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Vierte Holge.
Im warmen, ſehnſuchtsvollen Buſen, Da regt ſich des Geſtaltens Kraft, Und was im heil'’gen Thun die Muſen Geweckt, gepflegt, jetzt freudig ſchafft.
Und was in dämmernden Geſtalten, Formlos noch lag im tiefſten Schacht, Das will ſich wunderbar entfalten, Das ringt ſich frei mit Zaubermacht.
Und aus der Bruſt, der liederreichen, Strömt voll der goldne Sagenquell, Wie aus des Meeres Tiefen ſteigen Im feuchten Glanze Perlen hell.
Ein ſchlafend Kind.
Welch' heil'ger Anblick in der Wiege Ein ſchlafend Kind, noch unbewußt,
Die zarten Händchen, müd' vom Spielen, Gefaltet auf der kleinen Bruſt.
Ein wonnig ſüßes Lächeln ſchwebet Hell um ſein roſiges Geſicht,
Im leiſen, lieblichholden Lallen Die kleine Kinderlippe ſpricht.
In ſeinem Traum klingt eine Stimme, Der Mutterſtimme linder Klang,
Es lauſcht mit ſtillentzückten Mienen Dem ſchlummerweichen Wiegenſang.
O träume fort, du junges Leben, Der Kindheit Träume ſind ſo ſchön! Ich hör' nun deine ſtille Wiege, Der Engel Flügel leiſe weh'n.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Die Förſtersbraut von Neunkirchen, von Otto Müller. Stuttgart, bei Hallberger.
Das reichbegabte Talent Otto Müller's hat uns, wie Sie wiſſen, wiederholt Gelegenheit geboten, im Gegenſatze zu der modernen Verkommenheit und ma⸗ teriellen Oberflächlichkeit des poetiſchen Erzählens mehrere ſchöne Lichtſeiten des genannten Autors her⸗ vorzuheben. Es ſtellen ſich ſolche auch in neueren Editionen wieder in erfreulicher Art dar. Beſonders nach der humoriſtiſchen Seite hin hat Müller in einer
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kleinen Charakternoxpelle, die„Der Muſeumsweiler“ heißt und einen klleinen harmloſen Induſtrieritter ſchildert, der die Leſemuſeums zu ſeinem Privatvortheil ausbeutet, eine faſt bis zu dem zu rigeriſtiſch ernſten Schluſſe hin ergötzliche Arbeit hingeſtellt. Der Vor⸗ trag und die Charakterſchilderung ſind oft mit feinen Reizen gusgeſtattet.
Die Förſtersbraut iſt dagegen ein realiſtiſches und, wenn man will, zum Theil dorfgeſchichtliches Nachtſtück. Es ſind darin viel tragiſche Accorde an⸗ geſchlagen, und wenn ich auch zugeben will, daß es in Summa durch den Gang der Handlung und ihres finſter desperaten Ausganges eine mehr criminelle als tragiſche Färbung erhalten hat, ſo iſt doch dabei in der Perſonenzeichnung ſo viel pſychologiſche Beobach⸗ tung aufgewandt, daß dieſe lebensvolle Pulſirung uns um ſo eher entſchädigen darf, als das Ganze zugleich auf einen factiſchen Vorgang hinzuweiſen ſcheint.
Um den Leſern als Probe eine einzelne Glanz⸗ ſcene mittheilen zu können, in welcher, wie in manchen des Buches, kühnes überraſchendes Wagniß neben halbem und ganzem Gelingen der Seelenmalerei ſteht, will ich den Inhalt, ſo weit es nöthig, kurz andeuten:
Ein alter Förſter hat das Unglück, einen Wild⸗ dieb zu erſchießen, der ein rachſüchtiges Weib mit einer ebenſo geſtimmten, zur ſchönſten Dirne heran⸗ wachſenden Tochter hinterläßt. Die Erbſchaft der Rache wird von dieſen Leuten nach allen Richtungen hin ſo ausgebeutet, das ſie wie ein Fluch auf der Förſtersfamilie laſtet nnd dieſen ihren ſonſt ſo vom Glück begünſtigten Aufenthalt im Odenwalddorfe ver⸗ gellt. Der Sohn des Förſters, ein Forſtadjunct und ernſt geſtimmter redlicher junger Mann, wird allmälig auf die erblühende Schönheit der ſo verarmten als verwilderten und dämoniſchen Wilddiebstochter auf⸗ merkſam. Ja man legt es darauf an, ſein Herz ge⸗ fangen zu nehmen und ihn zum Opfer der Rache zu machen. Die Mutter dieſes Willbald iſt als eine brave aber leidenſchaftliche Frau geſchildert, und da ihr eben wieder aus Rancüne ein dürrer Diſtelſtrauch (Eberwurz) von den Wilddiebsleuten an's Hofthor ge⸗ ſteckt iſt, ſo läßt ſie ſich in ihrer Kränkung hinreißen, die zufällig an ihrem Hauſe vorbeiwandernde Wild⸗ diebstochter Marilene hereinzuziehen und zu ohrfeigen. In verzweifelnder Wuth tritt das Mädchen Abends ihren Rückweg zu ihrer entlegenen Wohnung an und hier entwickelt ſich die erwähnte, zur Liebe führende Scene zwiſchen ihr, der Betrügenden, uud Willbald, dem Betrogenen.
Schon hatte ſie ihren Rückweg angetreten, als ſie hinter ſich Schritte hörte, welche die ſteile Berg⸗ ſtraße heraufkamen, das Mühſal aller Dorfkühe und


