Jahrgang 
1857
Seite
509
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purg für den Gram, die Suppe faſt unberührt wieder forttragen zu müſſen und ſie gab jetzt ihre Zufriedenheit und ihre Sehnſucht nach Ruhe zugleich durch ein leiſes Summen zu erkennen, nicht unähnlich dem Schlummer⸗ läuten eines Abendkäfers, der noch flüchtig durch die Lüfte ſtreicht.

Maria und Jeſus ſagte ſie halb ſinnend und hie und da im reinlichen Stübchen ordnendwieder ein Tag dahin; wie werden wir beſtehen? Seid uns und allen armen Sündern gnädig!

Und wie ein hellesAmen fiel die Abendglocke jetzt zu dieſen Worten ein, der Kinderlärm im Dorf verſtummte und die Gruppen vor den Häuſern erhoben ſich, um zur Andacht und zur Abendſuppe heimzukehren.

Auch Ambros verſuchte ſeine Abendandacht jetzt, in dem er aufſtand und die Hände faltend an ein Fenſter trat; aber ſchon nach wenigen Worten umwölkte ſich der Sinn der Andacht, und irdiſche Gefühle, ſo hold und feurig als ſie nur ein Menſchenherz bewegen können, er⸗ füllten ſeine Bruſt.

Dort drüben auf dem ſchön geſchnitzten Galeriegang war die Vrone Gruber erſchienen, noch im vollen Sonn⸗ tagsputz, nur ohne Hut und UeberwurfV; ſie ſchien zwar auch der Andacht halber aus dem Oberſtübchen getreten zu ſein, aber ihr raſches Wechſeln der Stelle, ihre un⸗ ruhigen Bewegungen namentlich des Kopfes und der Arme zeigten deutlich an, daß ſie die rechte Faſſung zur Andacht doch nicht haben könne. Ambros ſah auch bald, daß ihr Geſicht ſich ſehr beſtimmt nach eben dem Fenſter kehrte, wo er ſtand, und als hierauf die Abend⸗ glocke ſchwieg, bemerkte er mit glänzenden Augen, daß Vrone ein Stück Papier zerpflückte, die Stücke desſelben in kleinen Zwiſchenräumen über die Brüſtung fallen ließ und ſchließlich mit einer raſchen koketten Wendung wieder hinter der Thüre ihres Balkonſtübchens verſchwand.

Ambros legte beide Hände über die Bruſt und athmete tief auf; er hatte das Zeichen wohl verſtanden. Ein leichter Schwindel und dann eine klare Fülle von unſäg⸗ licher Freude erfaßten ſein ganzes Weſen. Er warf einen prüfenden Blick nach dem Abendhimmel, wo der ſchimmernde Lichtſtreif noch immer einem völligen Dunkel nicht weichen wollte und trat dann vor das Haus, um an⸗ zuzeigen, daß er die Winke wohl beachtet habe und kommen wolle!

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nicht neu für unſern Wanderer; aber der Ambros iſt glücklich dieſes Wort hätte ihn wahrſcheinlich noch tiefer bewegt als er es ſchon war. Ja, glücklich war er, ſo glücklich, daß die Freude ſeines Herzens leichte Schauer borgte, um ſich ſelbſt zu dämpfen und nicht in Lied oder Ausruf laut hervorzubrechen!

Wär' doch eine Meile Wüſte und Wald um mich, daß ich aufſchrein könnte, dachte Ambros weiter gehend es würde mir leichter machen, was ich wie vermauert in mir tragen muß!

Es war auch keine Kleinigkeit, eine Liebe in die Bruſt zu verſchließen, die von dem erſten Mädchen des Orts, ja der Gegend erwiedert wurde. Während die Leute in Ver⸗ muthungen ſich erſchöpften und nach beneideten Bräuti⸗ gamen forſchten, wußten Ambros und Vrone allein, wie weit vom Ziel geſchoſſen wurde; und noch neulich hatte ihm die Vrone unter feurigen Küſſen zugeflüſtert:Laß' die rathen und im Weiten herum fahren, das macht nur ſichere Nebel um unſer Glück; ich werde ſchon auf⸗

treten, wenn's Zeit iſt und ſagen, daß du und Niemand

als Du der Meine biſt!

Darum war aber Ambros auch feſt gegen jede Ver ſuchung, ſein Glück zu verrathen; ein ſtilles, kaum merk⸗ liches Lächeln war das einzige Zeichen von Theilnahme, welches er ſehen ließ, wenn in ſeiner Gegenwart von der Vrone und ihren vermeintlichen Freiern die Rede war; ſelbſt wenn er unter dem Schleier der Nacht zur Gelieb⸗ ten ſchlich, wenn er vollkommen ſicher war vor Lauſchern und Zuträgern, entſchlüpfte ſeinen Lippen kein Gedanke ſeines Glücks, vor Allem der Name der Geliebten nicht. Und ſo ging er denn auch dieſe Nacht mit wohlverwahr⸗ tem Geheimniß durchs Dorf und ſpähte nur, manchen bedachten Umweg nehmend, ob auch ſeine Wanderung unbeachtet blieb. Dies ſchien denn glücklich der Fall zu ſein; ein tiefes Dunkel begünſtigte ſeine Schritte, im Dorfe ſhiien Alles ſchlafen gegangen und ſelbſt die Kame⸗ raden, bie ſonſt um dieſe Stunde noch gerne Dorf auf und ab zu ſingen pflegten, ſchienen Ruhe zu ſuchen für die ſchwere Arbeitswoche, die bevorſtand.

Jetzt glaubte daher Ambros auch, daß er ſeiner Vor⸗ ſicht ein Ziel ſetzen und die Geliebte nicht länger warten laſſen dürfe. Beim Gemeindebrunnen machte er alſo Linksum, ging raſch noch einmal bis in die Nähe des Denglhofes zurück, dann über den Steg des Mühlbaches in gerader Richtung auf den Gruberhof los, wo er for⸗ ſchend noch einmal inne hielt und tiefathmend beide Hände

über die Bruſt legte; da Alles ſtill blieb ringsum,

war er mit wenigen Schritten an der Scheuer vorbei am

Guten Abend, gnte Nacht,

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Dieſe Worte hörte Ambros von einer ſchläfrigen Knabenſtimme ſprechen, als er gegen zehn Uhr Abends am offnen Kammerfenſter des Nachbarhauſes vorüber ging; er mußte lächeln und dachte:Der Jogli hat ſich das Sprüchlein wohl gemerkt.

Und woher haſt du das? fragte jetzt die Mutter des Knaben in der Kammer.

Vom Ambros, erwiederte der Knabe:Er hat mir's heute vorgeſagt, bis ich's wußte.

Ja ja, der Ambros iſt brav, an den halt' dich; und das Sprüchlein ſag' nur fleißig her jeden Abend...

Der Ambros iſt brav dieſer Ausdruck war

nächſten Augenblicke

Hauſe ſelbſt und kletterte mit gewandter Kraft das Gebälk bis zur Holzgalerie empor, die er auch bald mit einem kühnen Sprung betrat. Noch einmal wollte er horchen,

ob das leiſe Krachen des Gebälks nicht einen Horcher auf⸗

merkſam gemacht und herbei gelockt habe; aber ſchon hörte er in der Nähe einen Riegel ſachte von der kleinen Gale⸗

riethüre ſchieben ein ſüßer Horcher, die Geliebte ſelbſt

hatte ihn belauſcht und ſteckte den Kopf durch die Thüre, während der Saum ihres weißen Nachtkleids auf der Schwelle ſpielte; da gab es freilich kein Beſinnen und

Halten mehr, Ambros eilte mit offenen Armen der Thüre

zu, trat auf den Zehen über die Schwelle und war im mitſammt dem fliegenden Saum des Nachtkleids hinter der Thüre verſchwunden, die ſachte,

ſachte wie von ſchonender Geiſterhand wieder zugezogen

und in's Schloß gedrückt wurde... Eine Weile blieb es

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