ſie deutſcherſeits geſchehen läßt, die ganze nationale Er⸗ hebung gegen den fremden Unterdrücker Lügenſtraft, und dieſe Verachtung würde die geſammte deutſche Nation treffen, wenn ſie nicht kräftige Verwahrung gegen die unſittliche und be— leidigende franzöſiſche Zumuthung einlegte. Die Franzoſen mögen mit Napoleon J., der ſie millionenweiſe wie Schafe zur Schlachtbank geliefert und über deſſen Sturz ſie einſt gejubelt, heute ihren Götzendienſt treiben, ihn als Heiligen verehren und, wie die heidniſchen Römer ihre Cäſaren, unter die Götter ver⸗ ſetzen. Das geht nur ſie an. In dem mishandelten, zertretenen, ſyſtematiſch ausgeſaugten Deutſchland aber wird man, ſo lang es einen öffentlichen Geiſt und eine deutſche Geſchichte gibt, in Napoleon nur den gewiſſenloſen Uſurpator und Räuber, in der ſogenannten großen Armee ein Raubgeſindel erblicken und den ſieggekrönten Kampf gegen ſie für das ſchönſte Blatt der deutſchen Geſchichte halten, durch welches die freiwillige oder gezwungene Theilnahme Deutſcher an jenen Raubzügen wieder einigermaßen gut gemacht wurde. Das wäre eine ſelbſtmörderiſche Connivenz, wenn der öffentliche Geiſt in Deutſchland nicht die kräftigſte Verwahrung einlegte gegen die jener Theilnahme an den napole⸗ oniſchen Eroberungszügen zugedachte Auszeichnung. Der frühere König von Baiern hat freilich den 30000 Baiern, welche auf den Eisfeldern Rußlands hinſtarben, in München ein Denk⸗ mal ſetzen laſſen mit der Inſchrift:„Auch ſie ſtarben für's Vater⸗ land.“ Wir haben uns aber immer erlaubt dieſe Inſchrift ſo auszulegen, daß der Untergang der„großen Armee“ und folglich auch der ihr einverleibten Baiern in Rußland nothwendig war um die Befreiung des Vaterlandes von einem Joch möglich zu machen, deſſen Unwürdigkeit und entſittlichende Folgen in der Erinnerung noch Entrüſtung erregen werden, ſo lange das Nati⸗ onalgefühl nicht mit der Wurzel aus den deutſchen Herzen aus— geriſſen iſt.
Ueber die Gräfin Eliſe von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermanns iſt vor Kurzem ein Buch von Ludmilla Aſſing erſchienen, welches einige bemerkenswerthe Züge mittheilt. Die Che zwiſchen der jungen däniſchen Gräfin und dem ſpäteren Freiſchaarenchef wurde 1808 zu Bad Nenndorf durch eine eigenthümliche Scene eingeleitet. Ein franzöſiſcher Officier unterhielt über Tiſch die junge Dame ſehr lebhaft und im Eifer des Geſprächs ergriff er ihre Hand. Sie erſchrak heftig, griff ſofort, ohne ſich zu be⸗ ſinnen, nach der Waſſerflaſche und wuſch vor aller Augen die durch die franzöſiſche Berührung befleckte Hand ab. Das ſah in einiger Entfernung der Preuße Lützow, den ſein Franzoſen⸗ haß ſchon unter Schills Schaar geführt und der die Belagerung von Colberg mitgemacht hatte. Entzückt verlobte er ſich mit Eliſe von Ahlefeldt. Sie heiratheten ſich 1810. Im Jahr 1813 bildete Lützow ſeine durch die Geſchichte und durch Körners Lied verewigte Freiſchaar. Er warb in Breslau, und ſeine Gattin ſtand ihm dabei zur Seite. Sie empfing die ſich meldenden Frei⸗ willigen. In einer elenden Bierſtube mit hölzernen Bänken nahm ſie jene ſtürmiſche Jugend auf, die ſich zum Befreiungs⸗ kampf herandrängte. Die ſchöne Frau, im Rahmen dieſer ärm⸗ lichen Umgebung, erſchien den jungen Leuten wie ein höheres Weſen, wie der Genius des Vaterlands und der Freiheit. Sie übte den tiefſten Eindruck auf die ganze Schaar. Die„ſchwarzen Geſellen“ ſtritten zugleich für die gute Sache und für ihre Dame und ſie waren ebenſo geſittet als tapfer. Der Friede, welcher in keiner Weiſe hielt was der Krieg verſprochen hatte, welcher ſo viele berechtigte Hoffnungen täuſchte, ſtörte auch das eheliche Glück der Gräfin Ahlefeldt. Eine zunehmende Entfremdung trat ein, welche mit einer Scheidung endete. Noch in die letzten Jahre ihrer Ehe mit Lützow fällt ihre Bekanntſchaft mit Immermann,
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mit welchem ſie bald in ein inniges Verhältniß trat. Doch weigerte ſie ſich ſtandhaft ſeinen Wunſch, ihm ehelich anzuge⸗ hören, zu erfüllen und nach langem Zuſammenleben in einem Hauſe trennten ſie ſich, da Immermann eine andere Verbindung ſchloß. Die Gräfin zog nach Berlin, wo ſie Immermann über⸗ lebte und im Jahr 1855 ſtarb.
Die Fürſtin Daſchkoff, zur Zeit Katharinas II. in hoher Stellung in Rußland, fand unter alten Papieren ihres Onkels zwei intereſſante Dokumente. Das eine war der Brief eines Schah's von Perſien an Katharina II. bei ihrer Thronbeſteigung. Nach den erſten formellen Redensarten lautete er ungefähr ſo: „Ich hoffe, meine vielgeliebte Schweſter, daß Gott Dir nicht die Neigung für ſtarke Liqueure gegeben hat. Ich, der ich Dir dieß V ſchreibe, habe Augen wie Rubinen, eine Naſe wie einen Kar⸗
funkel, und Wangen, die wie Feuer brennen; und in Folge dieſer unglücklichen Neigung muß ich meine Tage und Nächte auf dem
Siechbette verbringen.“ Der Kaiſerin Katharina bekannte Nei⸗ gung zum Branntwein macht dieſen Brief beſonders pikant. Das andere Papier enthielt Folgendes: Der ruſſiſche Hof ſchickte einſt eine Geſandtſchaft nach China. Sie fand jedoch keine ſehr günſtige Aufnahme und die Ruſſen kamen nach Hauſe ſehr erzürnt über den ſchlechten Erfolg ihrer Sendung. Die ruſiſche Regierung indeſſen, die es für ſchlechte Politik hielt, ſolche Mißachtung an⸗ zuerkennen, ſchickte neue Geſandte ab mit Dankſagungen für den guten Empfang der vorigen und Anerbietungen zu einen Handels⸗ vertrag. Der Kaiſer von China gab darauf folgende Antwort: „Ihr ſeid ſehr lächerlich, Euch ſo viel auf den Empfang Eurer Geſandten zu Gut zu thun. Habt Ihr denn nicht gehört, daß, wenn wir ausreiten, wir auch dem geringſten Bettler nicht ver⸗ wehren, uns anzuſehen.“
Ueber die Veranlaſung der Geiſtesverwirrung, welche den bekannten Dichter Hölderlin umnachtete, theilt das Bremer Sonntagsblatt Einiges mit, was noch nicht genau bekannt war. Hölderlin war Hauslehrer in der Familie Gontard in Frankfurt. Herr Jakob Friedrich Gontard, ein trockner Philiſter, hatte eine Hamburgerin, Suſette Borkenſtein, zur Frau, welche gebildet und mit Klopſtock befreundet war. Hölderlin, der in ſeinem Aeußern eine überraſchende Aehnlichkeit mit Suſettens Bruder hatte, kam bald in ein Verhältniß zu der Mutter ſeiner Zöglinge, das zwar rein geblieben zu ſein ſcheint, aber den Charakter einer gewiſſen Innigkeit annahm, welcher die Haushälterin, die ihre Augen auf den ſchönen Hölderlin geworfen, eiferſüchtig machte. Wenn Herr Jakob Friedrich aus dem Club oder von ſeinen Geſchäften nach Hauſe kam, gab ſie ihm auf die Frage nach ſeiner Frau widerholt in ſpitzem Tone die Antwort:„Herr Hölderlin lieſt ihr vor.“ Einmal loderte der Aerger des Ehe⸗ manns auf.„Sitzt denn der Menſch beſtändig bei meiner Frau,“ rief er und brach in das Zimmer ein und auf Hölderlin los. Die Scene wäre ſofort ſehr unangenehm geworden, hätte den ſchuld⸗ los beleidigten Dichter nicht ein Blick auf die hochverehrte Frau bei Faſſung erhalten. Er verließ das Zimmer, um ſeinen Koffer zu packen und noch in der Nacht aus dem Hauſe zu gehen. Ver⸗ gebens bemühte ſich die empörte Suſette dem Gekränkten Genug⸗ thuung zu verſchaffen. Ein Fieberanfall hinderte ſie an einem ſofortigen Aufbruch nach Hamburg zum Bruder. Allein die krankhafte Reizbarkeit blieb ihr, die Rötheln, an denen die Kinder litten, theilten ſich der Mutter mit. Sie ſtarb, und mit an Wahn⸗ ſinn grenzender Verzweiflung erkannte jetzt Herr Jakob Friedrich, was er mit ſeiner Uebereilung angerichtet. Hölderlin verfiel fortan in Irrſinn, von dem ihn erſt beinahe nach einem halben Jahrhundert, 1844., der Tod erlöſte.
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