Jahrgang 
1-26 (1867)
Einzelbild herunterladen

18

ich fürchte, man ſucht mich! flüſterte das Mädchen und trat in die Hausflur zurück.

Der junge Mann drückte den Hut tiefer in das Geſicht und ſchlug den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Heitere Gedanken waren es nicht, die ihm das Geleite gaben. Er ſeußzte tief, als er in ſein einſames Zimmer trat.

Mechaniſch legte er Hut und Mantel ab, zündete ſeine Studirlampe an und nahm ein Buch zur Hand, aber ſein Geiſt verweilte nicht bei dem Buche, immer wieder kehrte er zu Florentinen zurück, dem Weſen, das ihm theurer war, als Alles auf Erden.

Wie mächtig iſt doch das Herz der Vernunft gegenüber, dachte er endlich, als er Papier und Feder nahm, um an einer angefangenen Arbeit fortzufahren. Es war ein trockenes Werk, was vor ihm lag, er hatte es auf Anrathen des Juſtizrathes begonnen, weil dieſer V glaubte, daß eine Thätigkeit ſolcher Art Edmunden von ſeinen quälenden Gedanken abziehen könnte, aber die Menſchen ſind verſchieden geartet. Deshalb läßt ſich auch niemals feſtſtellen, was das größte Leid iſt, worin der herbſte Schmerz beſteht; es kommt darauf an, wie tief ihn Einer fühlt, wie lange!

Den Verluſt der Familiengüter empfand Edmund einige Zeit ſchwer, aber ſeit derſelbe möglicher Weiſe

über den Verluſt von Roſenhaag und der mit dieſem Beſitz verbundenen Güter in dem größern Leide unter. Wie theuer war ihm Florentine, wie feſt hatte er auf ihre Liebe gebaut, welche von ihrem Vater ſelbſt gebilligt worden war! Daß der Präſident, den er bisher wie einen Vater verehrt hatte, ihm jetzt die Tochter verſagen, daß er das Glück ſeines Kindes nur im äußern Glanz ſehen konnte, hätte er früher nimmer für möglich gehalten.

Er kannte den Baron von Duresnelle nicht, aber jeder Unparteiiſche, ſo war Edmunds Anſicht, konnte in dem viel älteren, ernſten Manne, der obendrein ein Ausländer war, nicht den für das junge lebens⸗ frohe Mädchen geeigneten Gatten finden. Ein edler Charakter konnte Duresnelle auch nicht ſein: würde er ſouſt eine Erbſchaft angetreten haben, durch die der nächſte Verwandte des Erblaſſers um ſein Stamm⸗ ſchloß kam? Ohne dieſen Beſitz mußte Duresnelle reich ſein, da er faſt neun Jahre gar nicht nach dieſen Gütern gefragt hatte.

Unfähig, ſich ferner mit geiſtiger Arbeit zu be⸗ ſchäftigen, löſchte Edmund die Lampe und ſuchte ſein Lager, das ihm ebenfalls wenig Ruhe bot.

Doctor Wallberger war ſchon längſt wieder bei ſeinen Freunden, ein friſcher Schoppen Klingenberger ſtand vor ihm, und die Fragen nach dem Fremden

Novellen⸗ZJeilung.

waren von dem Arzte ausführlich beantwortet worden. Dann verſank derſelbe wieder in Schweigen.

Du biſt uns noch ſchuldig, von Deinem ehe⸗

maligen Commilitonen Bachmüller zu erzählen, mahnte

der Dichter;ich laſſe Dich nicht eher fort, bis Du Dein Wort erfüllt haſt.

Es ſoll geſchehen; ohnehin kann ich jenen Bach⸗ müller und dieſen Duresnelle nicht aus den Gedanken bringen, obgleich es mir ſelbſt als Unſinn erſcheint, ſie für identiſch zu halten. Nun alſo, lieben Freunde, ich ſchlenderte in Wien über den Graben, da ſah ich eine auffallend ſchöne Dame, welche, ihrem gewählten An⸗ zuge nach, entweder eine Dame aus der Ariſtokratie, oder von einem der erſten Theater war, in den Trattner Hof ſchlüpfen. Ich, damals ſehr geneigt, mir um eines ſchönen Geſichtes willen Wege zu machen, ging ebenfalls in dieſes Gebäude, da ſtand meine reizende Dame und ſprach mit keinem Andern, als mit meinem alten Bekannten Ferdinand Bachmüller. Sie redeten Franzöſiſch; da ich doch nicht bei ihnen ſtehen bleiben konnte, vernahm ich nur die Worte:Dieſen Abend, und Leopoldſtadt, genug für mich, um anzunehmen, daß ſich das Paar im Leopoldſtädter Theater treffen wolle. Ich kannte noch keinen Menſchen in Wien,

wußte nicht, was ich mit dem Abend anfangen ſollte, auch den der Geliebten nach ſich zog, ging der Gram

alſo ging ich in das Leopoldſtädter Theater und ſah mir zum erſten Male den Verſchwender an, worin Raimund, wenige Monate vor ſeinem unglückſeligen Ende, den Valentin darſtellte. Die ganze Vorſtellung war vollkommen ich ſchäme mich nicht, zu geſtehen, daß mir in einigen Scenen die Thränen in die Augen kamen, und bekenne, daß ich das Publicum höher achte, welches ſich den Verſchwender mit Vergnügen und Rührung auſieht, als dasjenige, welches über Neſtroy'ſche Unanſtändigkeiten lacht und ſich ſchämt, zu geſtehen, daß es von Raimund'ſchen Dichtungen bewegt werden könne. Loge ſah ich Bachmüller mit der Dame. Das Leopold⸗ ſtädter Schauſpielhaus war damals weder hell noch elegant und man konnte ſich dort ungeſtört und ziemlich unbemerkt zuſammenfinden. Später erfuhr ich, daß dieſe Dame die Gemahlin eines ſteinalten, wider⸗ wärtigen öſterreichiſchen Cavaliers ſei, der große Güter unweit Lemberg beſitze. Das junge Geſchöpf war ihm mit ſechzehn Jahren angetraut worden und mußte dem Grisgram in ſeinem alten Schloſſe Geſellſchaft leiſten. Ich hörte auch, daß ein intereſſanter öſter⸗

reichiſcher Officier, der unweit ihres Schloſſes, in

Lemberg, ſich in Garniſon befand, ſie einmal im Walde, als ſie mit ihrer alten Duenna promenirte, entdeckt und einen Roman mit ihr geſpielt habe. Der Officier wurde untreu: er vermählte ſich mit einer enorm reichen

In einer kleinen, etwas dunklen⸗