394 Novellen⸗eitung.
ſinnungen anzunehmen wäre, verloren die Beziehungen ein Verzicht auf die größeren Hoffnungen und Träume
zu dem Grafen Southampton an praktiſcher Bedeu⸗ tung, da dieſer in ſeine abenteuerliche politiſche Lauf⸗ bahn eingetreten, verheirathet, mehrere Jahre im Ge⸗ fängniß und vielfach von London abweſend war. Auch die andern vornehmen Freunde und Gönner Shake⸗ ſpeare's entwuchſen allmälig den Beziehungen zum Theater und es läßt ſich denken, daß der ſelbſt älter und reifer gewordene Dichter zu dem jungen Nach⸗ wuchs nicht mehr in die alten Verhältniſſe einer be⸗ lebenden gegenſeitigen Einwirkung kam. Sodann aber trat das Theaterweſen überhaupt etwas mehr in den Hintergrund, als unter König Jacob die in Eliſabeths letzten Zeiten noch latente politiſche und kirchliche Gährung offener zu Tage trat und die pu⸗ ritaniſchen Anſchanungen immer mehr Boden fanden. Das Theater wurde noch mehr als ſchon vorher der herrſchenden Zeit⸗ und Volksſtrömung entwendet.
Ueberdies machten ſich auf der Bühne ſelbſt, die ſtets Veränderung will und auch von dem mächtigſten Geiſt ſich nicht auf die Dauer beherrſchen läßt, neue Rich⸗ tungen geltend. Jüngere Talente, wie Jonſon, Beau⸗ mont, Fletcher, ſchlugen neue Wege ein und gewannen die Gunſt des Publicums; insbeſondere gefiel die Schilderung der Zeitſitten, des damaligen geſellſchaft⸗ lichen Lebens, während Shakeſpeare darin fremd war und ſeinen Blick auf das allgemein Menſchliche richtete. Auch beſaßen dieſe Rivalen die altklaſſiſche Bildung, die Shakeſpeare fehlte und damals im höͤchſten Preiſe ſtand. So mochte ſich der Dichter allmälig verein⸗ ſamter und unbefriedigter fühlen; er dichtete weniger als früher; ſeine Dramen werden ernſter und tiefer; ſeine Weltanſchauung wird trüber und pfſſimiſtiſcher; die Stimmung, aus welcher der Sommernachtstraum, der Kaufmann von Venedig, Was Ihr wollt, die Fall⸗ ſcenen entſprungen ſind, war ihm entſchwunden. Er ſuchte vom Theater loszukommen, gab ſeine Stellung als Schauſpieler auf; der Verſuch, ein Amt am Hofe zu erlangen, mißlang; auch der Plan, den mütterlichen Adel auf ſich übergetragen zu ſehen, ging nicht in Erfüllung. Die früher nur kurzen Beſuche in der alten Heimath, wo ſeine Frau nach dem frühen Tode des einzigen Sohnes mit zwei Töchtern lebte, wurden nun von längerer Dauer. Etwa im 48. Lebensjahre verließ er London ganz und lebte mit den Seinigen wieder in Stratford.
Ob dieſe Rückkehr in die engen Kreiſe der alten Heimath nach 25jähriger Entfernung die Ausführung eines längſt gehegten Wunſches und ſtets verfolgten Planes oder aber ein Schritt lebensmüder Reſignation,
ſeiner Jugend geweſen iſt, läßt ſich nicht mit Beſtimmt⸗ heit ſagen. Das Wahrſcheinlichſte iſt wohl ein Mitt⸗ leres zwiſchen beiden Fällen. Daß er eine Rückkehr in die Heimath ſchon früh in's Auge gefaßt hat, zeigen ſeine Erwerbungen von Haus und Gütern in Strat⸗ ford, die noch in die jüngeren Jahre fallen. Aber er mochte an dieſes Aſyl erſt für ſeinen Lebensabend gedacht haben, nicht ſchon für die Jahre der höchſten Mannesreife. Er kehrte früher und lebensmüder zu⸗ rück, als er gedacht hatte, vielleicht auch, ſchon mit erſchütterter Geſundheit und den Keim des Todes im Herzen. Wenigſtens verſtummte ſeine Muſe in einem Alter, in welchem andere Dichter noch ihre reifſten und vollendetſten Werke ſchufen; er ſtarb in Strat⸗ ford in ſeinem 52. Lebensjahre.
Es war keine Spur von Phlegma und wenig Sanguiniſches in ihm; dagegen ſcheint er reizbar, ſorglich, ja zur Melancholie, zum Peſſimismus geneigt geweſen zu ſein. Die ſonnige Heiterkeit ſeiner Luſt⸗ ſpiele würde dem durchaus nicht widerſprechen; das Talent der Komik findet ſich ſogar häufiger bei ernſteren und ſorglichen Naturen, indem die Elemente, die ſich bei Andern zu einem mittleren Niveau ausgleichen, hier in zwei Pole auseinander treten. Es mochte ihm auch am Herzen liegen, ſich ſo bald als möglich unabhängig zu machen, die Zukunft der Seinigen, ſeiner geliebten Tochter Suſanne ſicher zu ſtellen, und ſo gönnte er ſich oder fand er die Ruhe und Stille nicht, die zu freien Studien, zu leichten Spielen des
Geiſtes, zu ſelbſtvergeſſender Weltbetrachtung gehört.
Seine dramatiſchen Charaktere haben daher, wenigſtens nach unſerem ſubjectiven Gefühl, faſt alle, und namentlich auch die aus der ſpäteren Zeit, einen übernormalen Pulsſchlag, der nicht ſelten an die Grenze des Fieberhaften geht und der uns auf einen individuellen Grund hinzuweiſen ſcheint.
Leſer, die nun ſchon ſo manches Buch über den großen Dichter geleſen haben und gewiß nicht immer von allen Erklärungen ſeines Strebens und ſeiner Werke befriedigt ſind, ſollten ſich auch dieſem Werke, das obenein gut und ſolid geſchrieben iſt, zuwenden. Wie ſich immer zwiſchen zwei Extremen am leichteſten dem unbefangenen Beobachter ein drittes als das Richtige vor das geiſtige Auge ſtellen wird, ſo auch hier. Die Beleuchtung der Poeſie in des Briten Stücken gewinnt durch Rümelin nicht, aber das Ge⸗ ſammtbild lichtet ſich und das Beſte iſt das, was der verſtändige Leſer zwiſchen den Zeilen lieſt.


