Jahrgang 
1857
Seite
324
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meublirte Zimmer zu fixen Preiſen, die durchaus mäßig zu nennen ſind und die allen läſtigen Trinkgelder⸗-Unfug aus⸗ ſchließen. Die Reſtauration, unter der Leitung eines bekann⸗ ten Meininger Gaſtgebers, iſt vortrefflich und durchaus billig. ſprüche befriedigt, wird durch die Liberalität des Herzogs von Meiningen, der die ganze Saiſon über in dem nahege⸗ legenen reizenden Schlößchen Altenſtein reſidirt, und durch freiwillige Beiträge der Badegäſte ermöglicht. Selbſt eine Schauſpieler⸗Truppe wird ſich im Laufe dieſes Sommers einfinden und ein Sommertheater im Freien improviſiren. Mit dem Kurhaus ſteht eine Anſtalt für Mineralbäder ſo⸗ wohl als für Kaltwaſſerbäder in Verbindung. In letzterer Veziehung wollen wir einen Uebelſtand, der durchaus un⸗ paſſend und der Anſtalt nachtheilig iſt, nicht verſchweigen. Die herzogliche Badeverwaltung glaubt ſich nämlich berechtigt, die Benutzung ihrer Badeanſtalt, ſelbſt zu den einfachſten kalten Bädern oder Waſchungen, von der Zuſtimmung eines

Eine muſikaliſche Unterhaltung, welche mäßige An⸗

hydropathiſchen Arztes, der zugleich Eigenthümer eines dor⸗ tigen Privatetabliſſements iſt, abhängig zu machen und man verlangt von den Gäſten, welche die herzogliche Kaltwaſſer⸗ anſtalt benutzen wollen, daß ſie ſich bei dieſem Arzte melden und ſeine Ordination in Empfang nehmen. Nun iſt es an ſich ganz ungehörig, irgend Jemanden einen Arzt zu oktroyi⸗ ren; heutzutage aber, wo neben der bedingten Heilkräftigkeit des kalten Waſſers auch die maßloſe Charlatanerie der hydropathiſchen Aerzte im Allgemeinen wir ſprechen durch⸗ aus ohne perſönliche Beziehung hinlänglich bekannt iſt, iſt es geradezu unbegreiflich, wie die Verwaltung einer Bade⸗ anſtalt die Reichung der einfachſten Bäder an die Bedingung knüpfen mag, daß ſie von einem Waſſerdoctor verordnet ſeien. Eine ſolche Bevormundung der Badegäſte iſt ebenſo läſtig als abgeſchmackt und unanſtandig und die Badever⸗ waltung von Liebenſtein hätte längſt einſehen ſollen, daß es den Badegäſten vollkommen freigeſtellt ſein muß, ſich einen

Arzt zu wählen oder es bleiben zu laſſen. D.

Was beliebt.

Das Leben der Thiere im Verlaufe der Jahreszeiten. Juli.

Viele bei uns einheimiſche Thiere haben in dieſem Monate ſchon mehr oder weniger erwachſene Junge. Vögel, die ihr Vermehrungsgeſchäft beendet haben, ziehen in der zweiten Hälfte des Juni nach ſolchen Orten hin, wo es für ſie die meiſte Nah⸗ rung giebt. Sie bleiben jedoch gewöhnlich noch in unſern Ge⸗ genden; nur der Kukkuk, welcher ſich um die Erziehung ſeiner Jungen nicht zu kümmern braucht, macht ſich reiſefertig, und gegen Ende des Monats auch die Uferſchwalbe. Nur Vögel, die dreimal hecken, brüten noch. Von Fiſchen laichen nur noch einige Arten. Viele Schmetterlinge fliegen; Mücken und Bremſen werden läſtig.

Wer in fremden Ländern gereiſt iſt, ſagt der bekannte fran⸗ zöſiſche Miſſionär Huc in ſeinem Buche über China, hat leicht bemerken können, daß jedes Volk einen ihm eigenthümlichen Geruch hat. So unterſcheidet man ohne Mühe den Neger, den Malaien, den Chineſen, den Tataren, den Tibetaner, den Inder, den Araber. Das Land ſelbſt, der Boden, den dieſe verſchiede⸗ nen Völker bewohnen, hat dem ähnliche Ausdünſtungen, die man am ſtärkſten am Morgen in Städten und auf dem Lande be⸗ merkt. Je kürzere Zeit man in einem fremden Lande lebt, um

heit ſtehe, daß es einer weſentlichen Verbeſſerung kaum noch fähig und bedürftig ſei. Und in der That, wenn wir daſſelbe mit den pädagogiſchen Anſtalten und Beſtrebungen in England und Frankreich vergleichen, um andere weniger cultivirte Länder gar nicht zu erwähnen! ſo dürfen wir mit Befriedi⸗ gung und Freude, ja mit einem gewiſſen Stolze auf die vielſei⸗ tigen Fortſchritte blicken, die in unſerem Jahrhundert vorzugs⸗ weiſe die Volksſchule gemacht hat. Nichtsdeſtoweniger hat ſie noch lange nicht das Ziel erreicht, dem ſie zuſtreben ſoll, wenn ſich das deutſche Vaterland eine große und glückliche Zukunft ſichern will. Daran wird man recht lebhaft erinnert, wenn man

die pädagogiſche Vierteljahrsſchrift zu Händen nimmt,

die der eben ſo erfahrene, als fleißige Schulrath Dr. Lauckhard in Weimar unter dem Titel:Die Reform(jährlich 4 Hefte à 15 Ngr.) bei J. J. Weber in Leipzig herausgiebt. Das erſte Heft, das uns mit ſeinem reichen, intereſſanten Inhalte vorliegt, weiſ't auf ein Unternehmen hin, das allerdings eine zeitgemäße Reform des deutſchen Schulweſens anzubahnen berufen und befähigt ſcheint, ſo daß wir das neue Journal aus voller Ueber⸗ zeugung nicht nur den Fach⸗Schulmännern, ſondern Allen, die

ſich für eine practiſch⸗nationelle Volkserziehung intereſſiren,

ſo leichter iſt es, dieſen Unterſchied zu bemerken; mit der Länge der Zeit gewöhnen ſich die Geruchsnerven daran und endlich

merkt man gar nichts mehr. Die Chineſen bemerken ebenſo an

den Europäern einen beſondern Geruch, er iſt aber, wie ſie

ſagen, weniger ſtark und läßt ſich weniger beſtimmen, als bei andern Völkern, mit denen ſie in Berührung kommen. Merk⸗ wurdig iſt es, daß wir auf unſerer Reiſe durch die verſchiedenen Provinzen Chinas in dieſer Beziehung nie von Jemand erkannt wurden, außer von den Hunden, die unaufhörlich hinter uns her bellten und zu merken ſchienen, daß wir Fremde waren. Wir hatten ganz das Aeußere eines echten Chineſen, und nur ihr außerordentlich feiner Geruch errieth, daß wir nicht zu der großen Nation des himmliſchen Reichs gehörten.

Reſorm der Volksſchule. Viele mögen glauben, daß unſer deutſches Schulweſen auf einer ſo hohen Stufe der Vollkommen⸗

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dringend empfehlen. Der Herausgeber, der die beſte Gelegen⸗ heit hat, ſeine pädagogiſchen Grundſätze und Ideen im Groß⸗ herzogthum Weimar zu verwirklichen, geht von der Anſicht aus, daß unſere Schulen im Allgemeinen für die Bildung des Volkes das bei Weitem nicht leiſten, was ſie leiſten müßten und könn⸗ ten, und zwar hauptſächlich deshalb, weil dieſelben zwarUn⸗ terrichtsſtätten ſind, aber nicht, was ſie ſein ſollten,Erzie hungsanſtalten für das Volk. Sie entbehren des organiſchen lebenskräftigen Charakters, weil ſie ſich nicht in, ſondern neben das Leben geſtellt und ſich vom Leben iſolirt haben. Daß es künftig anders, daß es beſſer werde, darauf will die Reform mit ihren tüchtigen Mitarbeitern hinwirken. Und ſchon um dieſes Strebens willen, das mit den Ideen harmonirt, die der Heraus⸗ geber d. Bl. in ſeinemJakob Biedermann ausgeſprochen, und die Anſichten weiter ausführt, die Dr. Lauckhard in der bei Hugo Scheube in Gotha erſchienenen werthvollen Schrift:Aus dem Tagebuche eines Lehrers entwickelt, ſei das neue Blatt mit Freuden begrüßt und empfohlen!

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.