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werde in großartiger Weiſe mich undankbar beweiſen, es ſo geſprochen worden ſein oder nicht, bezeichnet jedenfalls treffend die neue Situation, die ſich ſeit dem Tag von Villagos vorbereitete. Zunächſt äußerte ſich die Gereiztheit Oeſtreichs in der Härte gegen die Rebellen. Wir laſſen es dahin ge⸗ ſtellt, ob die Klugheit nicht anders gerathen haben würde.
In jenen Augenblicken herrſchte die Leidenſchaft vor, der Zorn
weniger über den Aufſtand, als über die Hingabe an Ruß⸗ land. Wer die Stellung, in welcher die Intereſſen Ruß⸗ lands und Oeſtreichs zu einander ſtehen, kennt, wird dieſen Zorn nur allzunatürlich finden. Ein propagandiſtiſches Ruß⸗ land kann einen höchſt gefährlichen Einfluß auf Oeſtreich aus⸗ üben. Millionen orthodoxer griechiſcher Chriſten wohnen in Oeſtreich; wenn Rußland auf ſie ſeine panſlaviſtiſch-religiöſe Agitation ſpielen läßt, hat Oeſtreich alle Urſache wachſam zu ſein und ſich zu wahren. Der Zar Nikolaus hatte ſtets offi⸗
mag
gegen Rußland, conſtatirte nur äußerlich eine längſt vorhan⸗ dene Thatſache.
Daß man in Deutſchland dem ungariſchen Aufſtand und der Bedrängniß Oeſtreichs eine ſo lebhafte Theilnahme ſchenkte, hatte ſeinen Grund in verſchiedenen Umſtänden, die hier auseinanderzuſetzen zu umſtändlich wäre, vor Allem in einem Mangel an politiſchem Verſtändniß, wie derſelbe bei einem unreifen Volke, was die Deutſchen bis 1848 waren und zum Theil noch ſind, ſehr natürlich iſt. Es gibt heutzutage noch Gebildete und Gelehrte genug in Deutſchland, welche, weil ſie nur ein geiſtiges Deutſchland kennen, gar kein Ver⸗ ſtändniß dafür haben, daß die realen deutſchen Intereſſen aufs tiefſte und unheilbarſte verletzt würden, wenn eine andre als eine deutſche Macht in den Donauländern zur Herrſchaft oder auch nur zu einem überwiegenden Einfluß gelangen würde. Aber auch ganz abgeſehen von dieſem weſentlich
Schiffswerfte bei Ofen.
ciell alle ſolche Pläne verläugnet; er wollte den Herrſchern Europas nichts andres ſcheinen, als der uneigennützige, von keinerlei ſelbſtſüchtiger Abſicht geleitete Bekämpfer und Be⸗ zwinger der Revolution. Wohl war das Wiener Cabinet zu klug um dieſe Maske der Uneigennützigkeit nicht zu durch⸗ ſchauen, aber die Noth zwang es die dargebotene Hand zu ergreifen und in keinem Fall mag es eine ſo plumpe und brutale Ausnutzung einer mit ſo viel anſcheinender Uneigen⸗ nützigkeit angebotenen militäriſchen Hilfe erwartet haben. Aber nachdem ſich die ruſſiſche Abſicht, Oeſtreich zu erniedrigen und abhängig zu machen, in unzweifelhaften Thatſachen her⸗ ausgeſtellt hatte, ſtand auch in Wien der Entſchluß feſt ſich vorzuſehen und den Bock nicht mehr zum Gärtner zu ſetzen. Damals wurde die heilige Allianz geſprengt: der 2. December 1854, das Bündniß Oeſtreichs mit England und Frankreich
deutſchen Intereſſe, Ungarn und die Donauländer nicht in die Hand einer uns fremden und feindlichen Großmacht fallen und ſie ebenſowenig zu einer eigenen, unabhängigen Macht werden zu laſſen, ſo hat man in Deutſchland, indem man dem Kampf der Magyaren gegen Oeſtreich zujauchzte und den Sieg wünſchte, ganz einfach der Barbarei über die Cultur den Sieg gewünſcht und heute kann man nur anerkennen, daß jener Aufſtand allerdings inſofern ſegensreich war, als er der öſtreich'ſchen Regierung Anlaß bot tiefer in die alten Ver⸗ hältniſſe Ungarns einzugreifen und durch Umgeſtaltung der rechtlichen Zuſtände die Entfaltung und Ausbeutung der na⸗ türlichen Hilfsquellen des Landes, ſomit deſſen Cultur erſt möglich zu machen. Die Magyaren ſind unſtreitig eine ſehr lebhafte, kriegeriſche Nation, aber das Talent der Arbeit und der ökonomiſchen Production iſt ſowohl bei ihnen als bei den


