Jahrgang 
1-26 (1867)
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Schießen Sie niemals, Herr Doctor? fragte der Schloßherr höflich.

Ich habe, ſeit ich die Studentenkappe abgelegt, ſelten ein Schießgewehr in die Hand genommen, höchſtens die Vogelflinte, wenn die Spatzen zu unverſchämt auf meine Kirſchbäume zufliegen. Ich habe einmal bei einem Duell ſecundirt, wo der Gegner meines Freundes fiel, dadurch habe ich die Luſt am Schießen verloren.

Der Doctor ſagte dies zu Duresnelle, welcher ruhig erwiderte:Das glaube ich, Herr Doctor, es würde mir in demſelben Falle eben ſo gehn.

Der Baron hatte bisher nur als unparteiiſcher Richter zugeſchaut; aufgefordert, auch eine Probe ſeiner Fertigkeit zu geben, welche gewiß bedeutend ſei, nahm er die Piſtole, welche Otto in der Hand hatte, und that einen Schuß, welchen die Herren bewundrungsvoll einen Freiſchuß nannten.

Kleinigkeit! rief Duresnelle und lachte, hierauf ſchoß er noch einige Male und zwar mit ſolcher Meiſter⸗ ſchaft, daß der alte Oberſt von Hardtegge in die Worte ausbrach:Der Teufel mag mit Ihnen um die Wette ſchießen, Baron Duresnelle, ich thu' es nicht.

Auf Reiſen, beſonders in Aſien, kommt Einem Fertigkeit im Schießen ſehr zu ſtatten; überhaupt iſt der Ruf eines ſicheren Schützen nicht zu verſchmähen, ab Duresnelle zur Antwort.

Sollte dieſe große Geſchicklichkeit im Schießen

und Fechten nicht Grund zu den vielen Duellen auf den Univerſitäten geben? bemerkte ſanft der Super⸗ intendent. 4

Das bezweifle ich, die beſten Schläger und Schützen werden am ſeltenſten zu einem ernſthaften Duell veranlaßt, ſagte Duresnelle raſch und ſetzte langſamer hinzu:Wenigſtens bei uns in Frankreich; Fechten und Schießen ſind Künſte, auf welche ſich jeder Mann, eiſt er nicht gerade Geiſtlicher, verſtehen

muß. Doch jetzt wird es wohl Zeit ſein, zu den Damen zurückzukehren, ich hoffe, daß nach der Bewegung im

Freien den Herren das Diner ſchmecken wird.

In dem großen, auf das Geſchmackvollſte ange⸗ legten Wintergarten waren mehrere Tafeln gedeckt. Baron Duresnelle führte die Präſidentin zu Tiſche, obgleich ſein Blick zuerſt Florentinen ſuchte. Ein kleines, aber gewähltes Orcheſter executirte heitre Muſik, die Fröhlichkeit hatte den Vorſitz an dieſer Tafel, nur Florentine war ernſt, und Duresnelle's gute Laune würde näheren Bekannten, als ſeine Gäſte ihm waren, erkünſtelt vorgekommen ſein.

Erſt nach der Tafel, als die Gäſte ſich wieder im großen Salon befanden, gelang es Duresnelle, ein Ge⸗ ſpräch mit Florentinen anzuknüpfen und durch ſeine geiſt⸗ vollen, originellen Bemerkungen ihre Aufmerkſamkeit zu

Novellen⸗Zeitung.

feſſeln. Sie mußte natürlich antworten und längere Zeit ſpann ſich eine anregende Unterhaltung zwiſchen dem Schloßherrn und ſeinem ſchönen Gaſte fort. Florentine fragte nach dem Namen einer ſehr ſeltenen Blume, welche ſie in dem erſten Glashauſe geſehen hatte.

Sie iſt in Aegypten heimiſch und die Blüthe wird dort noch einmal ſo groß; dieſes Land der Wunder ſollten Sie ſehen, gnädiges Fräulein; was dort das Auge ſchaut, übertrifft die kühnſte, bunteſte Phantaſie.

Wurde es Ihnen dann nicht ſchwer, dieſes herr⸗ liche Land zu verlaſſen, Herr Baron?

Ich ſchied mit feuchten Augen, das muß ich geſtehen, aber das Menſchenherz iſt ein wunderliches Ding, es zieht den Reiſenden doch immer wieder nach der Heimath zurück..

Aber Ihre Heimath iſt ja nicht hier, iſt in Frankreich!

Ich meinte damit Europa, übrigens war die

Mutter der meinigen eine Deutſche, ich hörte ſie in meinen Kinderjahren oft in ihrer Landesſprache reden, deshalb wird es mir ſo leicht Deutſch zu verſtehen, leſen kann ich es beinahe ohne Fehler.

Doctor Wallberger hatte das Paar ſcharf be⸗ obachtet und ging jetzt auf den Baron zu, um ſich von ihm zu beurlauben.Meine Kranken rufen mich, ſagte er lächelnd. 3

Natürlich, Herr Doctor; wie geht es dem Grafen Majläth? ich ſtand vor Jahren mit ihm in Brief⸗ wechſel, perſönlich kenne ich ihn nicht.

Wollen Sie meinem Patienten nicht die Ehre Ihres Beſuches ſchenken, Herr Baron?

Wenn Sie erlauben, daß ich den Grafen be⸗ ſuche, mit Vergnügen; doch möchte ich wiſſen, ob ihm mein Kommen angenehn iſt.

Warum ſollte es das nicht ſein, Herr Baron?

Ich habe einigen Grund dies zu bezweifeln, allein ich kann mich täuſchen, Herr Doctor.

Sie erlauben mir, ſpäter wieder davon zu ſprechen.

B Gute Nacht, mein gnädiges Fräulein; gute Nacht, Herr

Baron.

Ein angenehmer Mann, dieſer Doctor, allgemein verehrt, und wahrſcheinlich ſehr glücklich.

Sehr verehrt, ja Herr Baron, glücklich nicht, ſeine geliebte Frau iſt ſchon vor ſechs Jahren ge⸗ ſtorben, er hat auch keine Kinder und kehrt er, er⸗ müdet von der gewiſſenhaften Ausübung ſeiner Berufs⸗ pflichten heim, ſo findet er ein einſames Zimmer.

Er ſollte wieder heirathen, denn es iſt wahr, einſam ſein, ſelbſt in den ſchönſten Umgebungen, iſt ein ſchweres Loos. Wohl dem Glücklichen, dem ein

edles Weib zur Seite ſteht.