Jahrgang 
1857
Seite
466
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mige Hausflur und die bequeme in mehren Abſätzen aufſteigende italieniſche Treppe, die mit Vaſen beſetzt iſt, gelangte man nicht in die Wohnzimmer Goethe's, welche vermiethet ſind, wohl aber in ſeine Privatzimmer, zwei nach vorn heraus, die mit Antiken, Bildern und Majolika und einer großen Menge andrer Kunſtgegenſtände, welche ſich der alte Herr geſammelt, angefüllt, dann ſein eigentliches Arbeitszimmer nach dem Garten hinaus, welches mit dem anſtoßenden Schlafzimmer noch ganz in derſelben Verfaſſung iſt, wie bei Goethe's Tod, bequem und geräumig, mit vielen Schränken, Schubfächern, einem Schreibtiſch, ſammt einer kleinen Handbibliothek, meiſt Schriften zum Nachſchlagen, darunter auch das Brock⸗ haus'ſche Converſationslexicon, einem Stehpult, einem großen runden Tiſch, auf welchem ſeine Excellenz zu ſpeiſen pflegten, Alles durchaus ſchlicht und ohne allen Luxus. Im Schlafzimmer noch das Bett, in welchem er geſchlafen und daneben der altmodiſche, mit grünem Tuch überzogene Lehn⸗ ſtuhl, in welchem er ſtarb. Es war ſehr anerkennenswerth, daß Glieder der Familie(insbeſondere eine Schweſter von Ottilie von Goethe, der Schwiegertochter des Geheimraths) ſelbſt die Honneurs des Hauſes machten und theilweiſe den

Fremden die erforderlichen Erklärungen über die Gegen⸗

ſtände gaben. Man kann ſich denken, daß dieß bei der großen Gemiſchtheit des Publikums eben keine angenehme Beſchäftigung war. Vom Schlafzimmer des Dichters ge⸗ langte man über einen ſchmalen Gang und eine Hintertreppe nach dem anſtoßenden kleinen Garten, durch deſſen nach dem Park hin ſich öffnende Thüre die beſuchenden Fremden ihren Ausgang nahmen, um einem neuen Schub Platz zu machen.

Es war bereits halb vier Uhr, als ich endlich in dem Stadthausſaal eintraf, wo die große Feſttafel gedeckt war. Bereits war die Suppe gegeſſen, doch fand ich einen Platz vor⸗ behalten. Es mußte ſich nun zeigen, welchen Ausdruck die Feſt⸗ ſtimmung in den unvermeidlichen Toaſten ſichzu geben verſtand. Da hier vor Allem die ſämmtlichen Mitglieder der großher⸗ zoglichen Familie zu bedenken waren, ſo bewegten ſich die zum

voraus beſtimmten Toaſte anfangs in ſehr bemeſſenen Bahnen,

es wurde dadurch aber auch eine gewiſſe Beſchränkung der Rede herbeigeführt, welche mir wenigſtens höchſt erwünſcht war. Das änderte ſich freilich, als endlich das letzte Glied des Fürſten⸗ hauſes abgethan war und der Advokat Fries von Jena den Fremdenein Hoch ausbrachte. Darauf bemerkte ein Hr. N. N. aus Heſſen, daß es keine Fremde hier gebe, ſondern nur Bundesgenoſſen(als ob Fremde und Bundesgenoſſen Gegenſätze wären) und erging ſich nun eine gute Weile in Aufführung des Contingentes, welches Heſſen⸗Darmſtadt zur Weimar'ſchen Größe geſtellt(Louiſe v. Heſſen, Herders Gattin, Merk); ein Dritter, deſſen Namen ich aus Grün⸗ den verſchweigen will, machte lebhaft geltend, daß es ſich weder um Fremde noch um Bundesgenoſſen handeln könne, ſondern um Deutſche, Deutſche ſeien wir Alle, und ein deut⸗ ſches Nationalfeſt werde heute gefeiert, alſo Deutſchland, dem Vaterland ein Hoch! Das war nun freilich ſehr wahr, und die ſtrafende Richtung des Redners, die patriotiſche Wärme ſo begründet, wie in manchem Betracht ergreifend und fortreißend, auch fehlte natürlich der Beifall nicht. Aber wie ſollte auf dieſer Bahn weiter fortgeſchritten werden? Das war überhaupt die Frage des Feſtes. Kann man denn heute ein deutſches Nationalfeſt feiern? Wir haben kein Recht dazu, denn wir haben uns durch unſre Feigheit und Schwäche des Namens einer Nation unwürdig gemacht. Oder ſollen wir auf den Standpunkt von 1817 zurückſinken und durch lächerliche Demonſtrationen den Behörden eines freiſinnigen, nationalgebliebenen kleinen Staates Verlegen⸗

heiten bereiten, ohne jeden Nutzen für das Ganze? Hier liegt der Haken. Erſt müſſen Thaten geſchehen, bevor wir wieder reden dürfen. Dieſer Meinung ſcheint freilich der Prof. Biedermann nicht zu ſein, welcher den nächſten Toaſt ausbrachte. Er meinte, man habe Deutſchland ſchon gar zu oft leben laſſen und es habe ihm dieß nichts geholfen. So⸗ weit hatte er gewiß Recht. Wenn er aber meinte, dann werde es in Deutſchland beſſer werden, wenn der Geiſt, der in Weimar herrſche, ſich über ganz Deutſchland verbreitet habe, ſo verſtehn wir nicht, was Hr. Biedermann meint, wenn er dieß als eine Art Mahnung dem übrigen Deutſch⸗ land zuruft. Die Weimaraner für ſich ſind doch höchſt un⸗ ſchuldig daran, daß ſie einmal einen bedeutenden Fürſten ge⸗ habt, der in ſeinem Hauſe gewiſſe vernünftige Grundſätze feſtſtellte; auch kommt es ihnen ganz ohne ihre Schuld zu Statten, daß ihr ſehr ausgeſprochener Partikularismus viel zu klein iſt, als daß er der deutſchen Einheit Gefahr bringen könnte, während andere Partikularismen größer und daher gefährlicher ſind. Will Hr. Biedermann, der neu acquirirte, aber, wie es ſcheint, ſchon ſehr ſpeciſiſche Weimaraner uns übrigen Deutſchen wirklich glauben machen, von Weimar

werde das Heil Deutſchlands ausgehn, ſo ſollte er vor Allem.

dafür Sorge tragen, daß ſeine Weimariſche Zeitung wenig⸗ ſtens in Weimar ſelbſt geleſen werde. Ich habe vergebens verſucht, in den Gaſthöfen und Kaffeehäuſern Weimars eines Exemplars anſichtig zu werden.

Es war leicht zu ſehen, daß das Feſt kein Nationalfeſt werden, ſondern ein unter Theilnahme anderer Deutſchen verlaufendes Weimar'ſches Partikularfeſt bleiben würde, und es durfte noch für erfreulich gelten, daß an der Feſt⸗ tafel, wenigſtens ſo lang ich ihr beiwohnte, kein Verſuch ge⸗ macht wurde im Droyſen'ſchen Sinn preußiſch-deutſche Politik zu treiben.

Indeß mußte man ins Theater eilen, wo ein Feſtſpiel von Dingelſtedt, zugleich zum Antritt ſeiner Intendantur, dargeſtellt wurde, nachher Goethes Paläophron und Neoterpe und der Act 3. aus Don Carlos. Das Dingelſtedt'ſche Feſtſpiel: Der Aerntekranz, war dem Anlaß und dem Feſte durchaus entſprechend, daher mit entſchiedenem und, wie ich glaube, mit verdientem Beifall belohnt. Es hat ſehr gute Stellen und ein warmer deutſcher Patriotismus geht durch das Ganze. Es ſpielt zunächſt im Kyffhäuſer: Barbaroſſa ſchläft, ſein Zwerg, der ſeinen Schlummer bewacht, unterhält uns:

4 Er und ich

Bewohnen einſam dieſe Räume: Er ſchlummert, deutſch und kaiſerlich, Indeß ich, deutſch und kindlich, träume.

Von Frau Holle aufmerkſam gemacht, daß heute der hundertjährige Geburtstag Carl Auguſt's ſei, weckt der Zwerg den Kaiſer, um die Feſtfeier auf der goldenen Au zu erhöhen. Nun verſetzt uns die Scene in ein Dorf auf der goldnen An, wo Vorbereitungen zum Feſte getroffen werden. Eine Bürgermeiſterin, ein alter Invalid, ein Schullehrer ſtellen uns die verſchiedenen Ausdrucksweiſen der allgemeinen Verehrung für Carl Auguſt und zugleich die verſchiedenen Seiten ſeines Weſens dar. Endlich geht das Feſt los: Carl Auguſt's Bild wird enthüllt und Jeder legt ſeine fromme Gabe nieder. Dieß iſt ungemein anſprechend und paſſend bear⸗ beitet. Zuerſt kommen die Schnitter mit dem Aehrenkranz:

Du machteſt von der Sllaverei

Der alten Zeit die Scholle frei,

Sie baut nicht mehr ein hör'ger Knecht, Der nur die Pflicht kennt, nicht das Recht; Es baut ſie jetzt der freie Mann,

Der, wo er ſä't, auch ernten kann.

V

Hi