Jahrgang 
1857
Seite
620
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einen mitten im Wege liegenden Stein geſtoßen, den der unachtſame Roſſelenker nicht bemerkte.

Während die Geſtoßene entſetzlich ſchimpfte und mir die ungezogenſten Redensarten als Revanche an den Kopf warf, rieb ich mir die Stirn und ſuchte zwiſchen den quet⸗ ſchenden Kiſten meine Mütze, die ich erſt Tags zuvor für einen Preis von zwanzig Böhmen erhandelt hatte. Sie war verſchwunden. Ich hatte ſie offenbar während des Schlafes verloren.

Ueber dieſen Verluſt brach die noch eben Schimpfende in ſchadenfrohes Lachen aus.

Das iſt Ihm geſund, ſprach ſie wohl zehnmal hin⸗ tereinander.Wozu braucht Er auch eine Mütze zu tragen. Es muß Ihm, dächt' ich, unter den brandrothen Haaren, mit denen der Herr Ihn geſegnet hat, heiß genug im Hirnkaſten werden!

Die Männer lachten über dieſe beleidigende Rede des ungebildeten Weibes, da ſie aber doch wohl merken konn⸗ ten, wie dieſelbe mich ſchmerzlich berührte, unterſtützten ſie die Schimpfende wenigſtens nicht. Ich ſelbſt ſchwieg, meine gute Laune aber war dahin. Den Verluſt der Mütze würde ich leicht verſchmerzt haben, daß mir aber bei einem Zufalle, der mich perſönlich eben ſo empfindlich traf, wie die Marktbeſucherin, die Farbe meines unſchul⸗ digen Haares zum Verbrechen angerechnet ward, kränkte mich tief. Ich hätte mir gern die Zeit durch Anknüpfung eines Geſpräches mit meinen Gefährten vertrieben, durfte ich es aber wohl nach dieſem Vorfalle wagen? Jedes Wort, jede Bemerkung konnte ja Anſtoß erregen und Widerſpruch finden. Ich ahnte, daß man mich nur dul⸗ dete und viel lieber am Wege ausgeſetzt hätte. Ich nahm den edlen Marktziehern ja doch nur Platz weg. Die Frau ſprach dies offen aus, indem ſie abſichtlich meine Füße mit ihren ſtarkſohligen, nägelbeſchlagenen Schuhen bearbeitete. ſo breitſpurig hin, daß ich kaum wußte, wo ich bleiben ſollte.

Zum Glück dauerte dieſe Reiſequal nur einen Tag lang. Abends bei Sonnenuntergang erreichten wir die Landſtadt, deren ungepflaſterte Straßen leidlich belebt waren. DieMarktleier hielt vor dem nächſten Gaſt⸗ hauſe. Das ermüdete Thier, das uns bis hierher ge⸗ ſchleppt hatte, kannte ſeit Jahren den Ort, wo es nach ſchweren Mühen ſich zwei oder drei Tage ausruhen durfte. Es huſtete, als ob es die Schwindſucht hätte. Die ſchwatzende Frau ſchüttelte der dicken Wirthin die Hand und machte dieſe ſogleich mit dem ihr zugeſtoßenen Unfalle bekannt, den ſie meiner Unbehilflichkeit zuſchrieb.

Das iſt der Sünder, der da mit dem rothen Kopfe! ſprach ſie.Dafür hat er auch ſeine Mütze verloren, was ihm ſehr geſund iſt. Geben Sie ihm ja nicht das beſte Zimmer! Für ſolchen grobdräthigen Geſellen, der erſt Moorſch(mores) lernen ſoll in der Welt, iſt eine Bodenkammer gut genug.

Die Wirthin zum gold'nen Hirſch ſo hieß der Gaſthof mußte großen Gefallen an dieſen Bemerkun⸗ gen meiner Antagoniſtin finden, denn ſie lachte unbändig. Ich erhielt zwar keine Dachkammer von ihr als Schlaf⸗ gemach angewieſen, vielleicht weil keine ſolche disponibel war, dafür mußte ich der Ueberfüllung wegen zwiſchen mehreren reiſenden Handwerksburſchen auf einer Streu ſchlafen.

In Wahrheit wachte ich nur. Das freudige Gefühl,

das mich erhob, als die Thurmſpitze des Fleckens am

Die Männer ſagten nichts, ſetzten ſich aber

Horizonte verſchwand, hatte mich längſt ſchon verlaſſen. Die Menſchen blieben mir fremd und allem Anſcheine nach nicht freundlich geſinnt. Ich ſann die ganze Nacht darüber nach, wie ich am ſchnellſten Breslau erreichen möchte, ohne nöthig zu haben, mit Fremden viel verkehren zu müſſen. Am liebſten wäre ich zu Fuß weiter gewan⸗ dert, wie aber ſollte ich meine in einem Koffer befindliche Habe fort transportiren? So blieb denn nichts übrig, als den Wochenwagen zu beſteigen, der am nächſten Tage nach der Hauptſtadt der Provinz abgehen ſollte. Ich meldete mich bei dem Führer deſſelben, bezahlte das Paſſagiergeld und erwarb dadurch das Recht auf einen Rückplatz.

Zu meiner großen Freude war die Zahl der Mitrei⸗ ſenden nur gering. Unter ihnen befand ſich ein katho⸗ liſcher Geiſtlicher, der ſogleich ein Geſpräch mit mir anknüpfte und ſich mir als ein Mann von Welt und wohl⸗ wollender Geſinnung zeigte. Er unterhielt ſich faſt aus⸗ ſchließlich mit mir allein, wußte durch geſchickt hingewor⸗ fene Fragen mir Aeußerungen zu entlocken, die ihm Einblick in meine freudenarme Jugend gewährten, und hatte mir darauf wieder ſo viel Beruhigendes zu ſagen, ſo wohlwollende und beherzigenswerthe Winke zu geben, daß ich mich unwiderſtehlich zu ihm hingezogen fühlte. Er war der erſte Menſch, den ich wirklich achten lernte, und noch heute bedauere ich, daß ich ſeiner Aufforderung, ihn ſo oft zu beſuchen, als ich Zeit und Luſt hätte, nicht nachgekommen bin. Er nannte ſich Kaplan Wenzig, und war beliebt als Kanzelredner, ſtand aber in dem Rufe, daß er ein jeſuitiſcher Emiſſär ſei, der den Auftrag habe, unter den Proteſtanten Proſelyten für die katholiſche Kirche zu machen. Dieſes Gerücht entfernte mich von ihm. Gewiß verdankte es nur einer böswilligen Erfin⸗ dung ſeine Entſtehung, und ich hätte mich jedenfalls im Umgange mit dieſem angeblichen Jeſuiten viel glücklicher gefühlt, als in den Kreiſen, auf welche meine Beſchäfti⸗ gung mich anwies.

Unterwegs ſchon war ich ernſtlich mit mir zu Rathe gegangen, wie ich es wohl anzufangen habe, um allen Unannehmlichkeiten im Umgange mit Andern mich zu entziehen. Ich entwarf einen vollſtändig ausgearbeiteten Verhaltungsplan, und glaubte damit etwas recht Ge⸗ ſcheidtes gethan zu haben. Nur hatte ich nicht daran gedacht, daß es niemals von dem Willen eines einzelnen Menſchen abhängt, die Verhältniſſe zu beſtimmen. Wüß⸗ ten wir im Voraus, wie Menſchen und Dinge ſich zu uns ſtellten, vielleicht wäre es dann möglich, das eigene Schick⸗ ſal ſich zu bilden. So lange aber der Zufall uns bald da⸗ bald dorthin wirft, heute mit Dieſem, morgen mit Jenem in Berührung bringt, iſt und bleibt er zumeiſt unſer Lehrherr.

Meine Empfehlungen bereiteten mir den wohlwollend⸗ ſten Empfang. Der Chef des Hauſes, wo ich als Buch⸗ halter eintreten ſollte, war ein Mann von altem Schlage. Alles, was er ſagte und that, trug den Charakter der Solidität. Man achtete ihn hoch als Geſchäftsmann, und wer bei ihm ein Unterkommen fand, hatte auch bei Andern eine gute Meinung für ſich. Etwas nur ent⸗ behrte Herr Boller ganz Phantaſie. Er konnte ſich Nichts denken oder vorſtellen, was er nicht auch mit Hän⸗ den zu greifen vermochte. Dieſer Mangel an Phantaſie, der das Leben in Boller's Hauſe aller Poeſie vollkommen entkleidete, wurde für mich der Stein des Anſtoßes.

Als Buchhalter wohnte ich in dem Hauſe meines