38 Novellen⸗ZJeitung.—
ſie von dem Grunde ſeiner Abreiſe in Kenntniß ge⸗ ſetzt und gefügt, allein zufällig fand ſich Fran von Jourdan, die Schweſter der Präſidentin, im Vorzimmer, als der Briefträger das Schreiben an Florentine brachte; die Dame kannte Edmunds Siegel und Handſchrift und hielt es für vollkommen gerechtfertigt, diesmal den Brief nicht abzugeben. Doch war ſie ehrenhaft genug, ihn ungeleſen zu verbrennen.
„Florentine wird noch nach Jahren als reiche Baronin Duresnelle mir danken, daß ich verſtändiger um ihre Zukunft beſorgt war, als ſie ſelbſt,“ ſagte ſie ſich zur Beruhigung.
Edmund Roſenhaag war zu ehrenhaft, um im Entfernteſten zu vermuthen, daß Jemand im Hauſe des Präſidenten ſein Schreiben unterſchlagen haben könne.
Florentine zweifelte nicht an Edmunds Liebe, aber zuweilen ſtieg der Gedanke in ihr auf, er ſelbſt halte es für ihre Pflicht, daß ſie dem Vater gehorche, er kenne vielleicht die Lage deſſelben und wolle ſein Glück nicht mit der Ruhe des alten würdigen Mannes erkaufen. Wenn Edmund abgereiſt wäre, um ihr das große Opfer leichter zu machen? Sie kannte den Ge⸗ liebten, er war der Mann, das Härteſte zu dulden, das Schwerſte zu thun, ſobald er es für Recht hielt; auch beſaß Edmund viel Stolz: es lag nicht in ſeinem Charakter, ſich dem Manne zum Sohne aufdringen zu wollen, dem er jetzt zum Eidam zu arm erſchien. Florentine dachte und fühlte wie ein edles liebendes Mädchen, ſie wußte nicht, daß ein tüchtiger Mann
nicht ſo ſchnell ſeine Liebe der Pflicht gegen den Schwiegervater opfert. Für das Vaterland, für die
Wiſſenſchaft, für die Ehre und den Ruhm bringt der Mann die größten Opfer, für den Vater der Geliebten thut er viel, aber er entſagt ihr nicht aus Großmuth.
Florentine wollte an Edmund ſchreiben, aber ſie wußte nicht, wohin; ſie vertraute ſich endlich ihrem Bruder an und dieſer erwiderte:„Laß die Zeit walten. Edmund iſt vielleicht abgereiſt, um ſich in der Stille um ein höheres Amt zu bewerben, oder um in der Reſidenz mit einem Verleger über ſein neueſtes Buch zu ſprechen. Möglicher Weiſe wurde er auch zu ſeiner Tante nach Schwaben gerufen, ſie iſt alt und will ihn vielleicht vor ihrem Abſcheiden noch einmal ſehen. Ein Brief kann verloren gegangen ſein, ich will Erkundigungen einziehen. Halte nur den Baron mit Würde fern, noch hat er ſich gegen Dich nicht erklärt, und obgleich ich ihn nicht mag, muß ich ihm doch zutrauen, daß er ſich mehr um Dein Herz
als um Deine Hand bewirbt, ſonſt würde er ſchon
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geſprochen haben.“
gebeten, zu ſchreiben, auch ſeine Adreſſe beie
Florentine befolgte des Bruders Rath, ſie nahm auch Duresnelle's Einladung zu dem Feſte nach Roſen⸗ haag ſehr artig an, und als der Präſident vor der Abfahrt die Toiletten der Töchter muſterte, lobte er Florentinens feinen Geſchmack.
Duresnelle hatte den Adel und die höchſten Be⸗ amten Waldau's, die Officiere des dort ganiſonirenden Regimentes und einige Gutsnachbarn auf fein Schloß eingeladen, und zwar ſchon zum Frühſtück.
Es war ein trockener, heller Decembertag, als die Gäſte in den großen Schloßhof traten, deſſen hohe Mauern, mit Epheu und Wintergrün bedeckt, einen dem Auge wohlthuenden Eindruck machten. Die Linden waren entblättert, aber deſto friſcher erſchienen die Fichten und Tannen, welche maleriſch dazwiſchen vertheilt waren. In der großen Eintrittshalle grünten und blühten unzählige Pflanzen, in zwei großen Caminen flammten Holzſtöße und die Rieſenſpiegel über denſelben ließen den bezaubernden Raum noch einmal ſo groß erſcheinen. Die Geſellſchaft war von der Halle, welche früher ſtaubig und leer geweſen war, ſo überraſcht, daß Jeder ſich in Bewunderung ergoß.
„Man muß im Orient geweſen ſein, um ſich ſo auf das Decoriren zu verſtehen!“ äußerte der Präſident.
Oben in den Gemächern ſtieg das Entzücken der 8*
Damen auf den höchſten Gipfel und plaudernd zer⸗ ſtreuten ſie ſich in die prachtvollen Räume, betrachteten Oelgemälde, Statuen, Mappen, Blumen und Sticke⸗ reien und hörten nicht auf, den Beſitzer dieſer Herrlich⸗ keiten glücklich zu preiſen.
Ein auserleſenes Früſtück wurde in der großen
Galerie ſervirt. Die Porträts der Roſenhaag fehlten, dagegen war der hohe Raum mit Scenen aus Goethe's, Schillers und Leſſings Dichtungen geſchmückt. Die
Oelgemälde, welche dieſe Dichtungen darſtellten, waren 3
ſämmtlich von Meiſterhand. Hatte der Franzoſe da⸗ durch den Deutſchen angenehm ſchmeicheln wollen, ſo war ſeine Abſicht erreicht.
Nach dem Frühſtück ſagte Duresnelle in verbind⸗ licher Weiſe:„Die Damen werden ſich gewiß unter ſich und vortrefflich zu unterhalten wiſſen, vielleicht machen die Herren vor dem Diner einen Gang nach den Ställen mit mir— meine Araber ſind dieſe Tage eingetroffen,— oder ſie unterhalten ſich mit meiner Waffenſammlung.“
Die Herren waren, mit Ausnahme des Präſidenten,
über dieſen Vorſchlag ſehr entzückt. Der Präſident hatte ein intereſſantes Buch gefunden und ſetzte ſich
in ein abgelegenes Cabinet zum Leſen, die Herren
folgten dem Schloßherrn. Schönere Pferde, als Duresnelle beſaß, konnte
in; nur ein Mann, der ein großes Ver⸗
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