Jahrgang 
27-52 (1867)
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ihm die Natur bietet, aufſuchen. Im Winter leiden die armen Thiere in der Regel den fürchterlichſten Hunger, ſie verſchlingen dann Alles, alte Stücke von Fellen, altes Tauwerk u. dergl., um nur das Leben zu friſten, und oft, wenn der Seehundsfang mißlingt, ſtirbt eine Koppel nach der andern, was wiederum die Hundesnoth bei den Eigenthümern zur Folge hat, die ſich dadurch des einzigen Mittels zum Erwerb beraubt ſehen. Daß der grönländiſche Hund ſich zum Theil ſelbſt ernähren muß, bewirkt natürlicherweiſe, daß die Natur des Raubthieres bei ihm ſehr ent⸗ wickelt iſt. Er iſt wild und biſſig und fällt wüthend jedes Thier an, das ihm in den Weg kommt, zerreißt und verzehrt es, ſoweit er es vermag. Es iſt deshalb nothwendig, die Hunde ziemlich ſtreng zu behandeln, was jedoch bei den Grönländern oft zu der abſcheu lichſten Grauſamkeit ausartet; aber nichts deſto we⸗ niger hat man Beiſpiele, daß ſie Kinder zerriſſen haben, ja daß ſelbſt Erwachſene ihren Angriffen unterlegen ſind.

Sie müſſen ſich Sommer und Winter im Freien aufhalten und ſind im erſtaunlichen Grade abgehärtet. Wenn die Kälte 20 Grad R. überſteigt oder von Sturm begleitet iſt, rollen ſie ſich nicht einmal zu⸗ ſammen beim Schlafen, ſondern ſtrecken alle Viere be⸗ haglich von ſich. Nur der Hündin, wenn ſie geworfen hat, erlaubt man kurze Zeit, in dem Hausgange zu liegen. In der Regel bilden die Hunde eines jeden Grön⸗ länders von ſelbſt eine beſondere Abtheilung, die auf dem Dach der Hütte des Eigenthümers lagert. Jede ſolche Koppel hat ihren ſogenannten Baas, d. h. der Stärkſte wirft ſich zum Herrn der Anderen auf, übt Gerechtigkeit, beſtraft die Faulen und macht ſich wäh⸗ rend der Schlittenfahrt ſehr nützlich. Entſteht ein Streit zwiſchen zwei Hunden wegen eines Knochens, ſo entſcheidet der Baas denſelben, indem er entweder ſelbſt den Knochen nimmt oder ihn demjenigen der Streitenden überläßt, der ſeiner Anſicht nach das Recht auf ſeiner Seite hat. Gerathen zwei Koppeln in Streit, ſo muß diejenige weichen, deren Baas be⸗ ſiegt wird, ſelbſt wenn ſie, was die übrigen Kämpfen⸗ den betrifft, die Uebermacht haben ſollte. Beginnt der Baas zu altern, ſo verſucht einer der jüngeren Hunde die Herrſchaft an ſich zu reißen und es entſteht nun ein Kampf auf Leben und Tod. Unterliegt der junge Jund, ſo wird er ohne Gnade zerriſſen, im ent⸗ gegengeſetzten Falle wirft er ſich ſogleich zum Herrn auf und empfängt die Huldigung ſeiner Unterthanen. Alle Hunde der Koppel ſtellen ſich gleichſam zur Pa⸗ rade auf und keiner von ihnen wagt es, an dem Sieger

Novellen⸗

vorüber zu gehen e daß er ſich auf den Boden würfe, mit dem Badelte und in anderer 1

Zeitung.

Veiſe ſeine Unterwürfigkeit zu erkennen gäbe. Bleibt der alte Baas nicht todt im Kampfe, ſo hat doch die erlittene Niederlage einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er von dem Augenblick ſeiner verlornen Herrſchaft an als todt zu betrachten iſt. Er verkriecht ſich in irgend einen Winkel, wo er in Frieden den Reſt ſeiner Tage verbringen kann, und es iſt von nun an ein Ding der Unmöglichkeit, ihn dahin zu bringen, daß er irgendwie den geringſten Dienſt thut; keiner von ſeinen ehemaligen Unterthanen würdigt ihn der geringſten Spur von Aufmerkſamkeit und er ſtirbt end⸗ lich vor Gram. Es geht hier wie im Menſchenleben. Welcher Fürſt würde ſich wohl darein fügen, als ſchlichter Unterthan unter der Herrſchaft desjenigen ſeiner früberen Untergebenen thätig zu ſein, der ihn vom Throne geſtoßen hatte?

Es dürfte hier der Ort ſein, die grönländiſche Schlittenfahrt etwas näher zu beſprechen. Der Schlitten iſt ſehr einfach. Er beſteht aus zwei Brettern von der Höhe einer halben Elle und zwiſchen zwei bis

drei Ellen Länge, über welche ſechs bis acht Quer⸗

hölzer gelegt und nur mit Riemen feſtgebunden werden, damit das Fuhrwerk biegſam und gelenkig bleibt und auf den ungebahnten Wegen nicht ſo leicht dem Zer⸗ brechen ausgeſetzt iſt. Ueber dieſe Querhölzer werden Rennthier⸗ oder Bärenfelle ausgebreitet und hinten am Schlitten ſind zwei Stangen in der Höhe von etwa zwei Ellen angebracht, mittelſt welcher der Schlitten auf gefahrloſen Stellen gelenkt wird. dieſes Fuhrwerk wird an Riemen eine Anzahl Hunde, von vier bis vierzehn oder auch mehr angeſpannt, die alle nebeneinander gehen in einer Entfernung von vier bis fünf Ellen von dem Schlitten. Auf dieſem Fuhrwerk kann man lange Strecken mit erſtaunlicher Schnelligkeit zurücklegen. Eis vermögen acht Hunde mit einem ziemlich ſchweren Schlitten vier Meilen in der Stunde zu laufen, alſo ſo ſchnell, wie man bei uns mit Dampf fährt, aber in der Regel giebt es ſo viele ungebahnte Strecken und andere Hinderniſſe, daß die Schnelligkeit ſelten gegen zwei Meilen in der Stunde beträgt. Die Hunde vor dem Schlitten werden ohne Zügel, nur durch Hülfe einer Peitſche mit kurzem Schaft und ſehr langer Schnur gelenkt; zuweilen werden ſie mit irgend einem aufmunternden Wort angeredet und es erfordert deshalb viel Uebung und genaue Kenntniß der grönländiſchen Hunde, um die nöthige Fertigkeit zum Fahren mit dem Hundeſchlitten zu erlangen. Sobald die Hunde vorgeſpannt ſind, legen ſie ſich in eine Gruppe nieder, die Köpfe dicht zuſammen. Wenn aber der Grönländer den Schlitten beſtiegen und ihnen das Zeichen zum Aufſtehen mit der Peitſche

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