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geſtattet, dafür ganz unzugänglich iſt. Auf die Ge⸗ fahr hin, einen Scandal zu erregen, will er den Hoch⸗ ſtehenden herabdrängen.
„Eſtimiren Sie das Eigenthumsrecht, oder ich mache Ihnen meinen Standpunkt klar!“ ſchreit der Menſch ſo energiſch auf, daß der Andere einigerma⸗ ßen zur Beſinnung kommt und von ſeinem Angriff abläßt. Er will vorwärts, wo er in geringer Ent⸗ fernung einen Hut erblickt, welchen er für den Vol— lert's zu halten geneigt iſt. Die Leute ſtehen jedoch felſenfeſt.
„Hier wird nicht gedrängt. Hurrah, Hurrah!“
Für den Augenblick muß er das Vordringen auf⸗ geben, und er vergißt faſt, daß er es gewollt hat, was er überhaupt wollte. Sie kommen!
Zwar vermag er, eingekeilt zwiſchen den Um⸗ ſtehenden, bei der Anzahl der vor ihm Befindlichen und ſeiner nur mittelgroßen Geſtalt nicht viel zu ſe— hen, doch die Fahnen flattern ja über den Dahin⸗ marſchirenden, die blumengeſchmückten Spitzen der Bajonnete blinken, und hier und da taucht ein rei⸗ tender Officier aus dem nur für beſſer Placirte ſicht⸗ baren Zuge hervor. Und dann die Muſik— dieſe bekannten, beliebten, nervenerregenden Klänge!
Die Damen droben wehen mit den Tüchern und werfen Blumen herab; auch Aſta lautjubelnd ihr ſchönes Bouquet, als der ſchlanke, ſonnverbrannte Lieutenant dort ſalutirend den Degen neigt. Die Gaſſenjungen in den Lindenwipfeln geben ihrem Ent⸗ zücken, ihrer patriotiſchen Begeiſterung Ausdruck durch ein Geſtrampel mit Händen und Füßen, daß Jeder, der Zeit hätte darauf zu achten, fürchten müßte, die loſen Früchte fielen von den Zweigen auf die Köpfe der Druntenſtehenden. Freilich findet Niemand Zeit und Sinn darauf zu achten. Jung und Alt, Mann und Weib, Reich und Arm— die ganze vieltauſend⸗ köpfige Menge hat nur ein vorherrſchendes Gefühl, wie nur einen Ausdruck für dasſelbe. Jede heran⸗ ziehende Schaar empfängt neu ausbrechender Jubel, jede Standarte ein lauteres Hurrah. Namentlich aber begrüßt man jedes dieſer rothen Fähnlein mit weißem Kreuz mit einer ohrzerreißenden Salve des Beifalles.
Eine etwas ſtarke, auffallend nobel gekleidete Dame in koſtbarem Sammtpelz und Federhut thront auf einem Kinderſtuhle; ſie erſteigt, um noch beſſer zu ſehen, die Seitenlehnen desſelben. Der unſichere Standpunkt macht ſie jedoch der Stütze bedürftig, zumal die hinter ihr Stehenden herandrängen. Ohne Rückſicht darauf, wer es ſein moͤge, legt ſie die Linke auf die Schulter des vor ihr befindlichen Mannes. Der erhebende Moment ſcheint jeden Unterſchied der Stände aufzuheben.
Novellen⸗ZJeitung.
„Herrgott, die Schnupftücher!“ kreiſcht ein Junge, auf die Danebrogs deutend, und balancirt wie ein Seiltänzer auf dem ſchwanken Aſt.„Wären Hanne⸗ männer hier— ſie weinten helle Thränen!“
Um heute Thränen zu haben, muß man indeß nicht grade ein Däne ſein. Manches Auge feuchtet ſich, und nicht allein Frauen weinen. Der junge Mann mit der friſchen Narbe ſenkt den Kopf und deckt die Hand über die Augen. Vor ſeinem innern Blick reiht ſich bei den Klängen des Düppelmarſches Bild an Bild ſo lebendig, daß nicht allein das, was ihn eben noch beſchäftigte, für ihn verſunken, ver⸗ ſchwunden iſt, ſondern auch ſeine ganze Umgebung. Dennoch ſollte man meinen, die Dame im Sammet⸗ pelz machte ſich ihm recht fühlbar; auf ſeinen Schul⸗ tern ruht kaum eine geringere Laſt, als auf denen des zärtlichen Vaters, der ſeinen halberwachſenen Sohn rittlings trägt— er gleicht einem modernen Atlas.
Jetzt Trompetengeſchmetter— die Reiterei! Und gleichzeitig ein Stoß, der ſogar den der Wirklichkeit ganz entrückten Träumer zu ſich ſelber bringt. Die Dame iſt faſt af ihn gefallen.
„Stehen Sie feſt, lieber Mann!“ beſchwört ſie ihn, und bricht dann in den claſſiſch Bexliniſchen Ausruf aus:„Herrjott, det Gedrang! rd mir doch bald zu ville!“
Es kümmert ihn nicht, daß ſie ſolchergeſt der noblen Kleidung, als keineswegs den Ständen angehörend ſich entpuppt. Gewalte er ſeine Bewegung nieder, wendet ſich der Gegenwart, ſpeciell der Berlinerin zu. Da ſie ihm für ſein treues Ausharren als Stütze eine Belohnung verheißt, faßt er das begierig auf, erbittet ſich die Vergünſtigung, nur für kurze Zeit ihren Platz, das Kinderſtühlchen, einnehmen zu dürfen.
„Sie ſind's? Wirklich, leibhaftig, Herr Firſt!“ In rührender Erkennungsfreude bietet ſie ihm die fleiſchige Hand, welche, aus dem engen Glacé einen Ausweg ſuchend, denſelben zerſprengt„Uns nicht gleich zu kennen! Freilich iſt das kein Wunder—
haben uns alle Beide recht verändert!“ Mitleidig gleitet ihr Auge über e3 hin, um dann zu dem abgezehrten Geſicht zurückzukehren.
Er ſcheint keine Erkennungsfreude zu empfinden und verſetzt kühl:„Ich entſinne mich in Wahrheit nicht, Madame—— Bin digen lich auch in Eile—“
Sie hat ihn am Arm ergriffen, um ſich ſeiner
zu verſichern, und unterbricht ihn vorwurfsvoll:„Wie, Sie kennen wirklich nicht mehr die Köchin, die Jette
von Krenzens, wo Sie lernten? Die Jette, die einen
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Kellner dern Sie an, aber Häuſer, ſuchen.“ Die willkürli der Bi ſie ihn Augenſ quem hen. U jungen haftem ſo heru eigenes zum Ey 76 offerirt ſelben E ſpähen lung. zudräng lihſt g ſchiedet
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