr Kleid, das Schaden nehmen würde.

La même chose! wehrte Hans.

Sie wollte dieſe Worte überſetzt haben.

Ich kaufe Dir ein neues, lautete ſeine Ver deutſchung.

O, eines mit ſeidenen Spitzen? flötete ſie da.

Mit drei Reihen Spitzen, gab er flötend zurück.

Ganz ſo eins, wie die Beckerin hat?

Was kümmert mich Frau Becker, dieſe Komö⸗ di die Schauſpielerin? ſetzte er, ſich verbeſſernd, hinzu.

Nun, ich meinte nur ſo, die Beckerin hat ein himmliſches Spitzenkleid von der Frau Herzogin Amalia bekommen.

La méme chose, wiederholte er, und jetzt be⸗ durfte ſie keiner Ueberſetzung. Nach einer Weile fragte er:Sprichſt Du hie und da die Beckerin?

Nur auc hfn Bühne, außer dem Theater kenne

ich meine Colleginnen nicht; aus Grundſatz. Und jetzt iſt die Beckerin auch für Niemanden zu ſprechen, weil Er ſchielte nach ihr und ſagte:Aha!

Wie glücklich ſich Hans nun fühlte! Das Ge⸗ fängniß im Hauſe desGeneralſchwätzers Böttiger, deſſengrauſam ſcheußliche Strenge und die ſchmale Koſt, die er während eines runden Jahres hatte er⸗ tragen müſſen Alles das lag nun hinter ihm und es war ihm, als ſei er erſt in Lauchſtedt zur Welt gekommen, hier erſt zu einem Daſein erwacht, wie es ſich für ihn, den Junker, ſchicke. O, über dieſes, in Böttiger's ffächſter Nähe verlebte Jahr! Das war eine Qual geweſen, die Hans ſeinem ärgſten Feinde nicht wünſchte! Immer hatte er lernen, immer den Cerberus neben ſich ertragen müſſen, und nicht einmal in der einzigen Erholungsſtunde war dieſerSchreck⸗ lichſte der Schrecklichen von ſeiner Seite gewichen! Aber dafür war er im Examen auch leidlich beſtanden und dann wie der Sturm von dannen geeilt, nach Halle an der Saale; freilich nicht, um hier den Wiſſen⸗ ſchaften obzuliegen, ſondern um ſich zu langweilen wie ein uralter Mops. Dieſe verräucherte Stadt, dieſe Weisheitsmienen überall, dieſe zimperlichen Mäd⸗ chen! Ein Glück für unſern Studenten, daß er da die Hallenſer Zeitung und darin die Anzeige fand: die Saiſon in Lauchſtedt habe ſoeben ihren Anfang