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Mutter und Großmutter empfingen ſie mit tau⸗ ſend Liebkoſungen und Thränen.„Walther!“ rief der junge Herr dem flink daher ſtolpernden Inſpector ent⸗ gegen,„ſchau einmal her, iſt ſie nicht wirklich wie gemacht, um geherzt und gehätſchelt zu werden? Fräu⸗ lein Gretchen mit den blauen Augen und den brau⸗ nen Locken, hier ſtelle ich Dir unſern oberſten Zuchtmeiſter, Herrn Walther vor. Er iſt eine grimmige Autorität, die immer brummt, aber niemals beißt, halte ihn in meiner Abweſenheit gut im Zaum.“
Walther ſchmunzelte.
Das Püppchen war ja wirklich zu appetitlich, und da hob ſie ſich gar auf ihre Fußſpitzen und gab dem alten Soldaten einen herzhaften Kuß.
„Herr Obriſt Walther, ich freue mich, Dich kennen zu lernen, aber ich fürchte mich ſo wenig vor Dir, wie vor dem lieben Großpapa; ich hoffe auch, Du wirſt nicht oft gegen mich brummen, Herr Obriſt. Mein Vetter ſcherzt, ich ſehe es wohl, er hat mich den ganzen Weg unterhalten. Der liebe Junge!“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu und dann fielen wieder große Thränen auf die kleinen Hände, die ſie ſchmerzlich gegen die Lippen preßte.„O, Mama, Papa,“ ſchluchzte ſie.„Alle ſind hier gut zu mir, aber ich möchte nach Hauſe gehen, nach Hauſe, wo Ihr ſeid.“
Profeſſer Peter kehrte nicht ſofort nach Buchenau zurück.
Murſteins Angelegenheiten waren ſchneller geord⸗ net, wie man gedacht hatte. Beim Verkauf ſeiner Pferde aber brachte der Händler für den jungen Officier einen Vollbluthengſt in Vorſchlag und Peter der Zweite war nicht abgeneigt, den Handel einzu⸗ gehen, nur ſchien ihm der Preis denn doch zu hoch. Carl zeigte gar keine Luſt dazu, wie überhaupt ſeine Stimmung trübe und wechſelnd blieb, ſeit er Gretchen dem älterlichen Hauſe übergeben hatte. Das Pferd erklärte er für unzuverläſſig, vielleicht ganz unbrauchbar, nachdem er es ein paar Mal ge⸗ ritten. Nun wollte der Profeſſor ſich aber von dem Jungen nicht hofmeiſtern laſſen. Er hielt es jetzt für preiswürdig, und um nun zu zeigen, daß auch ein gelehrter Mann ein praktiſcher Gutsherr ſein kann, beſtand er auf ſeinem Willen.
Der Sohn warnte vergebens. Peter erwählte das ſtolze Thier zu ſeinem eigenen Gebrauch. Nach ein paar Monaten war er das Opfer ſeines Eigenſinnes. Das Roß kehrte ohne ſeinen Herrn aus dem Forſte zurück. Nach angſtvollem Suchen wurde derſelbe ſter⸗ bend zwiſchen dem Geröll der Steinkehlen gefunden.
Buchenau hatte ſeit Carl's Ehrentag aufgehört,
Novellen⸗Zeitung.
Wenige Wochen nach dem Tode des Gelehrten brach eine ſchwere Epidemie aus. Das ſtattliche Haus am Berge blieb nicht verſchont.
An demſelben Tage, da der arme Bröſe ſeine blühende Flora zu dem ſtillen Friedhof geleitete, legte man auch Buchenau's blaſſe Roſe in die Gruft der Ahnen neben den vorangegangenen Gemahl.
Gretchen kämpfte noch gegen die Gewalt der Krankheit, die Greiſin hielt ſich kaum noch auf den zitternden Füßen. Nur Peter, der brave Veteran, ſtand feſt und ungebeugt.„Gott hat ſie uns gege⸗ ben und genommen,“ ſagte er laut.„Sein Name ſoll geprieſen ſein.“
Carl ward ein Fremdling unter den Seinen. Er kehrte ſelten, immer ſeltener zu den ſtillen Bergen zurück.
Die alte Frau ſeufzte, aber ſie fand es natürlich, daß der lebensfriſche Jüngling die große Stadt nicht gerne mied.
Der General ſchüttelts den Kopf. Er zog Er⸗ kundigungen bei ehemaligen Kriegscameraden ein. Der junge Officier ſtand in dem beſten Rufe. Daß er ſich den leichteren Kreiſen der eleganten Welt an⸗ ſchloß, war unvermeidlich und jedenfalls nichts Tadelns⸗ werthes. Boten ihm ſeine reichen Mittel doch hin⸗ länglich Gelegenheit, zu glänzen. Er war einer der ſchönſten Männer der Garniſon, ein geſuchter Tän⸗ zer, der Liebling ſeiner Genoſſen. Dennoch ſchüttelte der Großvater das greiſe Haupt, denn daß er über der Jugendluſt die Heimath zu vergeſſen ſchien, das war ein böſes Zeichen. 1
Seine Briefe wurden jetzt auch ſpärlich. Seit länger wie einem Jahre hatte er Buchenau nicht beſucht.
Doch ruhte nach wie vor auf Thal und Wälder der Segen Gottes, und ſtill und ihrem Reize unbe⸗ wußt blühte Tauſendſchön unter den Blumen der Gärten auf.
Margarethe war das Licht des traulichen Hau⸗ ſes, die Augenweide ihrer Pflegeeltern, ihr Troſt und ihr Stab.
Der Greis wankte ſichtlich dem Grabe zu. Er war ſo alt, ſo morſch und lebensſatt. Täglich erflehte er die Ruhe, und daß der Knabe, auf den er gehofft, ſich ihm entfremden ſollte, das war dem alten Manne ſehr bitter.
Großmama fand Erſatz in Margaretchen. Sie baute goldene Hoffnungen auf die Zukunft.„Denn er kommt ja endlich doch zurück, der liebe Junge. Die Welt wird ihn nicht befriedigen,“ ſagte ſie zu Walther; „er iſt zu gut für ihr lockeres Treiben. Hier bei uns
die Ruheſtatt des Friedens und des Glückes zu ſein.
wird er ſich ausruhen, wenn ſie ihn müde gemacht hat,


