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Mädchen war der eines Bruders mit der Schweſter, und er blieb es bis jenſeits ihrer
½ Confirmation. An die Möchlichkeit einer Trennung dachten ſie gar nicht in ihrem — kindlichen Weſen. Und dennoch ſtand ihnen dieſe Trennung jetzt ſehr nahe, ohne daß ſie es ahneten. Wann bleibt das Leid im Leben aus? Der Knabe hatte,
nach des Pfarrers Ueberzeugung, diejenige Reife erlangt, welche es nothwendig
machte, ihn auf eine höhere Lehranſtalt zu bringen. Der Pfarrer ſchrieb das
ſeinem Freunde, dem Amtmann, und ſchlug ihm als Ort eine große Stadt vor,
die zwiſchen ihren beiden Wohnorten, aber auf dem rechten Rheinufer lag und eine
4 gute Bildungsanſtalt hatte. Dem Amtmann fiel ein Stein von dem Herzen, als der Freund dieſen Vorſchlag machte— denn heimkommen durfte jetzt Carl nicht,
ſo ſehr auch das Vaterherz ihm entgegen ſchlug. Die Mutter wiegte ſelbſt einen
— Säugling auf ihrem Schooße, und ſeitdem war ſie noch erfinderiſcher im Quälen und Nörgeln geworden. Hätte ſie doch nur ein einziges Mal nach Carl gefragt
in der Reihe von Jahren, die er nun ſchon bei dem Pfarrer war! Aber nein!
Sie mied, des armen Knaben Namen zu nennen, und gab ſo dem ugzlücklichen
Vater ſelbſt den Maßſtab der Beurtheilung ihres Haſſes gegen Carl. Es that
dem Amtmann unendlich leid, aber er durfte es nicht äußern, wenn er nicht ein 6 Leben wollte, das hier ſchon die Ha geweſen wäre. In jener Stadt, wohin ihn mitunter amtliche Beziehungen riefen, durfte er hoffen, ſein leider„ausgebiſſenes“
Kind einmal wieder zu ſehen; er ſchrieb alſo dem Freunee, er möge ihn doch ſelbſt hinbringen, da er nicht abkommen könne; er ſandte ihm hinter ſeiner argen Frau Geld, ihn anſtändig zu kleiden und auszuſtaffiren, in Summa, Alles in gehöriger Weiſe zu ordnen, wie es eines rechtſchaffenen Vaters Pflicht iſt, aber darin lag ſein Ver⸗ hältniß ausgeſprochen, daß er das Alles ſelber im Rücken ſeiner Frau thun mußte.
Als das eines Abends im Herbſte der Pfarrer Carl eröffnete, erbleichte der arme Junge vor Schrecken, denn er ſah mit Einem Male all' ſein Glück zuſam— menbrechen.—
Muß es denn ſein? fragte Carl mit feuchtem Blicke. Ich war ja ſo gluͤck⸗ lich in dieſem Hauſe, daß es mir kaum möglich ſein wird, hinaus zu gehen. Jater und Mutter hab' ich hier gefunden, die ich jenſeits des Rheines verlor.—
Der Pfarrer wies ihm, nicht ohne innere Bewegung, nach, daß ſeine Zukunft es heiſche, welchen Berufsweg er nun auch einſchlagen werde. Er ſei jetzt in dem Alter, in dem der Ernſt des Lebens alles Spielen ende.—
Du gehſt ja nur etwa ſechs bis ſieben Stunden von hieraus weg, ſagte der Pfarrer. Die Ferien bringſt du bei uns hier zu, und deinen Vater wirſt du dort mehr ſehen, als hier. Er redete ihm lange zu, während die ſanfte Pfarrerin in einer Ecke ſaß und bitterlich weinte, denn Carl war ihr geworden, wie ein eignes Kind. Carl war tief betrübt. Er ſollte aus allen den ihm ſo theuer gewordenen Kreiſen und Verbindungen heraus, unter fremde Leute, in fremde Verhältniſſe; das wollte ihm ſchier das Herz brechen. Er war indeſſen zu verſtändig, daß er wohl einſah, wie gut es der Pfarrer und ſein armer Vater mit ihm meinten, und nach und nach beruhigte er ſich. Als er Benders vom Scheiden ſagte, trauerten Alle. Niemand aber mehr, als Guſtelchen, und erſt als er verſprach, bald wieder zu kommen, beruhigte auch ſie ſich mehr und lernte ſich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ihr lieber Carl ſie verlaſſe.—
Der Abſchied war ſehr ſchmerzlich und ſo lange Carl des Städtchens Thürme ſehen konnte, ruhte ſein Blick darauf, in dem die Thränen glänzten. Der Pfarrer der ihn begleitete, that, als ſähe er das nicht, und ſuchte ihn zu zerſtreuen, was ihm aber nur ſchwer gelang. Als ſie in der Stadt ankamen, empfing ſie Carl's Vater mit unausſprechlicher Freude. Wie drückte er den blühenden Sohn voll
väterlicher Liebe an ſein Herz. Wie glücklich fühlte er ſich, das Kind einmai „ wiederzuſehen, das er ſo lange hatte meiden müſſen! Aber wie hatten die wenigen l Jahre ihn verändert! Er war zum Greiſe geworden. Kummervolle Falten zeigten ſich auf ſeinem Geſichte und jede Miene verkündete ſein häusliches Elend, und die
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