Jahrgang 
1857
Seite
400
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Es iſt jetzt nicht die Zeit, unſere Eigenſchaften zu beſprechen, verſetzte ſie halb ernſt, halb ſcherzend.Gehen Sie, handeln Sie! Und daß ich in dieſem Tone mit Ihnen ſpreche, möge Ihnen ein Beweis ſein, daß ich Ihre guten Eigenſchaften wohl auch zu ſchätzen weiß.

Gut! ſagte er,ich werde gehen und thun, wie Sie wünſchen! Ob ich klug handle, weiß ich nicht; aber recht handle ich, dafür bürgt mir, daß ich auf Ihren Rath handle.

Sie waren eben im Begriff ſich zu trennen, als ſie

Soll man es als ein böſes Omen betrachten, daß die Kaiſerreiſe in Ungarn, an welche ſich ſo manche nationale Hoffnung des ritterlichen und freiheitgewohnten Magyaren volkes, aber auch ſo mancher Gedanke an die künftige Geſtal⸗ tung des Kaiſerſtaates überhaupt knüpfte, durch den Tod der jungen Prinzeſſin ſo tragiſch unterbrochen worden iſt? Wir denken nicht. Die Welt will ſich ja heute vom Aber glauben immer freier machen und erblickt in einem Todes⸗ falle nur noch das nothwendige Ergebniß eines Naturpro ceſſes, dem, eben wegen ſeiner Nothwendigkeit, keine Neben bedeutung zugeſtanden werden kann. Jedenfalls will der Kaiſer ſelbſt dem unglücklichen Ereigniß keine ſolche Bedeu⸗ tung beigelegt wiſſen; denn ſobald der erſte heftige Schmerz der Eltern vorüber, zu deſſen Bewältigung ſie die Einſam keit von Laxenburg aufgeſucht, kehrt das Kaiſerpaar zur Fortſetzung und Vollendung der verſprochenen und begonne nen Reiſe in das Land zurück, in welchem ſie ſo eben der herbſte Verluſt betroffen.

Unſtreitig iſt dieſe Reiſe des öſterreichiſchen Kaiſerpaa res nach Italien und Ungarn nicht ein gewöhnlicher Beſuch eines Fürſten in einer der Provinzen ſeines Staates; ſie hat eine große politiſche Bedeutung. Der öſterreichiſche Staat iſt ſeit 1849 in einer Umwandlung begriffen, deren Proceß noch lange nicht abgeſchloſſen iſt. Die Kaiſerreiſe bezeichnet einen gewiſſen Abſchnitt in dieſer Umwandlung. Im Bewegungsjahre 1848 drohte Oeſtreich durch die Empö rung ſeiner Nationalitäten, die ſich von ihm losreißen und eine beſondere ſtaatliche Exiſtenz gründen wollten, aufgelöſt zu werden. Mit Mühe und großen Opfern wurde man des Aufſtandes Herr. Nichts war natürlicher, als daß nach einer ſo gefahrvollen Kriſis die Regierung die Zügel ſtraff anzog und die politiſchen Rechte der verſchiedenen Nationen auf ein Minimum zurückführte, ja geradezu aufhob. In der Unklar heit der Bewegung hatten die Wiener ein Loſungswort auf gebracht: Gleichberechtigung der Nationalitäten! Die Regie rung adoptirte dieſes Loſungswort, mit dem Vorbehalt es auf ihre Weiſe auszulegen. Sie ſtellte die Gleichberechtigung dadurch her, daß ſie ſämmtliche Nationalitäten gleichmäßig

Vormundſchaft einer vom Miniſterium unbedingt abhängigen Beamtenſchaft ſtellte. Es liegt auf der Hand, daß eine ſolche Einrichtung, deren Gedanke ſich aus den ſeparatiſtiſchen Kämpfen der Nationen von ſelbſt ergab, viel leichter zu ent werfen und ins Werk zu ſetzen als durchzuführen war. Eine ſo immenſe Nivellirungsthätigkeit, wie ſie zur Beugung ſämmtlicher öſtreichiſcher Nationalitäten unter das gleichför mige Joch einer wohl dreſſirten Bureaukratie nöthig wäre,

findet ſich bei einer Regierung wohl in dem Augenblick nach

aller politiſchen Rechte entkleidete, ſie gleichmäßig unter die

men. Sie ſtanden ſtill und lauſchten, ahmen aber weiter nichts. In der Meinung, ſich getäuſcht zu haben, ſchritten ſie darauf Schloſſe zu.

Einige Minuten nachher trat Richards Diener aus dem Geſträuch hervor, ſchaute umher, ob er allein wäre, und rieb ſich dann, ſchlau lächelnd, die Hände.

(Fortſetzung folgt.)

ein Geräuſch in dem Strauchwerk nean vernah

in verſchiedenen Richtungen dem

Die Kaiſerreiſe in Ungarn. I.

einem ſiegreich beſtandenen Kampfe, wenn noch alle Muskeln und Sehnen angeſpannt, die entgegenſtehenden Kräfte ge⸗ lähmt ſind, aber mit jedem Tage ſpannt ſie ſich mehr ab, während die Schwierigkeiten, um ſo unüberwindlicher, weil ſie aus der natürlichen Quelle einer Volksindividualität ent ſpringen, mit jedem Tage ſich mehren und an Gewalt gewin⸗ nen. Dieſe Erſcheinung hat ſich denn auch in Oeſtreich bald eingeſtellt: man hat gefühlt, daß es unmöglich iſt einen ſo völkerreichen Staat mit bloß mechaniſchen Mitteln zu beherr ſchen, daß man an die Sympathien und Intereſſen der Völker appelliren, dann aber auch ihre Eigenthümlichkeiten und ihre beſondern Rechte bis zu einem gewiſſen Grad anerkennen müſſe. Dieſes Gefühl, das ſich mit jedem Tage mehr zur klaren Erkenntniß entwickelt, iſt es, was die öſtreichiſche Kaiſer reiſe ſowohl in Italien als in Ungarn hervorrief und die ſelbe bezeichnet daher unſtreitig einen bedeutſamen Abſchnitt in der Geſchichte des neuen Oeſtreich, den Augenblick, in wel⸗ chem vom Syſtem der bloß mechaniſchen gleichartigen Be⸗ herrſchung zur Anerkennung gewiſſer natürlicher und geſchicht licher Rechte der Völker umgekehrt wird.

Es iſt indeſſen für Jeden, der die Zuſammenſetzung und die Geſchichte Oeſtreichs kennt, klar, daß die kaiſerliche Re gierung nicht in demſelben Verhältniß zu Ungarn wie zu Italien ſteht. Was das letztere, alſo die nach dem ſpaniſchen Erbfolgekriege und dann wieder durch die Wiener Verträge Oeſtreich zugewieſene Lombardei ſammt dem Gebiet der frü heren, von Napoleon vernichteten Republik Venedig betrifft, ſo macht dieſes Volk, ſtolz auf ſeine alte Kultur und in über müthigem Trotz die Beherrſchung durch die Deutſchen als eine Entwürdigung der italieniſchen Nationalität betrachtend, die Befreiung von dem fremden Joch als ſein erſtes politi ſches Recht geltend, ohne zu bedenken, daß ihm alle Bedin gungen einer eigenen ſtaatlichen Exiſtenz abgehen, daß der Schein von italieniſcher Einheit nur im Gegenſatz gegen das Ausland beſteht, daß die Italiener zu allen Zeiten und heute noch ſo ſehr wie jemals nicht bloß durch eine ungeheure Un⸗ gleichartigkeit des Charakters, ſondern auch durch unüber⸗ windliche Eiferſüchteleien, nicht bloß der einzelnen Länder und Provinzen, ſondern der einzelnen Städte zerriſſen ſind; ohne alſo zu bedenken, daß es ſich für Italien nie darum handeln kann eine politiſch ſelbſtſtändige Exiſtenz zu erlangen, ſondern nur um die Frage, ob Oeſtreich oder Frankreich einen überwiegenden Einfluß auf der Halbinſel ausüben ſoll.

Bei dieſer der öſtreichiſchen Herrſchaft prineipiell feindlichen

Richtung des öffentlichen Geiſtes in der Lombardei und ſo lange dieſe Richtung andauert, iſt es der öſtreichiſchen Regie⸗ rung ſchlechterdings unmöglich gemacht ihren italieniſchen Bevölkerungen irgend weſentliche politiſche Rechte zurückzu⸗