hervorgehoben hat, daß gerade in Aſien die Macht der vollendeten Thatſache eine außerordentliche iſt, ſo wird dieſer Satz auch in dieſem Fall zu ſeiner praktiſchen Anwendung kommen. Mit dem Fall von Delhi iſt Britiſch Indien unter die Herrſchaft Englands zurückgekehrt, und weder Ruſſen noch Franzoſen haben ihre Hilfe dabei zu leiſten. Gleichzeitig iſt in Conſtantinopel der durch franzöſiſchen Einfluß einen Augenblick verdrängte Reſchid Paſcha wieder an's Regiment gelangt: damit iſt nicht bloß die Unerſchütterlichkeit der türkiſchen Oppoſition gegen das aben⸗ teuerliche Project der Union der Donaufürſtenthümer conſtatirt, ſondern auch das Uebergewicht des franzöſiſchen Einfluſſes, wel⸗ ches in der Annullirung der moldauiſchen Wahlen einen kurzen Triumph gefeiert hatte, ausdrücklich abgewieſen. Dazu kommt, daß Preußen offenbar den Rückzug antritt von ſeiner unions⸗ freundlichen Politik: einen Rückzug, der in einem Circular ſehr deutlich angezeigt iſt und der durch die Stellvertretung des Prin⸗ zen von Preußen in den königlichen Functionen ſicherlich vollen⸗ det wird. So iſt denn ſtatt des iſolirten Oeſtreich, auf welches die franzöſiſche Preſſe faſt mitleidig herabzuſehen ſich die Miene geben durfte, vielmehr Frankreich in dieſem Augenblick in Ge⸗ fahr iſolirt zu werden, es hat in der Unionsfrage eine förmliche Schlappe in ſicherer Ausſicht und es darf ſich Glück wünſchen, auf die Allianz mit England ſich zurückziehen zu können, die es einen Augenblick entbehren zu können glaubte, und die doch— man mag ſagen, was man will— der einzig ſichere Stützpunkt für das neunapoleoniſche Regiment iſt und bleibt. Allem An⸗ ſcheine nach wird die Geſchichte nicht bloß von Louis Philipp zu verzeichnen haben, daß er eine„beſcheidene Politik“ verfolgt, auch der Erbe der napoleoniſchen Traditionen hat ſich einer beſcheide⸗ nen Politik zu bequemen, weil die Intereſſen aller Länder und Nationen Europas darauf gerichtet ſind, den franzöſiſchen Ueber⸗ muth, ſobald er ſich zeigt, mit guten oder böſen Mitteln zur Be⸗ ſcheidenheit zurückzuführen.
„Von einem verlorenen Poſten. Ein Buch der Erinnerung an Schleswig-Holſtein“ heißt eine Schrift von Bernhard Endrulat, die kürzlich in Hamburg bei G. C. Würger erſchienen iſt, und nicht oft haben wir ein Buch mit ſolcher Befriedigung, mit ſolch' ungetrübtem Eindruck des Wohlgefallens aus der Hand gelegt. Es iſt ſo ſelten der Fall, daß unſre deutſchen Dichter von der Idee des Vaterlands und der Nationalität erfüllt und getragen ſind, daß es in gewiſſen literariſchen Kreiſen faſt für trivial und ungebildet gilt, den Fragen der Politik und der Nationalität einen Einfluß auf die Dichtung zu geſtatten. Wir wünſchen dem Vaterlande Glück, daß es noch Dichter hat, wie Bernhard Endrulat, und wir dürfen auch dieſem Glück wün⸗ ſchen, daß er ſeine Muſe dem Vaterlande und der Nation geweiht hat, anſtatt ſie an leeren Abſtractionen zu zerſplittern oder gar in den unwürdigen Dienſt eines neu aufgewärmten franzöſiſchen Materialismus zu zerren, den die unglaubliche Unwiſſenheit der Jugend unſerer Tage mitunter für etwas Funkelnagelneues hält. Nicht der„große Moleſchott“, ſondern das Vaterland iſt der Ge⸗ genſtand, den Bernhard Endrulat verherrlicht und nicht in das Reich der Träume und der kosmogoniſchen Theorien hat ſich der⸗ ſelbe aus den politiſchen Niederlagen der letzten Jahre geflüchtet, ſondern treu und beharrlich hält er aus auf dem Poſten, den die CEhre und die Intereſſen des Vaterlandes ihm angewieſen, und ſeine ganze zähe Kraft iſt der Aufgabe gewidmet, das ſchmählich Verlorne rühmlich zurückzuerlangen. Schleswig⸗Holſtein iſt für die phlegmatiſchen, ſchlafſeligen Deutſchen eine offene, brennende Wunde, welche ſie hindert, ganz dem politiſchen Todesſchlaf zu verfallen, dem ihre Natur zuſtrebt und zu dem in unſern Tagen ſo ziemlich Alles einladet. Die Philiſterweisheit hat aus den Begebenheiten der letzten Jahre die⸗Lehre gezogen, daß es Unſinn
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke s Devrient in Leipzig.
und Thorheit iſt ſich um Vaterland und Politik zu bekümmern: das muß man den„angeſtammten“ Regierungen d. h. Rußland und Frankreich überlaſſen, je nachdem die„Angeſtammten“ ihre Parole in Paris oder St. Petersburg holen. Da ſpricht man den Namen Schleswig⸗Holſtein aus, des deutſchen Landes, wel⸗ ches auf die Treu und den Verſtand der Deutſchen gebaut, für welches in einem geweihten Augenblick deutſche Truppen ſich in Bewegung geſetzt und Ströme Blutes vergoſſen, in welchem deutſche Ehre und ſelbſt das handgreifliche Intereſſe Deutſch⸗ lands verpfändet iſt und ſich zu löſen hat von der Schande der Unterdrückung durch ein lächerliches Völkchen, welches ſich von den„angeſtammten“ Regierungen Deutſchlands die Gendarmen geborgt, um ein deutſches Land zu daniſiren— und die Philiſter⸗ weisheit muß verſtummen. Für das was an der Elbe und Eider geſchehen, findet ſelbſt der Philiſter kein Wort der Entſchuldigung, kein Wort, um das Unerträgliche als erträglich darzuſtellen. Das iſt die Miſſion, welche das unglückliche Land zur Aufſtache⸗ lung des politiſchen Geiſtes in Deutſchland übernommen hat. Weil man nie aufhören kann und weil auch nicht zu hintertreiben iſt, von Schleswig⸗Holſtein in Deutſchland zu ſprechen, deshalb darf man auch an Deutſchland nicht verzweifeln: ſelbſt das ge⸗ duldigſte Volk trägt auf die Länge die Schande nicht, die aus der offenen Wunde Schleswig⸗Holſtein für Deutſchland herauseitert. Dieſe Schande und zugleich die Tiefe des Verluſtes, den Deutſch⸗ land durch die Preisgebung Schleswig⸗Holſteins erlitten, recht fühlbar zu machen, iſt der Zweck auch des Endrulat'ſchen Buches, das die Bilder aus dem Freiheitskampf von 1848— 1850, ver⸗ bunden mit Sagen und Geſchichtsbildern zur Charakteriſtik dieſes kerndeutſchen Landes und Volkes, am loſen Faden der Erlebniſſe des Verfaſſers, welcher ſelbſt für die heilige Sache gekämpft und geblutet, an den Augen des Leſers vorüberführt. Jedes dieſer Bilder iſt ein lauter, gewaltiger Aufruf zur Sühnung unſerer Schande, zur Wiederherſtellung unſerer nationalen Ehre. Die Schrift iſt dem Herzog Ernſt von Sachſen⸗Coburg⸗Gotha ge⸗ widmet, dem einzigen deutſchen Fürſten, der das Seinige an Ort und Stelle ſelbſt gethan, um der deutſchen Nation ihr Recht und eine weſentliche Lebensbedingung ihrer äußern Exiſtenz zu er⸗ kämpfen, der es ſelbſt empfunden hat, was es heißt, ein Sieger ſein und doch den Kampfplatz wie ein Beſiegter verlaſſen müſſen, dem Fürſten, an den jede freiheitliche und nationale Beſtrebung in Deutſchland kühn ſich anlehnen darf, gewiß, bei Ihm Schutz und Anerkennung zu finden. Der Verfaſſer, bekanntlich ein Preuße, der als Soldat eines preußiſchen Regiments nach Schleswig-Holſtein gekommen, bei dem Rückzug der Preußen dort auf eigene Fauſt zurückblieb und dadurch ſich den Strafen, die auf Deſertion geſetzt ſind, ausſetzte, denen er beinahe verfal⸗ len wäre, ſcheint jetzt ſein Unterthanenverhältniß zu Preußen gänzlich gelöſt zu haben. Wir bedauern, daß der Raum uns nicht geſtattet, einzelne Stellen aus ſeiner Schrift mitzutheilen. Nur kurz wollen wir einen Zug herausheben. Die Preußen waren im Begriff abzumarſchiren. Unſer Verfaſſer ſchwankte im Conflikt der Soldatenpflicht mit der patriotiſch⸗nationalen. Es war ein harter Kampf, obwohl ſeine ſchleswig⸗holſteiniſchen Freunde den Fahneneid als eine bloße Aeußerlichkeit betrachteten. Eines Abends war er in einer Geſellſchaft, in welcher ſich auch ein holſtein'ſcher Prediger befand. Alle redeten dem preußiſchen Soldaten zu, ſeine Fahne zu verlaſſen; nur der Geiſtliche ſchwieg. Endlich, als die Geſellſchaft aufbrach, nahm der Paſtor den jungen Mann bei Seite, ſagte ihm Lebewohl und fügte hinzu: „Wenn Sie eine Bibel bekommen können, ſo leſen Sie doch ein⸗ mal Jeſus Sirach Cap. 4, Vers 32 und 33, das wird Etwas für Sie ſein in Ihrer jetzigen Lage.“ Und in der That, es war Etwas für ihn, wie der geneigte Leſer ſelbſt finden kann, wenn er die betreffende Stelle aufſchlägt.


