Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

ruchloſen That auch nicht noch neue Verletzungen zufügen. Er wollte nur Luft, nur Worte, um den Irrthum zu löſen, die arme Angefallene zur Vernunft zu bringen.

Doch umſonſt! Immer feſter, immer krampfhafter ſchlangen ſich ihre Finger, die wie von Eiſen ſchienen, um ſeine Kehle, immer ſchmerzlicher, pfeifender wurde der Klang ſeiner gehemmten Stimme, immer ſchwerer, drückender das Gewicht ihres Körpers. Eben wollte er den letzten Verſuch zu ſeiner Befreiung dadurch machen, daß er, ſich über die Angreiferin werfend, dieſelbe mit ſich zu Boden zu ſtürzen trachtete, als er empfand, daß der Körper der Frau zu zucken und das Preſſen an ſeiner Gurgel nachzulaſſen begann. Ein Ruck, und Hände wie Körper der Unglücklichen fielen von ihm ab und ſie ſelbſt glitt röchelnd an ihm nieder in die Lache des Blutes, in der er ſtand, wie er an dem ſchlüpfrigen Her⸗ und Hinrutſchen ſeiner Füße ſchon lange gefühlt hatte.

(Schluß folgt.)

Zu den heiteren Erinnerungen.

Faſt alle Freunde des deutſchen Theaters werden dem zu früh verſtorbenen Bühnenkünſtler Fried. Beckmann an⸗ genehme Stunden verdanken, nur Wenige haben ihn perſönlich gekannt und erfahren, wie ſeine Laune auch im bürgerlichen Leben ganz für die Pointen von Poſſe und Luſtſpiel zugeſpitzt war. Wir entnehmen einer Biographie einige ſolche Charakteranekdoten, von denen auch ein paar auf Unkoſten eines andern ſo nahe mit dem Künſtler verbunden geweſenen Herrn entfallen und zwei andere wohl ſchon vor Jahren in Berlin mitgetheilt, aber vielen Leſern nicht in ihrer Ent⸗ ſtanmung von Beckmann bekannt geworden ſind.

Während der Künſtler in Berlin wirkte, wurde ihm bei einer Tiſchgeſellſchaft ein Platz zwiſchen den beiden Schweſtern Auguſte und Charlotte von Hagn angewieſen. Beim Niederſetzen ſagte er:Eine herrliche Stelle! Zwiſchen 43 Hagn und C. Hagn kann man nur mit B Hagn(Behagen) itzen! 5 Eines Tages ließ ſich Beckmann von Freunden verleiten, einen Berliner Recenſenten, eine ſtadtbekannte Figur, Namens Fränkel, auf der Bühne zu perſiffliren, und ſtellte ihn in Maske und Geſten ſo getreu dar, daß das Publicum am Schluſſe:Fränkel heraus! rief. Der Journaliſt klagte und Beckmann wurde verurtheilt, den Beleidigten in deſſen

Wohnung vor Zeugen um Verzeihung zu bitten. Zur beſtimmten Stunde harrte Herr Fränkel im Kreiſe ſeiner Familie und einer Unzahl von hierzu invitirten Verwandten und Bekannten des ankommenden Büßers. Aber Viertel⸗ ſtunde auf Viertelſtunde ſchlich mit bleiernem Schritte dahin, und Beckmann kam nicht! Endlich ging die Thüre auf, Beckmann ſteckte den Kopf herein und fragte:Wohnt hier Herr Meyer?O nein, antwortete Fränkel,der wohnt daneben.Ah!l da bitte ich um Verzeihung! ſagte Beckmann, ſich raſch entfernend, und hatte ſich auf dieſe Weiſe zum großen Aerger des Herrn Fränkel und zur Erheiterung der in ein ſchallendes Gelächter ausbrechenden geladenen Zeugen der ihm auferlegten Buße pünctlich entledigt.

Einſt ging er über einen der Hauptplätze Berlins, als ihn ein Fremder mit der Frage aufhielt, wie er von hier aus am ſchnellſten zur Polizeidirection kommen könnte.Wollen Sie ſehr ſchnell dorthin kommen? frug Beckmann.Ja, entgegnete der Fremde,es hat EilelNun, ſprach

Folge. 605 Beckmann,da will ich Ihnen einen guten Rath geben; gehen Sie dort hinein(dabei wies er auf den Laden eines Goldarbeiters)und ſtehlen Sie ein Armbandoder dergleichen, dann werden Sie gleich auf der Polizeidirection ſein!

Beckmann hatte in einem Badeorte eine Cur gebraucht. Kurz vor der Abreiſe beſuchte ihn der Brunnenarzt und fragte ihn, wie er ſich befinde. Beckmann erwiderte:Ich danke Ihnen, Herr Doctor, mir fehlt gar nichts! Der Arzt war entzückt, aber Beckmann erklärte weiter:Sehen Sie, Herr Doctor, als ich hierher kam, hatte ich Ohrenbrauſen, das hab' ich noch, hatte Augenſchmerz, den hab' ich noch, hatte Magendrücken, das hab' ich noch; Sie ſehen alſo, daß mir gar nichts fehlt von dem was ich mitgebracht habe!

Beckmann ſtand einſt vor dem Eingange des König⸗ ſtädter⸗Theaters im Kreiſe mehrerer Collegen, unter welchen ſich auch der nicht ſehr beliebte Schauſpieler P.. l befand. Dieſer letztere beſtürmte Beckmann fortwährend, er möge doch einen Witz machen oder etwas Spaßiges erzählen. Beckmann war des Zudringlichen bereits überdrüſſig und antwortete endlich auf neues Andringen P.. l's:Nun, ich kann Euch höchſtens einen ſonderbaren Traum erzählen, den ich heute Nacht hatte.Erzählen Sie! Erzählen Sie! rief P.. l begierig und drängte ſich noch näher.Mich träumte, begann nun Beckmann,ich ſei geſtorben und ſtände bereits vor der Himmelspforte. Doch Petrus verweigerte mir den Einlaß unter dem Vorgeben:Schau⸗ ſpieler dürfen nicht in den Himmel! Beſtürzt ſenkte ich mich wieder zur Erde nieder und kroch in mein Grab. Gleich darauf erzählte mir mein Grabesnachbar: mein College P.. l habe gleichfalls das Zeitliche geſegnet und ſei ſchon in den Himmel gekommen. Darüber entrüſtet, flog ich wieder nach der Himmelspforte hinauf, klopfte Petrum heraus und fragte ihn nach dem Grunde der Zurückſetzung, die ich erfahren, während doch P.. l hineingekommen wäre?I, lieber Herr Beckmann, erwiderte Petrus und klopfte mir auf die Schulter,wie können Sie nur ſo wunderlich ſprechen? Der P.. l war ja in ſeinem Leben kein Schauſpieler!

Während Beckmann's Actien fortwährend im Steigen begriffen waren, ſanken aber trotzdem die Actien des König⸗ ſtädter Theaters immer tiefer im Courſe, und zwar, wie Holtei ſelbſt bekennt, nicht ganz ohne ſeine Mitſchuld. Er hatte ſeiner Stellung als Directions⸗Secretär in Folge ſeiner Unerfahrenheit und Leidenſchaftlichkeit, ſeiner Stellung als engagirter Theaterdichter in Folge des vergnügungsſüchtigen Lebens, dem er ſich hingab und das ihn von der Verfaſſung der verſprochenen Anzahl neuer Stücke abhielt, nicht entſpro⸗ chen. Ebenſowenig ſcheint nach den uns vorliegenden Mittheilungen das Siebengeſtirn der Direction beſonders geglänzt zu haben, der Gagen⸗Etat war im Verhältniſſe zu den Einnahmen zu hoch und ſo kam es, daß im Jahre 1829 das Theater ſammt dem Fundus instructus im Licitations⸗ wege verkauft wurde.

Der Beſitzer der bis dahin an die Actionäre verpachteten Conceſſion, Herr Friedrich Cerf, machte von ſeinem Vor⸗ kaufsrechte Gebrauch und erſtand das Theater um zwanzig Procent unter dem Schätzungswerthe. Das Königſtädter Theater galt alſo von nun an als Eigenthum des genannten Herrn, welcher es aus eigenen Mitteln gekauft und dann nicht nur in ökonomiſcher Beziehung ohne allen Zuſchuß blühend aufrecht erhielt, ſondern auch für ſein reines, uneigennütziges, menſchenfreundliches und künſtleriſches Wirken den Titel eines Commiſſionsrathes und den Rothen Adler⸗Orden dritter Claſſe empfing. So wenigſtens ſollte