Vierte Folge. 599
noch dieſe oder jene Hochſchule beſuchen, da das ein⸗ mal ſo Gebrauch wäre. Freilich, ein Jahr ſei eine
lange Zeit und für ihn, den Baron, unter ſ
kehren, um dort ſich hinter den Bäumen zu verbergen, um nie wieder mit dieſer elenden Welt in Berührung zu kommen.
Allein es kam anders. Knebel war nicht der Mann, dem es Behagen gewährte, ſich in andere Ver⸗ hältniſſe zu miſchen, auch würde ja Luiſe, da er nun um ſie war, vor jeder Aufdringlichkeit geſichert ſein; allein es dünkte ihm Pflicht, den jedenfalls nichts ahnenden Baron über das leichtfertige Bürſchchen auf⸗ zuklären. Es hatten nur erſt einige Tage nach Cor⸗ nelia's Beſtattung vergehen ſollen, bevor er dem Baron aufwarten wollte; und jetzt erſchien ihm die Stunde zur Erledigung der ſo peinlichen Pflicht ge⸗ eignet.— Wie entſetzlich der Schmerz und das Ge⸗ bahren Blumenthal's waren! Der Major ward bis in's Herz ergriffen, als er den Mann vor ſich ſo ganz außer ſich ſah. Er betonte noch vielmal, daß nur die Pflicht ihn hergeführt, und zum Zeichen ſeines Dankes reichte ihm der Baron die Hand. Der eigene Sohn ihn betrogen, ſo nichtswürdig betrogen! Trotz aller ſeiner Wachſamkeit doch dem Nichtsthun, doch
den„Weibsbildern“, doch der Rudorf nachgelaufen!
Alſo er ſei der Mann nicht, den Nichtsnutz zu bän⸗ digen, und er habe ſo ſehr ſicher zu gehen geglaubt! Wie der Burſche das nur angefangen habe? denn ſein Zimmer ſei doch beſtändig hell geweſen? Jetzt ſei's ihm auch klar, daß ihn an jenem Abend, als er in den Stern gegangen, kein Kopfweh geplagt. Alſo er ſei nicht dazu geſchaffen, Hans zur Raiſon zu bringen, er müſſe andere Wege einſchlagen und das auf der Stelle! Eine Penſion müſſe geſucht, Herder um Rath gefragt werden— die ſtrengſte Penſion! Dann ward Hans gerufen. Die Unterredung zwiſchen Vater und Sohn war eine ſehr kurze. Hans geſtand Alles ein, und der Baron konnte vor Zorn kaum Worte finden. In der nächſten Minute richtete er ein Schreiben an Herder, welches dieſer dahin beant⸗ wortete, daß er kein ſolideres Haus, als das des Pro⸗ feſſors Böttiger empfehlen könne. Zwar befiel das Bürſchchen bei Nennung dieſes Namens ein entſetz⸗ liches Grauen, und die Ohs! und Achs! aus ſeinem Munde waren zahllos; allein da Böttiger ſich bereit erklärte, ihn unter ſeine Fittige zu nehmen, ſo nutzte alles Strauben nichts: Hin denn an den Ort, wo das Zimmer, welches ihm eingeräumt worden, im zweiten Stockwerke lag, wo Profeſſor Böttiger mit der Miene eines Cerberus thronte, wo der Brodkorb
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ſo lange hoch hing, bis der Penſionär das Penſum von oben nach unten und von unten nach oben im
olchen V Kopfe hatte... Wohl bekomme Dir's, lieber Hans! Verhältniſſen eine tauſendmal längere. Aber er wolle geduldig ausharren und dann nach dem Gute zurück⸗
Jetzt mußte ſich Papa Baron gänzlich überflüſſig in Weimar fühlen. Die Bäume auf ſeinem Ritter⸗ gute rauſchten bis in ſein Zimmer hinein, und darum wuchs die Sehnſucht nach dem ſtillen Winkel bei Apolda, wo ja Gottlob! jene Menſchenclaſſe fehle, die Satansküſte treibe, ſich mit Verführungen befaſſe und ſehr richtig mit Scharfrichtern und Vagabunden in einen Topf zu werfen ſei. Nichts hielt ihn jetzt ab, dieſen Sündenpfuhl zu verlaſſen; wußte er doch Hans gut aufgehoben. Darum fort, ſobald wie denk⸗ bar, und die Haushälterin und der Diener geriethen ob der zahlloſen Commandos in eine Aufregung, die ſich nur durch regelmäßig angewandte niederſchlagende Mittel einigermaßen beſänftigen ließ. Drei Abſchieds⸗ beſuche machte der Baron: Herder, der Stallmeiſter von Stein und Profeſſor Böttiger wurden durch ſeine Viſite beglückt; bei Hofe empfahl er ſich nicht, und die höchſten Herrſchaften fühlten ſich durch dieſen Ver⸗ ſtoß nicht im Mindeſten getroffen. Aber bevor die Reiſekutſche aus der Remiſe geſchoben wurde, empfing Blumenthal noch einen Beſuch: der Adlerwirth, dem nichts entgangen war, ſtellte ſich mit hundert„ganz gehorſamſter Diener“ und mit einer ellenlangen Rech⸗ nung über Latour, Bocksbeutel und Sillery ein. Ohne eine Miene zu verziehen, zahlte der Baron, und dann — fort, fort aus dieſer elenden Welt!
Und der Herbſt verging und der Winter verging, und von den Bergen ſtieg der duftigſte, lieblichſte Frühling. Und als einmal die Sonne mit einer Pracht aufging, daß Stadt und Park und Fluß und Wieſe ſchier wie vergoldet dalagen, da war der Tag erſchienen, an dem Heinrich und Chriſtel vor den Altar traten. Das war in der Stadtkirche, und Herder ſegnete die Ehe ein, und die Herzogin⸗Mutter, Goethe, Wieland, Frau Neumann und Corona Schröter umſtanden das bewegte Paar. Ja wohl, tiefinnerſt bewegt trotz alles Glückes! Denn Eine fehlte ja— ſie, die auf dem Jacobskirchhof unter Blättern und Blumen ſchlief. Heute zum erſten Male hatten Heinrich und Chriſtel die Trauerkleider abgelegt, aber nicht vermocht, die Trauer um Cornelia aus ihrer Bruſt zu bannen, und in der Frühe dieſes goldigſten Tages hatte es ſie nach dem Grabe gezogen, wo ſie gebetet und gefleht hatten um Glück und um Frieden.
Am Abend verſammelte ſich eine größere Geſell⸗ ſchaft in Goethe's Garten. Auch Karl Auguſt erſchien. Die Unterhaltung war heiter und doch ernſt, dem Tage angemeſſen. Schaumwein ward credenzt, ein


