beider dieſe Idee ausdrückt. In der That bedarf es nur
einer Erinnerung an die Thatſachen, um den einſt ſo bittern
Streit— nicht zu ſchlichten, denn er kann eigentlich nicht ge⸗
ſchlichtet, er ſollte gar nicht aufgeworfen werden— ſondern zu beſeitigen. Schiller hat durch ſeine erſten Stücke un⸗ ſtreitig ſeine Genialität und Produktionskraft bewährt; aber hätte er nur die Räuber, Fiesko und Cabale und Liebe ge⸗ ſchueben, ſo könnte er nicht als Claſſiker gelten. Seine höchſten Schöpfungen aber fallen in die Zeit, als er mit Goethe in faſt täglichem Gedankenaustauſch verbunden, von dieſem die große Anregung und Förderung für ſeine Pro⸗ duktion erhielt. Niemand wird unbefangenerweiſe leugnen wollen, daß dieſer Umgang jerſt die ſchönſten Früchte bei Schiller zur Reife brachte. Andrerſeits Goethe hatte im
„ fürſtengruft in Weimar.
Streben nach Bildung und in den manchfachſten Studien der poetiſchen Produktion ſich faſt vollſtändig entwöhnt, bis der Umgang mit dem jugendlichen und feurigen Schiller und der von dieſem empfangene Impuls ihn wieder zu poetiſchen Schöpfungen zurückführte, die dann als Wilhelm Meiſter, Hermann und Dorothea, Fauſt die höchſte Bewunderung erregten und verdienten. was ſie ſich gegenſeitig verdankten, ſollte in der That jede kleinliche Abmeſſung ihrer Größe niederſchlagen. ſagte von ſich, Goethe gegenüber ſei er doch nur ein„poetiſcher Lump.“ Goethe dagegen ſchreibt von W. Meiſter:„Ge⸗ wiß ohne unſer Verhältniß hätte ich das Ganze kaum, we⸗ nigſtens nicht auf dieſe Weiſe, zu Stande bringen können“
Das Zeugniß beider über das,
Schiller
und wieder:„das günſtige Zuſammentreffen unſerer beiden
Naturen hat uns ſchon manchen Vortheil verſchafft, und ich hoffe, dieſes Verhältniß wird immer gleich fortwirken. Wenn ich Ihnen zum Repräſentanten mancher Objecte diente, ſo haben Sie mich von der allzuſtrengen Beobachtung der äußern Dinge und ihrer Verhältniſſe auf mich ſelbſt zurück⸗ ſchen mit mehr Billigkeit anzuſchauen gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verſchafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welches zu ſein ich ſo gut als aufgehört hatte.“— Nach ſolchen Zeugniſſen beider Dichter iſt es gewiß nicht mehr erlaubt, über das Verhältniß ihrer Größe zu ſtreiten, ſondern nur des ſchönen und einzigen Verhältniſſes ſich zu freuen. Daß ſie ſich gegenſeitig ſo ſchön ergänzen konnten, liegt eben in der völligen Verſchiedenheit ihrer Natur, die wieder doch eigentlich zu dem ganzen Streit Anlaß gegeben. Goethe der Realiſt hatte, obwohl reiche Geſtaltungsgabe im
geführt. Sie haben mich die Vielſeitigkeit des innern Men⸗
Schiller, der Idealiſt, dem von Haus aus der Sinn mehr nach innen als nach außen gekehrt war, und dem daher auch die Leichtigkeit naturtreuer Einzelgeſtaltung fehlte, hatte von Natur, noch mehr durch ſeine philoſophiſchen Studien eine Fülle allgemeiner Begriffe, die von größter Bedeutung für die Orientirung und für die Hervorbringung eines großen dichteriſchen Ganzen waren. Es beſaß ſo der Eine, was dein Andern fehlte, und Beide theilten ſich wechſelſeitig das Fehlende mit. Hierin aber liegt eben das wahrhaft und ganz gleichmäßig Große Beider, während unſere Zeit durch die Kleinheit des Neides, ja ſchon durch jenen Streit über Beider Größe als eine tiefer ſtehende charakteriſirt iſt. Wo ſind denn jetzt in Deutſchland zwei Dichter, die durch neid⸗ loſes, gemeinſames Streben ſich bemerkbar machen und nicht
Schillers Wappen.
durch gegenſeitige Verkleinerung? Man wird lange ſuchen dürfen, bis man ſie findet. Heute iſt es nur die Perſon, deren Vortheil und Ehre geſucht wird; damals war es ein großes Ziel, welchem edle, vornehme Geiſter in gemeinſchaft⸗ lichem Streben entgegen rangen. Damals war eine Ent⸗ gegenſetzung wahren, geiſtigen Adels gegen die Trivialität; heute ſchämt ſich ſelbſt der gebildetere Geiſt der Trivialität nicht, um dem großen Publikum zu gefallen und Geld zu verdienen. Damals gab es einen unabhängigen Areopag mit feſten Prinzipien, vor welchem die Mittelmäßigkeit uner⸗ bittlich zu Schanden, das Talent und das Verdienſt zu Ehren gebracht wurde. Heute iſt die Kritik in den Händen der Cameraderien und des Geldes, welches die öffentlichen Ur⸗ theile bezahlt und für einen Mann von Selbſtachtung iſt es meiſt ehrenvoller, von den kritiſchen Organen geſchmäht, als gelobt zu werden. Nichts iſt thörichter, als in Deutſchland ſtreiten über die höhere oder tiefere Stellung Goethes oder Schillers: werden wir uns ſtatt deſſen der Schande bewußt, welche darin liegt, daß unſere Zeit auf dem ganzen Gebiet geiſtigen Strebens ſo tief, nicht bloß unter die geiſtige, ſon⸗ dern auch unter die moraliſche Größe der Schiller⸗Goethe⸗
Einzelnen, doch eine gewiſſe Neigung, ſich zu zerſplittern; ſchen Zeit herabgeſunken iſt!
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.
7 4
—


