Jahrgang 
2 (1858)
Einzelbild herunterladen

Ein Maler ohne Hände.

Dc Von Emil Ohly.

Beim Leſen der Ueberſchrift habt ihr gewiß ſchon bei euch ſelbſt gedacht, die ſei wohl nur eine bildliche Rede; denn ein Maler ohne Hände könne höchſtens ein Pfuſcher oder Stümper ſein und in ſeiner Kunſt etwa gerade ſo viel leiſten, als ein Stocktauber auf der Geige.

Daß ein Stockblinder es weit zu bringen vermöge in der Muſik, nun ja, das hab' ich erfahren an einem blinden aber kreuzbraven Juden, der zu Corbach lebte, im lieben Waldecker Ländchen, dem ich hierbei Gottes Segen wünſche. Dort, in Corbach, lebte mein unvergeßlicher Großvater, und der blinde Sabel kam faſt allabendlich in deſſen Haus, um ihn, der ein Klavier⸗ ſpieler war, vor dem man Reſpect haben mußte, mit den lieblichen, weichen Tönen ſeiner Flöte zu begleiten. Noch könnt' ich ihn malen, wenn ich ein Maler wäre, den Sabel, wie er von Haus zu Haus ohne Führer ſchlich, um ſich durch Muſtkunterricht ſein täglich Brod mit Ehren zu verdienen.

Daß Blinde auch mit großer Kunſtfertigkeit allerhand kitzliche Hand⸗ arbeiten zu fertigen im Stande ſeien, das habe ich noch vor Kurzem in der vortrefflichen Blindenanſtalt geſehen, die mein theurer Freund und Lands⸗ mann Schäfer in Friedberg gegründet hat.*) Auch kenne ich einen Menſchen, der nicht allein eine ſchöne Handſchrift ſchreibt mit der Linken, ſondern auch mit dieſem, gewiß zu ſtiefmütterlich von uns behandelten Leibesgliede die herrlichſten Zeichnungen ausführt.

Daß aber ein Blinder malen gelernt, das habe ich noch nie gehört, und eben ſo unmöglich muß es ſo denken wir ſein, daß ein Renſch ohne Arme und Hande ein Maler, ja was noch mehr ſagen will ein großer Maler zu werden vermöge.

Doch ſieh, lieber Leſer, dem lieben Gott da Oben iſt ja Alles möglich. Was er dir auf der einen Seite nimmt, nach ſeiner unausforſchlichen Weisheit, daß kann er dir auf der andern nicht allein einfach, ſondern doppelt und dreifach wiedergeben. Läſſet er dir einen der fünf Sinne oder eines der Leibesglieder fehlen, ſo kann er einen andern der Sinne um ſo mehr ſchärfen, oder einem andern der Glieder eine deſto größere Bildſamkeit und Geſchicklichkeit verleihen.

Wir werden das beſtätigt finden an dem merkwürdigen Menſchen und Künſtler, deſſen Leben ich dir, ſo viel ich ſelbſt davon weiß, zu erzählen beabſichtige. Denn wiſſe, mein Maler hatte nicht allein keine Hände, auch ſeine Füße waren mangelhaft und mißgeſtaltet, doch aber war der Inhaber derſelben ein Maler nicht bloß, ſondern ein großer Maler.

Haren wir jetzt von ihm.

äſar Ducornet, der Maler ohne Hände, erblickte am 6. Ja⸗ nuar 1806 das Licht der Welt in der Stadt Lille in Flandern. In einer Nebenſtraße dieſer gewerb⸗ und volkreichen Stadt ſtand das Häuschen, in welchem ſein Vater wohnte der arme Schuſter Ducornet. Der war nun ein Mann,ſchlecht und recht und ließ ſich's blutſauer werden um das tägliche Brod und um des Leibes Nahrung und Nothdurft für ſich und die Seinen.

Lieber Leſer, ich weiß nicht, ob dir der rechte Vater über Alles was Kinder heißet, ein Kind oder Kinder gegeben hat. Kinder ſind ein Segen, eine Gabe der großen Vaterhuld und Freundlichkeit Gottes. Aber welch ein Segen erſt, wenn die Kinder geſunde Leibesglieder haben, wenn ſie wohlgebildete Händchen

*) Sie ſei hiermit jedem Leſer derMaje dringend ans Herz gelegt. D. Verf. Die Maje. I. Jahrg. 20