Jahrgang 
1-26 (1867)
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ſeine Fahrt nach der Heimath, weil er, wie es ſcheint, in einer ſeltſamen Verblendung angenommen hatte, daß keine Kenntniß von ſeinen Thaten in jenen entfernten Gewäſſern in ſein Va⸗ terland und nach England gedrungen ſei.

Er brachte ſein Schiff im Jahre 1699 in den Long Is⸗ land⸗Sund undging auf Gardiner's Island an's Land, welche Inſel damals dem Herrn John Gardiner gehörte und von ihm bewohnt wurde, dem er aus irgend einem Grunde, den man nicht kennt, ſeinen Wunſch mittheilte, einen Theil ſeines Schatzes auf der Inſel zu vergraben und dann in der Gegen⸗ wart Gardiner's, aber unter der ſtrengen Einſchärfung der Geheimhaltung, eine bedeutende Menge Gold, Silber und Edelſteine dem Schooße der Erde anvertraute. Dieſer ver⸗ grabene Schatz beſtand in 1,112 Unzen gemünzten Goldes, 2,350 UnzenSilber, 17 Unzen Juwelen und andernEdelſteinen, 69 Edelſteinen, 57 Kiſten Zucker, 49 Ballen Waaren, 17 Stück Canevas, einem großen Magnet ꝛc.

Nachdem er in dieſer Art ſein Schiff geleert hatte, reiſte er nach Boſton und, wie man vermuthet, in der Abſicht, dort ſein Schiff zu verkaufen. Als er aber dort kaum angekom⸗ men war, wurde er in einer Straße erkannt und verhaftet. Er wurde nach England geſchickt, um dort vor Gericht geſtellt zu werden, und dort wurde er des Mordes des oben erwähn⸗ ten William Moore angeklagt, deshalb für ſchuldig erkannt und am 12. Mai 1701 im Executions⸗Dock in Ketten gehängt.

Die Gattin Kidd's behielt nach ſeiner Hinrichtung ih⸗ ren Wohnſitz in Newyork bei, wo ſie mit ihrer Tochter in einem Hauſe im öſtlichen Theile der Stadt in der größten Zurückgezogenheit lebte.

Man weiß nicht, in weſſen Händen ſein vergrabener Schatz gefallen iſt, aber es läßt ſich mit voller Sicherheit an⸗ nehmen, daß derſelbe nach Kidd's Hinrichtung nicht lange in der Erde geblieben ſein wird. C.

Demoiſelle Georges.

Von dieſer einſt ſo gefeierten Schauſpielerin, welche im vorigen Winter in der größten Armuth in Paris ſtarb, erzählt das Journal Soleil in Paris folgende Anekdote.

Mademoiſelle Georges ſpielte in Erfurt die Rolle der Athalie. Sie hatte für dieſe Rolle ein Diadem ein Stirn⸗ band, wie man es damals nannte dann eine Krone von ziemlich ſchlechtem Flittergold.

Als ſie zu den Verſen gekommen war:

Ce que j'ai fait Abner, j'ai cru le devoir faire,

Je neprends point pourjuge un peuple téméraire,

Et quoi que son audace ait osé publier,

Dieu lui-méme a pris soin de me justifier, betrachtete ſie die Logs der beiden Kaiſer in einer ſolchen Art, daß es ſchien, die falſchen Steine ihres Diadems ſtrömten Dia⸗ mantenfeuer aus, die mit dem Blitzen ihrer Augen zu verglei⸗ chen wären.

Napoleon lächelte. Alexander erblaßte einen Augen⸗ blick, dann applaudirte er, eine Schmeichelei, die an den ge⸗ richtet war, den erBruder nanute.

Das Parterre von Königen brach in Bravos aus.

Am folgenden Tage brachte ein Adjutant des Kaiſers von Rußland der Künſtlerin ein wahrhaft kaiſerliches, ein wahrhaft orientaliſches Geſchenk, eine wirkliche Krone, mit welcher ſie künftig die Königinnen ſpielen möchte; ein Dia⸗ dem, welches wenigſtens einen Werth von 100,000 Franken hatte. Das ganze dramatiſche Europa unterhielt ſich von dieſem Ereigniß.

Novellen⸗

Zeitung.

Im Jahre 1814, nach der Schlacht bei Paris, in dem Augenblick, wo die letzten Soldaten der großen Armee ver⸗ wundet und faſt ohne Pflege in den Hospitälern lagen, in dem Augenblick, wo die verbündeten Soldaten Europas in dem Tuileriengarten bivouakirten, ſpielte die nach Frankreich zurückgekehrte Mademoiſelle Georges wieder Athalie vor dem Kaiſer Alexander, nur war Napoleon I. nicht mehr neben ſei⸗ nemBruder.

Und Jedermann bemerkte, daß Mademoiſelle Georges nicht mehr jenes berühmte Diadem trug, von dem die ganze Welt geſprochen hatte.

Der Kaiſer Alexander bemerkte es auch. Er glaubte an⸗ fangs an eine böswillige Abſicht und ließ Erkundigungen ein⸗ ziehen. Man erfuhr bald, daß die große Künſtlerin dieſes Diadem an einen damals ſehr bekannten Juwelierer verkauft und das dafür erhaltene Geld angewandt hatte, um den franzöſiſchen Verwundeten aus dieſem Feldzuge Erleichterun⸗ gen zu verſchaffen.

Eines ſchönen Morgens fand ſich kurz nachher ein ruſ⸗ ſiſcher Officier bei Mademoiſelle Georges ein, um ihr von Seiten des Kaiſers das Diadem wieder zu überreichen, das er auf der Stelle hatte zurückkaufen laſſen. Sie nahm es mit Ruhe an. Als aber der Abgeſandte Alexander's dem Bedauern, das man ihn beauftragt hatte, darüber auszudrücken, daß ſie die⸗ ſen Schmuck verkauft habe, einige Vorwürfe hinzufügte, ant⸗ wortete ſie ihm mit Heftigkeit:

Wollen Sie mich des Rechts berauben, die Wunden unſrer Beſiegten mit der Erinnerung unſrer Siege zu ver⸗ binden? Sie haben nicht die Macht, ſie uns vergeſſen zu laſſen!

Seitdem behielt ſie das Diadem und ſie trug es in al⸗ len ihren Rollen. Aber als ſie Athalie wieder vor dem Kai⸗ ſer Alexander ſpielte und als ſie an die oben erwähnten Verſe kam, konnte ſich die arme Künſtlerin einer ſchmerzlichen Be⸗ wegung, die Ihrer Rolle ganz fremd war, nicht erwehren. Sie zerſchmolz in Thränen. C.

Der belgiſche Obriſt de Lamothe.

Am 1. März c. ſtarb in Paris der Obriſt de Lamothe, der ſeine Epauletten in einer ſehr ſonderbaren Art gewann. Im Monat September 1830, als in Belgien die Revolution ausbrach, war die Jugend in Maubeuge in voller Gährung. Lamothe, welcher unerſchrocken und ein guter Redner war, feuerte den Patriotismus unaufhörlich an und eines Abends gelang es ihm, den Enthuſiasmus ſo zu beleben, daß beſchloſſen wurde, gegen Mons zu marſchiren, um dieſe Stadt von der hollänſdiſchen Beſatzung zu befreien. Gleich in derſelben Sitzung wurde verabredet, daß die jugendlichen Helden ſich am folgenden Tage in Quatre⸗Paves zwiſchen Maubeuge und Avesnes zu ihrer Unternehmung verſammeln wollten.

Pünctlich zur feſtgeſetzten Stunde fand ſich Lamothe, auf einem ſchönen Schimmel reitend, in Generalsuniform mit ge⸗ zogenem Degen und feurigen Augen auf dem Sammelplatze ein. Er ſieht ſich nach allen Seiten um, aber noch iſt Niemand da; man hatte ſich über ihn luſtig gemacht. Er wartet eine, zwei Stunden. Die Nacht ſtellt ſich ein, aber es kommt Niemand.

Die Feigen! ruft er;ſie haben mich verlaſſen. Nun wohl! Es iſt einerlei, ich werde die Stadt Mons ganz allein einnehmen. 2

Er ſchwingt ſeinen Säbel und giebt ſeinem Pferde die Sporen. Eine Stunde ſpäter iſt er an den Thoren der