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doch auch nicht viel mehr als ein Stück erobertes fran⸗ zöſiſches Land, in welchem es, wie anderwärts, von Napoleoniſchen Uniformen wimmelte, wo die kaiſerliche Gensd'armerie die Ordnung aufrecht hielt und wo franzöſiſche Douanen die Küſten bewachten, um den Schleichhandel mit engliſchen Waaren zu verhindern, welcher unter dem Schutz des die Weſermündungen blokirenden britiſchen Geſchwaders namentlich von Helgoland aus auf das Lebhaſteſte betrieben wurde.
Zu der Zeit nun, von welcher wir hier ſprechen, konnte man etwa eine Viertelſtunde von Elsfleth, faſt unmittelbar an der Straße, welche den Hauptverbin⸗ dungsweg zwiſchen der hannöveriſchen und der olden⸗ burgiſchen Seeküſte bildet, zwei einzeln ſtehende kleine Wohnhäuſer erblicken, die ſich etwa in der Entfernung eines Büchſenſchuſſes gegenüber lagen und ihre Fronten einander zukehrten.
Das eine derſelben hatte das Anſehen eines ein⸗ ſtöckigen, mit rothen Dachziegeln gedeckten Bauern⸗ hauſes und ſchien, wenn man die Stille und Einſam⸗ keit, welche dort herrſchte, in Betracht zog, gar nicht oder doch wenigſtens nur von ſolchen Perſonen bewohnt zu ſein, die mit der Außenwelt nur in einem ſehr geringen Verkehr ſtanden, denn ein Theil der Fenſter war verſchloſſen und nur im oberen Stock deutete ſo Manches darauf hin, daß das einzige Zimmer, welches derſelbe enthielt, bewohnt ſei.
Das andere Gebäude lag auf einer ſanften An⸗ höhe, unter dem Schatten einer Gruppe wilder Ka⸗ ſtanienbäume und verleugnete in ſeinem Aeußeren zwar ebenfalls ſeinen ländlichen Charakter nicht, aber es gaben ſich doch überall Anzeichen kund, daß hier thätig Hand angelegt worden war, um es für Leute einzu⸗ richten, die ſich an die höheren Bequemlichkeiten des Lebens und an eine damit verbundene äußere Eleganz gewöhnt hatten. Da es im Auguſt war und mit der friſchen Briſe, die von der See ſich ankündigte, zu⸗ gleich die ſcheidende Sonne immer längere Schatten warf, ſo ſtanden die Fenſter des Erdgeſchoſſes offen und man hatte daher Gelegenheit, ſobald man einen Blick in deſſen Inneres warf, ſich mit einem behaglich eingerichteten Gemach bekannt zu machen, deſſen ge⸗ ſchmackvolle Meubles ebenſo gut im Stande geweſen
wären, einen ſtädtiſchen Salon wie dieſe einfache länd⸗
liche Wohnung zu zieren.
Vor dem Hauſe aber, deſſen Vorplatz zu einer mit feinem Sand beſtreuten Terraſſe umgewandelt worden war, ſtanden in dem Augenblick, wo wir den
Leſer mit den Localitäten bekannt machen, unter einem
dicht belaubten Kaſtanienbaum zwei zierliche Seſſel und auf einem ovalen, mit einen feinen weißen Damaſt⸗ decke bedeckten Tiſch erblickte man ein geſchmackvolles
Novellen⸗
Zeitung.
Theeſervice und neben dieſem feine friſche Butter, gutes
kräftiges Brod, ſchönen Käſe und noch ſo manches Andere, was einen geſunden, durch Seeluft und durch das etwas nebelige Klima geſchärften Appetit wohl zu befriedigen im Stande war. Den einen der vorerwähnten Seſſel hatte ein Herr von etwa fünf⸗ undfünfzig Jahren eingenommen, deſſen gerade Hal⸗ tung, verbunden mit dem feingeſtutzten, ſchon etwas ins Graue übergehenden Schnurrbart und dem rothen Bändchen, welches durch das Knopfloch ſeines Ueber⸗ rocks gezogen war, den Militär verrieth.
Ihm gegenüber ſaß eine junge Dame, die unge⸗ fähr neunzehn Jahre zählen mochte und deren geiſt⸗ reiches, mehr ſinniges als lächelndes Geſicht, mit ſeiner
Einfaſſung von ſchwarzen Locken, vortrefflich mit ihrem
ſchlanken, von Würde und Anmuth gehobenen Körper harmonirte.
„Hier, Väterchen, haſt Du Deinen Thee,“ ſagte
die Letztere, indem ſie dem alten Herrn die Taſſe reichte, mit klarer gewinnender Stimme,„und nun lege Deine Zeitungen fort und ſchenke mir auch ein freundliches Wort, denn von Schlachten und Gefechten wirſt Du darin doch nichts mehr finden, ſeitdem Dein großer Kaiſer ſich mit Oeſterreich vertragen hat und endlich Willens zu ſein ſcheint, der Welt den Pritden zu geben, deſſen ſie ſo ſehr bedarf.“
„Frieden,“ murmelte ihr Geſellſchafter, indem er
das Blatt, welches er hisher in der Hand gehalten hatte, bei Seite legte,„nennſt Du das Frieden, wenn überall die Flamme der Empörung wieder hervor⸗ bricht?.. Iſt Spanien nicht im vollen Aufſtand?— dauert der Krieg mit England nicht fort? und nun jetzt vollends noch dieſer neue abenteuerliche Zug des Herzogs von Braunſchweig!...“
„Ei, das iſt ein Held!“ rief das junge Mädchen, indem ſeine Augen blitzten und ſeine Wangen ſich höher färbten,„und an meinen warmen Wünſchen
fehlt es wahrlich nicht, daß ſein kühner Zug ihm ge⸗
lingen und er ſeinen Verfolgern entrinnen möge!“
„Du biſt eine Schwärmerin, die ihr deutſches Blut nicht verleugnen kann,“ ſagte der Veteran, indem ſich eine leichte Wolke auf ſeine Stirn lagerte.
„Aber lieber Vater, biſt Du denn nicht auch ein Deutſcher?“ fragte mit einem Ton, der faſt wie ein leiſer Vorwurf klang, die Tochter.
„Ich bin kaiſerlich franzöſiſcher Capitän,“ ent⸗ gegnete, ſich ſtolz emporrichtend, der Alte,„und von dieſem Geſichtspunct aus betrachte ich allein die Dinge; ich habe mein Glück unter den Fahnen des Kaiſers
gemacht, und, obgleich in Süddeutſchland geboren, iſt
mir Frankreich doch eine zweite Heimath—— „Nein, nein,“ rief Juſtine, inden ſie aufſta
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