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Cartouche.
noch gewachſen war. Während man in Paris für die Ergreifung des Furchtbaren Gelübde that und betete, be⸗ ſorgte er, daß die verheißene Begnadigung und die große Belohnung in ſeiner eigenen Schaar Verräther nähren könne. Cartouche hielt ſich jetzt nirgends ſicher, er war nicht mehr derſelbe, die lange Ruhe in Bar ſur Seine hatte die Elaſticität ſeines Muthes erſchlafft. Die Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die er zu ſeiner eigenen Sicherheit er⸗ griff, wichen ſo ſehr von ſeinem frühern verwegenen Auf⸗ treten ab, daß ſeine Getreuen ſelbſt ihn mit Bangigkeit betrachteten. Er war nicht mehr der alte Cartouche, deſſen Blick allein ihnen Vertrauen gab. Er ſchlief nie mehr zwei Nächte in ſelbem Bett, eine unwillkürliche Angſt zitterte durch ſeinen Körper, er fuhr, auch in der ruhig⸗ ſten Nacht, im Schlafe auf und ſeine Blicke waren un⸗ ſtät, als ſuchten ſie überall nach Verrath.
Er hielt es für gerathen in ſeinem Oberbefehl zum Terrorismus zu greifen, um die wirklich erſchütterte Auto⸗ rität— oder vielleicht war ſie es nur in ſeinem Arg⸗ wohn— wieder herzuſtellen. Ein junger Soldat von der Garde, der als ſtiller Aſſocie zur Bande gehörte, hatte ſich in einer zärtlichen Stunde verleiten laſſen gegen ſeine Geliebte, eine Schneidermamſell, ſeinen Eid der Ver⸗ ſchwiegenheit zu brechen und derſelben ſeine Verbindung mit Cartouche zu vertrauen. Er hatte ihr verſprechen müſſen dieſen Bund zu verlaſſen. Dies war ſein Ver⸗ brechen, es war verrathen worden. Am 12. October 1721 berief Cartouche die ganze Bande, er ſagte dem jungen Soldaten ſeinen Verrath ins Geſicht, ſchmetterte ihn nie⸗ der durch eine donnernde Rede über ſeine unmännliche Schwachheit, und nachdem er ihn erwürgen laſſen, läßt er ihm noch die Zeichen ſeiner Männlichkeit ausreißen.
Statt durch dieſes grauſame Gericht zu ſchrecken, er⸗


