Jahrgang 
1857
Seite
615
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aber iſt, daß dieſes Verhältniß ein weit paſſenderes war als das mit der verheiratheten Charlotte von Kalb, und daß es das kurze Lebensglück Schiller's begründete. Die erſt vor Kurzem veröffentlichten Briefe zwiſchen Schiller und Lotte gewähren einen Einblick in die Entſtehung und Fortſpinnung dieſer Verbindung, welcher die liebenswürdigen Eigenſchaften und die Feinheit Schiller's wie ſeiner Braut und ſpäteren Gattin deutlich in's Licht ſtellt. Schiller hatte das Haus der Frau von Lengefeld, die mit ihren zwei Töchtern, von denen die eine mit einem Herrn Beulwitz verheirathetwar, in Rudolſtadt lebte, auf

Schillers Wohnung in Jena

der Rückkehr von einer Neiſe nach Meiningen in Geſellſchaft eines Verwandten des Hauſes, des jungen Wolzogen, welcher ſpäter die von Beulwitz geſchiedene Schweſter Caroline heirathete, zum erſten Male beſucht. Es entſpann ſich ein Briefwechſel, und während eines längeren Aufenthaltes in Volkſtädt bei Rudolſtadt pflegte Schiller das Verhältniß in dem Lengefeld'ſchen Hauſe, deſſen beide junge Damen mit einem feingebildeten Geiſte viel Empfindſamkeit verbanden. Bald ſetzte ſich in Beiden das Gefühl feſt, daß ſie für einander geſchaffen ſeien, und nach langem Zögern wurde

Schillerhaus in Weimar.

es im Jahre 1789 ausgeſprochen, indem die Schweſter Caroline die Zunge löſte und das Geſtändniß vermittelte. Doch wurde beſchloſſen, das Verhältniß vor der Mutter noch geheim zu halten, bis Schiller, damals Profeſſor in Jena ohne Gehalt, durch einen fixen Gehalt ſeine Exiſtenz einigermaßen geſichert ſähe. Carl Auguſt von Sachſen Weimar trat freundlich in's Mittel und machte durch ein Jahrgehalt von 200 Thalern zwei Glückliche. Am 26. Febr.

1790 wurden Schiller und Lotte von Lengefeld in der Kirche von Wenigenjena bei Jena getraut. Die Ehe war eine durchaus glückliche und nur durch die bald ſich entwickelnde Bruſtkrankheit Schiller's getrübt, durch ſeinen Tod leider allzufrüh zerriſſen. Sie machten zuſammen die Reiſe nach der Heimath des Dichters, Schwaben, wo ihm ſein erſter Sohn, der kürzlich verſtorbene Württemberg'ſche Oberförſter, geboren wurde. Der Herzog Carl, der während dieſer Zeit ſtarb, hatte die Rückkehr Schiller's ignorirt:Der Mann hat ſich recht notabel gemacht, ſoll er in ſeinen letzten Tagen

ſcffpoſh ſiſi

von Schiller geſagt haben, der ihn ſtets milder beurtheilt hat, als er verdiente. Nachdem er 1794 ſich wieder in Jena niedergelaſſen hatte, begann jetzt in einer glücklichen Häuslich⸗ keit und im freundlichen Verkehr mit den größten Geiſtern der Nation die rühmliche, große, ſchöpferiſche Periode Schil⸗ ler's, in der, ſo zu ſagen, jedes Jahr ein unſterbliches Drama lieferte. Im letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts ver⸗ tauſchte er Jena, wo Vorleſungen zu halten ihm ſeine Ge⸗ ſundheit unmöglich machte, mit Weimar, wo er ſich auf der Esplanade, der jetzigen Schiller⸗Straße, ein eigenes, nicht

Schillers Arbeitszimmer.

allzugroßes, aber hübſches Haus kaufte, und mit Goethe und den übrigen Weimarer Größen in noch innigeren Verkehr trat. Aber ſchon im Jahre 1805 erlag er einem unheil⸗ baren Lungenübel. Er hinterließ ſeiner Familie kein Ver⸗ mögen, aber unſterblichen Ruhm und Werke, die von allen Deutſchen geleſen und wiedergeleſen, auch eine faſt unverſieg⸗ bare Rente für die Seinigen repräſentirten. Seine Gattin überlebte ihn 21 Jahre und ſtarb zu Bonn 1826.