verehren Bilder; auch eſſen ſie alles Mögliche, ſogar Dinge, die der heilige Moſes verboten hat und die ſelbſt im Andſchil unter⸗ ſagt ſind. In äußerſter Noth verſchmähen ſie auch Menſchen⸗ fleiſch nicht. Sie haben ſich drei Götter gemacht ſtatt des Ein⸗ zigen, und, was das Abſurdeſte iſt, ſie geben ihrem Gott Frau und Kinder; ſie nennen ihren Propheten und ſich ſelbſt den Sohn und die Kinder Gottes. Doch herrſcht Gerechtigkeit bei ihnen und in der Uebung der Juſtiz weichen ſie nicht ab vom alten Geſetzbuch Salomons, des Sohnes Davids.“ Ueber den Unterſchied in der geſellſchaftlichen Stellung der Frauen äußert ſich Lutfullah folgendermaßen:„Die Engländer laſſen ihre Frauen unbeaufſichtigt in die Geſellſchaft von Männern gehen; arme Geſchöpfe, ſchwach von Natur, fallen ſie den rohen Nach⸗ ſtellungen zum Opfer. Wie manche hochſtehende Familie iſt durch dieſe Freigebung zerrüttet worden! Gehſt du des Abends in einem Quartier der größten Stadt der Welt, welches Regent⸗ Street genannt wird, umher, ſo ſiehſt du Tauſende, ſchön und hochgebildet, die von den Ihren verlaſſen, dem Verderben an⸗ heimgefallen ſind. Wohl ſind auch nicht alle moslemiſchen Frauen tugendhaft. Tugend und Laſter ſind zwei Schweſtern, eine ſchön, die andere ſchwarz, und jede Nation ſteht unter dem Einfluſſe beider. Aber bei den Muhammedanern verhüten die Einſchränkung und die Sitten, daß das Laſter wachſe und die Tugend abnehme. Die Frauen der Moslemen, mit Handarbeit beſchäftigt, fünf mal des Tages zu religiöſen Uebungen ver⸗ pflichtet, an Küche und Haushaltung gebunden, haben keine Zeit an Anbeter zu denken. Ihre Verheirathung wird von den Verwandten angeordnet, die ja ihre beſten Freunde ſind und in weltlichen Geſchäften nothwendig mehr Erfahrung haben als ſie. Meiſt jedoch wird der Braut Gelegenheit gegeben, ihren Zu⸗ künftigen durch eine Thüröffnung oder durch ein Fenſter anzu⸗ ſehen, bevor ſie ihm vermählt wird. Kein Chevertrag gilt für bindend, bevor ein Regierungsbeamter die Zuſtimmung beider Theile aufgezeichnet hat. So vermeidet man die bittere Feind⸗ ſeligkeit ſtreitender Nebenbuhler und der Mann bleibt nicht nur von Verletzung der Che, ſondern ſelbſt von der Furcht davor ver⸗ ſchont. Abſchließung bewahrt die Frau vor Verſuchungen und Enttäuſchungen. Sie genießt den Triumph allgemeiner Herrſchaft nicht, der in europäiſchen Kreiſen der Schönheit zu Theil wird; dafür aber wird das unangenehme Gefühl der ſchwindenden Reize nicht auch noch durch den Stachel des Verdruſſes um verlorene Macht erhöht.“ Von Intreſſe iſt Lutfullahs Darſtellung einer indiſchen Wittwenverbrennung:„der Sarg des Verſtorbenen war am Ufer eines Fluſſes ſo aufgeſtellt, daß die Wellen ſeine Füße wuſchen; Geſicht und Hände lagen unverhüllt. Der Mann hatte der Brahmanenkaſte angehört und mochte das vierzigſte Jahr erreicht haben; die Frau, etwa funfzehn Jahre alt, ſtand unter einem Baum, von etwa zwanzig Verwandten und Freun⸗ den umgeben. Der Lieutenant(Engländer), der des mahratti⸗ ſchen Idioms mächtig war, ſuchte ſie mit beredten Worten von dem„Selbſtmord“ abzubringen. Sie erwiederte aber:„Ich gehe mit meinem Herrn; ich bin ſein Weib durch mein Loos und bleibe ſein Weib. Gebt Euch keine Mühe, Herr! Friede ſei mit Euch.“ Der Lieutenant bemerkte ihr, wenn ſie nur das geringſte Zeichen der Nichteinwilligung gebe, ſo müſſe man ſie frei laſſen und ſetzte hinzu:„Fühltet Ihr nur einmal Feuer an Eurem kleinen Finger, Ihr würdet Euch wohl bedenken den ganzen ſchönen Körper der Flamme zu übergeben.“ Da riß ſie langſam einen Streifen von ihrem Halstuch, tauchte ihn in das Oel der naheſtehenden Lampe, wickelte ihn um den Finger und hielt dieſen in das Licht bis er hell zu brennen anfing! Lutfullah iſt der Anſicht, daß dieſer Fanatismus durch ſtarke Gaben Kampher unterhalten wird, welche die Brahminen ihren Opfern zu ſchlucken geben. Die Leiche wurde nun auf den Scheiterhaufen gebracht,
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dann ein halbes Pfund Kampher in einer Art von Wulſt um den Hals der jungen Frau gebunden und nun ſchritt ſie ſiebenmal um den Holzſtoß her und eilte dann hinzu, wie eine Motte zur Flamme. Sie legte das Haupt des todten Gatten in ihren Schoß und entzündete ſelbſt das Brennmaterial zwiſchen den Balken mit einem Dochte, den ſie mit den Zehen ihres linken Fußes hielt. Die Brahmanen riefen den Namen Ramas an; Keſſelpauken und Cymbeln ertönten, bis die Flamme aus allen Ritzen brach. Da hieb man die vier Stricke, an welchen die Eckſtämme des Schei⸗ terhaufens befeſtigt waren, mit Beilen durch und die ganze Maſſe ſtürzte entzündet auf das Weib nieder.“
Es iſt faſt unbegreiflich, wie ein ſonſt ſo vernünftiges und in Geſchichte und Staatenverhältniſſen wohl unterrichtetes Blatt, wie das„Magazin für die Literatur des Auslandes“ in ſeinen Literaturbriefen aus England folgenden Nonſens drucken mag: „Was geht die Engländer die Juſtiz und Polizei eines Tauſende von Meilen entfernten, ihnen wildfremden Volkes an? Das Heilmittel beſteht jedenfalls varin: Abſetzung der Compagnie und Gebot, ſich künftig auf eine anſtändige Weiſe zu ernähren, Auf⸗ löſung aller Gewaltmaſchinen, aller Einmiſchung in die Ange⸗ legenheiten dieſes fremden Volkes, um alle Koſten und Qualen dieſer Tortur Indiens und Englands zu ſparen und nur den aus einem ordentlichen Handel, aus kaufmänniſchen, in⸗ duſtriellen und Kulturunternehmungen reichlich und ſicher flie⸗ ßenden Profit einzuſtecken, völlige Aufgabe Indiens um es auf die einzig ſichere, anſtändige und profitable Weiſe wieder zu erobern.“ Das wäre alſo das Heilmittel! Indien ſich ſelbſt, den Elementen der Barbarei und Zerfleiſchung, die in ſeinem Innern liegen, und ſchließlich Rußland zu überlaſſen! Das ſteht doch noch unter Bright und Cobden. Ja der Verfaſſer geht ſo⸗ weit, die Engländer deshalb abzukanzeln, weil ſie der Wittwen⸗ verbrennung entgegenwirken. Es ſei dies ein ungeſchicktes, plumpes Zutappen. Die Wittwenverbrennung ſei ein Akt der erhabenſten religiöſen Selbſtverläugnung, einer chriſtlichen!) Tugend; wenn die ſelbſtſüchtigen Engländer kämen und da⸗ rüber ſchrieen, könnten die Indier nicht anders thun als ver⸗ ächtlich lächeln!
Das ſiebente Heft des Brockhaus'ſchen Unternehmens: „Unſre Zeit,“— welches wir unſern Leſern aufs angelegentlichſte empfehlen können, da es auf eine ſehr zweckmäßige Weiſe die Zeitgenoſſen über die wichtigſten Erſcheinungen und Perſönlich⸗ keiten der Gegenwart auf dem Laufenden erhält— bringt, neben andern anziehenden und lehrreichen Artikeln, auch einen über den weimariſchen Miniſter Bernhardvon Watzdorf, den einzigen deutſchen Miniſter, welcher der ſeit 1849 ununterbrochen fort⸗ ſchreitenden Reaktion nicht zum Opfer gefallen iſt, obgleich er keineswegs unangefochten blieb. Seine mit Mäßigung gepaarte Feſtigkeit und die Abneigung der Dynaſtie gegen ſchroffe Reak⸗ tionsbeſtrebungen, die freilich den kleinen Fürſten in erſter Linie verhängnißvoll werden müſſen, haben ihn auf ſeinem Poſten erhalten. Es wird neben ſeiner Thätigkeit im Innern auch ſeine erprobte deutſche Geſinnung gerühmt und bemerkt, er ſchäme ſich der Begeiſterung für die nationalen Ideen des Jahres 1848 ſo wenig, daß er noch heute zu dieſen Ideen ſich unumwunden und mit ganzer Seele bekenne. Allerdings ſei dieſe Begeiſterung eini⸗ germaßen preußiſch gefärbt; dieß habe ihn aber nicht abgehalten
ſich der öſtreich'ſchen Politik unumwunden anzuſchließen, als⸗
Oeſtreich im letzten Krieg das deutſche Banner mit feſter Hand vorzutragen ſchien. Das letztere muß um ſo mehr anerkannt werden, je enger die weimariſche Dynaſtie mit dem Zarenhauſe verwandtſchaftlich verbunden iſt.
Verlag von Hugo Scheude in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotba.— Druck von Gie ſeche à Deorient in Leipzig⸗
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