Jahrgang 
27-52 (1867)
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Vierte

mit ſeinem Medicin⸗Sack und anderen gewerblichen Para⸗ phernalien, trafen, voll aufgeputzt und mit der Kriegsſarbe bedeckt, unter großem Menſchenzulauf zuſammen. Beide hatten ſich auf die Begegnung durch langes Faſten und Beſchwörungen vorbereitet. Nach der Pfeife, die bei allen wichtigen Rathsverſammlungen den Anfang macht, ſetzten ſich die Medicin⸗Männer einige Fuß weit getrennt, einander gegenüber nieder. Die Machtprobe ſcheint nach Principien des thieriſchen Magnetismus vorgenommen worden zu ſein, und dauerte lange, ohne einen verſchiedenen Vortheil auf einer der beiden Seiten, bis dieSchwarze Schlange, alle ſeine Macht zuſammenfaſſend, oderſeine Medicin ſammelnd, mit uugter Stimme dem Gegner zu ſterben befahl. Der unglückliche Beſchwörer unterlag und in einigen Minuten gingſein Geiſt, wie mein Gewährsmann ſagte,jenſeits der Sand⸗Buttes. Das einzige Zaubermittel oder Amulet, das die Schwarze Schlange je brauchte, ſoll ein kleiner, bohnenartiger Kieſel, der an einem Elenſehnen⸗Stück an ſeinem Halſe hing, geweſen ſein. Er hatte zwar ſeine Bücher, aber ſie wurden ſelten gezeigt.

Der Tod ſeines Nebenbuhlers durch ſo rein nicht⸗ mechaniſche oder phyſiſche Mittel verſchaffte der Schwarzen Schlange einen hochberühmten Namen in derMedicin, den er ſeitdem ſich ſtets zu wahren gewußt. Es war vergeblich, hierbei an Gift, Betrug oder heimliches Einverſtändniß zu denken, um das Ereigniß zu erklären der feſte Glaube herrſchte, daß dieSchwarze Schlange ſich allein durch geiſtige Macht den Triumph geſichert habe.

Ich erzählte dieſe Geſchichte einem hochgebildeten und tiefreligiöſen Manne meiner Bekanntſchaft. Er war ein Prieſter des Jeſuiten⸗Ordens, ein Europäer von Geburt, früher Profeſſor an einer ſehr berühmten Univerſität des Continents, und ohne Zweifel ein ehrlicher und frommer Mann. Seine Bekanntſchaft mit dem Leben der Indianer erbeckte ſich über eine mehr als zwanzigjährige Miſſionszeit in den unwirthlichſten Theilen des Weſtabhanges der Felſengebirge. Zu meiner Verwunderung(denn ich war damals ein Neuling im Lande) fand ich ihn weder erſtaunt, noch betroffen, noch amüſirt von dem, was mir als ein ſo grober Aberglaube erſchien.

Ich habe, ſagte er,viele Machtſchauſtellungen geſehen, die ich mit meinen Kenntniſſen nicht erklären kann. Ich habe Weiſſagungen von Ereigniſſen weit in die Zukunft hinaus gekannt, die buchſtäblich in Erfüllung gingen, und Medicins in den folgerichtigſten Weiſen erprobt geſehen. Einmal ſah ich einen Kutenai⸗Indianer(weithin bekannt als Schukum⸗tamahe⸗rewos, wegen ſeiner außerordentlichen Macht) einem Bergſchaf befehlen, todt niederzufallen, worauf das Thier unter die Felſen der Bergſeite ſprang und augen⸗ blicklich leblos niederfiel. Dies ſah ich mit eignen Augen und hernach von dem Thiere. Es war unverwundet, geſund und vollſtändig wild. Ach! fuhr er, ſich bekreuzend und gen Himmel blickend, fort: Maria beſchütze uns! Die Medicin⸗Männer haben ihre Macht vom Satan!

Derberühmte Jeſuitenprofeſſor hatte ſicherlich ſeine Urtheilskraft ebenſo gewiß von dem verſtorbenen Bergſchaf entlehnt, als der Medicinmann ſeine Macht vom Satan entnahm; doch abgeſehen von dieſen kleinen, an der Sache nichts ändernden Albernheiten, bleibt es doch eine merkwürdige Thatſache, daß engliſche Aerzte, ſowie Gelehrte der Pariſer Akademie ſeit einer kurzen Reihe von Jahren transatlantiſche Naturerzeugniſſe unterſucht haben, deren Wirkungen auf den thieriſchen Organismus unſer Begriffsvermögen in das

Folge. 4 95 höchſte Erſtaunen verſetzen. Man braucht wohl nicht erſt an aſiatiſche Schlangenbeſchwörer und an jene Derwiſche zu erinnern, welche ſich einem wochenlangen Todesſchlaf in nachher vermauerten Grabgewölben in die Arme werfen und die Zeit ihres Erweckens genau beſtimmen, um ein eben ſo merkwürdiges Gegenſtück zu den Künſten der indianiſchen Medicinzauberer zu citiren.§.

Misrellen. Lord Cheſterfield ſagt:Behaltet euer Wiſſen wie eure Uhr in der Taſche, zieht ſie nicht jeden Augenblick heraus, um zu zeigen, daß ihr eine beſitzt, aber wenn man euch fragt: Wie viel Uhr iſt es? dann, aber auch nur dann ſagt es! r.

Mitten in ſeiner Faſtenpredigt rief ein Capuzinermönch begeiſtert:Meine Brüder, bewundert und ſegnet die göttliche Vorſehung, welche den Tod an das Ende des Lebens verſetzt hat, damit wir die gehörige Zeit haben ſollten, uns darauf vorzubereiten. r.

Als die Mutter Kaiſer Karl's des Großen ſtarb, erhielt ſie einen Leichenſtein mit der einfachen Inſchrift: Hier ruhet die Mutter Karl's des Großen. Als dagegen die Mutter des Regenten Philipp von Orleans geſtorben war, ſchlug ein geiſtreicher Mann vor, auf ihren Grabſtein zu ſchreiben: Hier ruht der Müßiggang. Aber warum das? frug man.

Nun, heißt es nicht: Müßiggang iſt aller Laſter An⸗ fang?(oder vielmehr, wie das Sprüchwort im Franzöſiſchen geſagt wird: l'oisiveté est la mère de tous les vices).

t.

Vom deutſchen Züchermarkt.

Der Nachdruck in Nordamerika. Von E. Stei⸗ New⸗York.

Der amerikaniſche Buchhandel und weſentlich die ameri⸗ kaniſche Zeitungspreſſe, beſonders die deutſche, zeigen uns eine maſſenhafte Ausübung des Nachdrucks und es ſind viele Stimmen, die keineswegs blos vom europäiſchen Buchhandel ausgehen, über dieſe auffallende Erſcheinung laut geworden, welche ſie natürlich nicht loben konnten. Es braucht nicht wiederholt zu werden, was ſich Tadelndes über den Nach⸗ druck ſagen läßt, da dies allgemein bekannt und ſowohl im moraliſchen als in der Conſequenz des juriſtiſchen Rechts. Natürlich bleibt es dabei ein Unterſchied, auf welche Seite man ſich ſtellt, ob auf die amerikaniſche oder europäiſche. Für Amerika mag es ein Vortheil ſein, wenn durch den Nachdruck europäiſche Schriften jenſeits des Oceans ver⸗ breitet werden und bei der jugendlichen und literaturarmen Bevölkerung einen gewiſſen literariſchen Elementarunterricht übernehmen.

Dies ſcheint uns das weſentlichſte Motiv zu ſein, durch welches man dem Nachdruck, ſo lange wenigſtens, bis erſt eine eigene Literatur in Amerika genügend vorhanden iſt, zeitweiſe eine Vertheidigung widmen darf oder vielmehr kann. Selbſtverſtändlich dürfen ſich dann auch die Amerikaner nicht bei uns über den Tropfen im Eimer alteriren, womit ich den Nachdruck bezeichnen möchte, den ſich zuweilen Dieſer oder Jener dieſſeit des Meeres bei der kleinen Zahl wiſſens⸗

ger.