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rauhern Jahreszeiten vor Ankunft der übrigen Genoſſen die Temperatur des Verſammlungszimmers mittelſt des Thermometers zu unterſuchen und zu regeln hatte.
Bald nach ihm erſchien unter der Einfahrt des Hauſes ein blühender Greis mit ſchneeweißem Haar und rundem jovialen Geſichte, dem man ohne Schwierigkeit die Deviſe des Lebens:„Wein, Weiber und Geſang“ anſah; er hatte von Pique auf ſtark in Weinen gemacht und fand es keineswegs beweinenswerth, als er ſich eines Tages aus den Blumen ſeiner Fäſſer und Flaſchen ein brillantes Bouquet von Reichthum zuſammenband, den Wein ſeines Lebensreſtes nur noch mit der Einen Etikette verſehend: Laß dir's wohl ſein, holder Leib und liebe Seele! Wegen ſeines blühenden Ausſehns und der feinen und ſtreng nach der neueſten Mode geregelten Toilette hieß er nur der „Jüngling von Karahiſſar“ und hatte als Gourmand das Clubbiſtenamt, vor Eintritt in das Verſammlungszimmer. einen Abſtecher in die Küche zu machen und an Ort und Stelle mit den weiblichen Häuptlingen des Herdes über den Abendtiſch Rückſprache zu nehmen.
Der Jüngling von Karahiſſar war ſtets mit der Speiſeliſte kaum zu Ende gekommen und in das Clubb⸗ zimmer getreten, als auch ſchon der Schatten eines dritten Gaſtes unter dem Löwenwürger in die Thorfahrt des Hauſes fiel und zwei Stiefel mit klirrenden Sporen auf dem Pflaſter dröhnten. Der penſionirte Dragoner⸗Major Donner kam herangeſchritten, der trotz ſeiner ſechzig Jahre noch ſehr martialiſch auftrat, auf dem Weg vom Thor zur Treppe und über die Galerie regelmäßig ſieben Male ſo energiſch räuſperte, daß er ſtets alle weiblichen Nerven des vier Stock hohen Hauſes in Zuckungen ver⸗ ſetzte. Herr v. Donner und Doria(das war ſein Clubb⸗ name) hatte ebenfalls ſein Glück als gemeiner Soldat be⸗ gonnen, war Korporal, Lieutnant und endlich Rittmeiſter geworden, worauf er das Unglück hatte, ſehr reich zu heirathen; wir ſagen, das Unglück— weil von dem Hochzeitstage an ein merkwürdiges Zwiſchenreich von Unpäßlichkeit über die ſonſt ſo rieſenfeſte Geſundheit des Mannes hereinbrach. Jedes Vierteljahr regelmäßig kam von Seite des Rittmeiſters ein Krankenzeugniß mit Ur⸗ laubsgeſuch auf einige Wochen an die Militärbehörde, bald war eine Reiſe in's Bad, bald eine bloße Luftver⸗ anderung nöthig, um der im Dienſte des friedlichen Vater⸗ landes unterwühlten Geſundheit die nöthige Erholung zu gönnen; das Uebel fing unter den Knieen des armen Leidenden an, und ſtieg nach und nach mit rapider Ver wegenheit bis zur eirunden Glatze des männlichen Ober hauptes empor, in Stechen, Prickeln, Reißen, Zwicken und andern derartigen Späßen ſich äußernd. Den Rath, da er ja reich genug ſei, zum Beſten des Vaterlandes die Penſion fahren zu laſſen und einfach zu quittiren, befolgte er nicht, aber als er ſich endlich den Ruheſtand mitſammt dem Majorstitel und dem höchſten Ruhegehalte erächzt und erkränkelt hatte, ließ er ſich ſanft aus der Höhe des Militärſtandes in die bürgerliche Geſellſchaft niederfallen und fand hier merkwürdigerweiſe ſeinen ſtahlfeſten Ge ſundheitszuſtand wieder. Sein Lebenszweck war nun frei⸗ lich jetzt ein ſehr beſcheidener; Ruhe, Bequemlichkeit und Genuß ſtanden in erſter Reihe, Geld und Gut, dazu auch Titel und Würden hatte er in Fülle— was war alſo natürlicher als noch einige gleichſtrebende Jünglinge von hohen Jahren aufzuſuchen und mit ihnen ein Caſino des Wohlſeins zu errichten? Zu ſeiner Freude fand er ein
ſolches bereits vorhanden, erſuchte um Admittirung in
daſſelbe, wurde mit Vergnügen aufgenommen und hatte ſich ſeitdem durch ſein geſundes, donnerähnliches Ge⸗ lächter berühmt gemacht, das alle Jahre wenigſtens zwei ueue Anwürfe an den Außenwänden des Clubbzimmers nöthig machte.
Herr von Donner und Doria hatte gewöhnlich kaum ſeine beſpornten Beine unter dem Clubbtiſch zurechtge⸗ raſſelt, als die Thüre des Zimmers wieder aufging und eine überaus ſeltſame Geſtalt hereintrat. Die Geſtalt war eigentlich nur eine riskirt lange und ſchmale Zu⸗ ſammenſetzung von Knochen, ſo ſparſam in gelbbraune Haut gewickelt, daß ein Spaßvogel mit Recht bemerkte: wenn er die Augenlider ſchlöſſe, müßte wo anders eine Klappe aufgehen. Dieſer neue CElubbgenoſſe war ſeiner Zeit ein im Fache der Intrigants berühmter Hofſchau⸗ ſpieler geweſen, ſeit acht Jahren in Ruheſtand verſetzt, und ſeitdem eine zuverläſſige Erſcheinung im blauen Löwen⸗ würger. Er repräſentirte im Clubb das gemüthlich teuf⸗ liſche Element, wozu ihn ſein früheres Rollenfach, ein ſchwarzgalliger Beiſatz in ſeinem Temperament und be⸗ ſonders glücklich ſein ganzes Aeußere, namentlich ſein langes, krankhaft hageres Geſicht unterſtützten. Schon wenn er eintrat, den Knopf des Stockes an der Unter⸗ lippe, die zwei großen, unheimlich glimmenden Augen ſtarr vor ſich hinrichtend und nicht mehr Geräuſch verur⸗ ſachend als ein Luftzug, der ein Notenblatt umwendet— da war man gewiß eines Ungeheuers von Anſchlag nicht ſicher; deshalb nannte er ſich ſelbſt die„Rattenfalle“ des Clubbs und zettelte auch nicht ſelten, der Abwechſelung wegen und natürlich mit Berückſichtigung der geſelligen Grenzen, wahre Pulververſchwörungen unter den Mit⸗ gliedern an.
War die ſeltſame Rattenfalle in's Clubbzimmer ge— treten, ſo folgte gewöhnlich eine längere Pauſe, bis die noch übrigen Mitglieder auch ankamen; denn ſie wohnten alle in einem entfernteren Stadttheile beiſammen und pflegten einander dadurch abzuholen, daß ſie ſich unter die betreffenden Fenſter ſtellten und mit Elfenbeinpfeifchen verabredete Diebszeichen gaben. Waren auch dieſe, fünf
an Zahl, im Clubbzimmer erſchienen, ſo fehlte ſchließlich
nur noch ein wichtiges Mitglied der Geſellſchaft, das ge⸗ wöhnlich ſechs bis zehn Minuten auf ſich warten ließ. Dies geſchah indeſſen nicht etwa des hohen Anſehns wegen, welches das ehrenwerthe Mitglied der Geſellſchaft unter den Freunden genoß, ſondern in Folge eines durch die„Rattenfalle“angeregten unddurchgeſetzten Beſchluſſes. Herr v. Tamerlan(ſo nannte ihn der Clubb) war nämlich gegen das Grundgeſetz der Geſellſchaft, das zum Eintritt in dieſelbe ein Alter von mindeſtens ſechzig Jahren erfor⸗ derte, als Mitglied vorgeſchlagen worden, und hatte durch übermenſchlich freche Ausdauer ein Jahr lang an dem Widerſtreben des Clubbs genagt und gebröckelt, bis man ſich endlich, um der läſtigen Beunruhigung loszuwerden, zum Nachgeben entſchloß und zwar unter der Bedingung, daß der neu Admittirte wegen ſeiner noch zu unreifen Jugend von vierundfunfzig Jahren nie vor Schlag acht Uhr das Vereinslokal betrete. Herr von Tamerlan fügte ſich dieſem Beſchluſſe ohne Widerrede und gedachte nach Verlauf eines Jahres ſolche Verdienſte und ſo viel Liebe des Clubbs an ſich geriſſen zu haben, daß, wenn er dann mit ſeinem Austritte drohe, das ſchändliche Geſetz gegen ſeine allerdings noch zarte Jugend nothwendig fallen würde. Es zeigte ſich auch bald, daß er ſeine Hoffnungen nicht auf Sand gebaut hatte; denn ſchon nach einigen


