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Prinzipals. Dieſer Umſtand führte mich täglich wenig⸗ ſtens zweimal mit der ganzen Familie zuſammen, die aus der Frau Prinzipalin und zwei ſchon erwachſenen Töch tern beſtand. Der Eindruck meiner Perſönlichkeit auf dieſe drei Frauensperſonen war kein erfreulicher. Ich merkte es ihnen an, daß ſie mich alle mit vorurtheils⸗ vollen Blicken betrachteten.
Obwohl ich zuvorkommend, höflich, dienſtfertig, ge ſchmeidig, vielleicht gar zu geſchmeidig mich zeigte, gewann ich doch weder Mutter noch Töchtern einen freundlichen Blick oder ein mild klingendes Wort ab. Die Mutter blieb kalt und vornehm, die Töchter benahmen ſich wie Klötze. Ich hätte ihnen gern Gleiches mit Gleichem ver⸗ golten, aber ich fürchtete mir dadurch meine Stellung zu verderben. So beachtete ich das geringſchätzige Beneh⸗ men nicht, das ich täglich erfahren mußte, und blieb im⸗ mer gleich höflich, immer gleich dienſtbereit.
Unter Menſchen zu gehen nahm ich Anſtand. Eines Theils zogen ſie mich überhaupt nicht an, und andern Theils fürchtete ich mich vor dem Gewühl. Ich wußte, daß es unter der großen Menge immer Einige geben würde, die es ſich zum Vergnügen machen könnten, ſich an mir zu reiben. Dieſem wollte ich mich nicht ausſetzen, und deshalb hielt ich mich gern allein. Daß ſo frühzei⸗ tiges Gewöhnen an einſames Leben weder gut ſei noch der Lebensbeſtimmung des Menſchen überhaupt entſpreche, ſah ich erſt ſpäter ein.
Meine Violine hatte ich mitgenommen. Sie war mein einziger Freund, mein beſter Geſellſchafter. Da ich jedoch im Hauſe meines Prinzipals Niemand und niemals von Muſik oder von Kunſt ſprechen hörte, wagte ich in den erſten Wochen das liebe Inſtrument nicht mit einem Finger zu berühren.
Dreimal in der Woche ging Herr Boller regelmäßig zu einer beſtimmten Abendſtunde in die Reſſource. Mutter und Töchter blieben dann faſt immer allein und beite⸗ ten mit einer Ausdauer in Stramin, daß einem dabei angſt und bange werden konnte. Mir wenigſtens iſt bei jungen Frauenzimmern von jeher nichts mehr zuwider ge weſen, als das ewige monotone und mechaniſche Herum⸗ ſtechen in Stramin. Der Menſch ſinkt dabei immer halb zur Maſchine herab, denn, ein Bischen Routine ausge nommen, ruht bei jeglicher Straminarbeit das Gedan kenleben vollſtändig.
Nun kam ich auf den unſoliden Gedanken, es werde die fleißigen Handarbeiterinnen ergötzen, wenn, ſie dabei auf anſprechende Weiſe unterhalten würden. Vielleicht, dachte ich, erfreut ſie eine Ueberraſchung. Sie wiſſen nicht, daß ich muſikaliſch bin, ihr faſt unhöfliches Weſen weicht vielleicht gefälligeren Formen, wenn ſie ſehen, daß ich einiges Talent beſitze. Abſtoßende Neußerlichleiten verſchwinden ja, oder werden doch nach undanach ver⸗ geſſen, wenn ein gediegener Kern ſich in der nſchönen Hülle offenbart.
Ich ſtimmte alſo meine Geige, öffnete das Fenſter
gſtindiſche Zilder.
Wir bieten heute unſern Leſern zwei Bilder, welche für das Land, das jetzt die öffentliche Aufmerkſamkeit ſo gewaltig in Anſpruch nimmt, charakteriſtiſch ſind. Das erſte ſtellt den„König von Delhi“ dar, den Nachkommen Babers, Ak⸗
mein Spiel dem Kratzen eines Fiedlers gleichen ſollte, ver⸗
machen, gelobte feierlich, es nie wieder zu thun, und packte meine Geige noch im Beiſein von Madame Boller in ihr
worden, am offnen Fenſter ſitzend, hören konnte. Was
meines über dem Wohnzimmer der Familie befindlichen Stübchens, und begann einige wohl eingeübte Variationen mit allem mir zu Gebote ſtehenden Ausdrucke zu ſpielen. Während meines Spiels bemerkte ich ein paarmal die Haube der Prinzipalin aus dem Fenſter fahren. Offen bar wollte die gute Frau ſich überzeugen, woher die unge⸗ wohnten Töne kämen. Schon hoffte ich, man würde mich meiner Geſchicklichkeit wegen beglückwünſchen und um Fortſetzung meiner Vorträge nachſuchen. Ein beliebter Walzer folgte den Variationen.
Alsbald hörte ich Schritte auf der Treppe, meine Thür ward ziemlich unſanft geöffnet, und die Prinzipalin in höchſt eigener Perſon, begleitet von beiden Töchtern, blickte mit dem Ausdruck höchſten Staunens auf den muſiciren den Buchhalter.
„Er iſt es wirklich!“ ſprach ſie, vor Verwunderung die Hände faltend, und ihre Töchter anblickend.„Was der Vater für Augen machen wird!“
Hierauf überſchritt ſie die Schwelle, während die Töchter als unthätige Zuſchauer vor der offenen Thür ſtehen blieben.
„Warum gehen Sie nicht aus, wie Ihre Collegen?“ fragte die herrſchſüchtige Frau ſehr determinirt.„Wenn die Arbeiten beendigt ſind, ſieht es Boller gern, daß ſeine Leute ſich ein Vergnügen machen. Solche Hausunken, wie Sie, liebt man nicht, und wenn Sie gar anfangen, die übrigen Bewohner mit muſikaliſchen Stümpereien zu quälen, wird man Ihrer bald ganz überdrüſſig werden. Wer hat Sie denn die Fiedel kratzen gelehrt?“
Ich fühlte, daß ich während dieſer Anrede meiner Prinzipalin bald blaß bald roth ward. Einen ſolchen Gruß hatte ich in der That nicht erwartet. Für einen Meiſter auf der Violine konnte ich mich nicht halten. So eingebildet war ich nicht, wie denn anmaßendes Weſen gar nicht in meiner verſchüchterten Natur lag. Daß aber
letzte und kränkte mich tief. Indeß mußte ich ja einlenken, um die Beleidigte nicht noch mehr zu erzürnen. Ich bat um Verzeihung, daß ich ſo unvorſichtig geweſen war, ohne zuvor eingeholte Erlaubniß auf eigene Fauſt Muſik zu
pappenes Futteral. Die Töchter wisperten einander, ich weiß nicht was, zu, die Prinzipalin warf die Thür verdrießlich in's Schloß, und das unmuſikaliſche Dreiblatt verfügte ſich wieder an ihre Straminrahmen. Es begann zwiſchen Mutter und Töchtern eine lebhafte Unterhaltung, wie ich, niederge⸗ ſchlagen und um eine betrübende Erfahrung reicher ge
ſie miteinander ſprachen, vernahm ich nicht, jedenfalls aber war meine unliebſame Perſon der nicht beneidens werthe Gegenſtand dieſer eifrigen Unterhaltung.
(Fortſetzung folgt.)
bar's und Aurengzebs, die einſt mit unerhörtem Glanz über Oſtindien geherrſcht. Derſelbe iſt bekanntlich nach der Er⸗ oberung Delhi's in die Hände der Engländer gefallen, welche ihn ſchonten, ſeine Söhne aber erſchoſſen. Es wird wohl


