Jahrgang 
1857
Seite
320
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auszurotten, welche die Begierden und wilden Lüſte herrſchen läßt und überdies oft von falſchen Einbildungen geleitet wird. Ueberall, wo die Religion treu und rein gelehrt und ausgeübt wurde, hat ſie das Menſchengeſchlecht genöthigt, ſich Kenntniſſe zu erwerben, das Nachdenken zu gebrauchen und in der Aufklärung zu wachſen.

Wahrheit und Aufklärung oft in große und ſchädliche Irr⸗ thümer verfallen ſind; aber wenn viele rechtſchaffene Män⸗ ner darnach ſtreben, die Wahrheit zu erforſchen, ſo werden ſolche Irrthümer nach und nach berichtigt, und dies um ſo eher, je weniger man ſie in ihren Unterſuchungen beſchränkt. Es mag uns hier genug ſein, zu ſehen, daß die Aufklärung ſchon ſo viel Gutes geleiſtet hat. 1

Eine der verderblichſten Verirrungen, die in den unauf⸗ geklärten Zeiten herrſchte und ihre ganze Herrſchaft noch nicht verloren hat, iſt der Aberglaube. In der dunkelſten Zeit ſetzte man ein fabelhaftes Vertrauen auf Sterndeuter, welche des Menſchen Schickſale und wichtige Begebenheiten aus den Sternen vorausſagen ſollten. Man lernte nur langſam einſehen, daß dieſe Prophezeihungen aus lauter Ein⸗ bildungen oder Betrügerei beſtanden; vor zweihundert Jah⸗

ren ſetzten noch die Meiſten auf dergleichen und andere

Orakel Vertrauen, und ſelbſt hervorragende Geiſter, wie Melanchthon und Wallenſtein, waren davon eingenommen. Man war desgleichen dem Glauben an Hexerei ſehr ergeben. Es gab Viele, welche das Volk überredeten, daß ſie Teufels⸗ künſte verſtänden, ja Einige glaubten das ſogar von ſich ſelbſt. Sie hatten nämlich von ſchlechten Menſchen das eine oder andere geheime Mittel gelernt, Andern zu ſchaden, und

faßten ſelbſt nicht, wie dies zuſammenhing; ſie glaubten des⸗ Der däniſche König gab das Beiſpiel der Abſchaffung des

halb leicht, daß es vom Teufel herrühre. Einige hatten

auch gelernt, eine eigene Art von betäubendem Getränk zu Ernſt Schimmelmann, der ſelbſt ſehr große Beſitzungen in

bereiten, wovon ſie in eine Art Rauſch und dann in einen Schlaf fielen, worin ſie beſondere Erſcheinungen hatten und glaubten, daß ſie in fernen Ländern geweſen wären, obgleich ihr Leib geblieben war, wo er war. bekannt, wie ſich alles dies machen ließ, aber ihr Gebahren

wird jetzt eben ſo ſehr belacht, wie es von allen Vernünftigen

verabſcheut wird. Muß man nicht erſchrecken bei dem Ge⸗ danken, daß Leute, nicht bloß in der dunkeln katholiſchen Zeit, ſondern ſogar noch länger als zweihundert Jahre, nach⸗ dem Luther ein allgemeineres Nachdenken über das Chriſten⸗ thum erweckt hatte, ſo thörichten Einbildungen ergeben ſein konnten, und vor Allem, daß ſo Viele, ſowohl Hohe als Niedrige, Rath und Hülfe bei Menſchen ſuchen konnten, von denen ſie glaubten, daß ſie ihre Klugheit und Macht vom Teufel hätten? Und wird es Einem nicht grauſig, wenn man lieſt, wie dieſelben Leute, die von einem zauberhaften Zuge nach Teufelsſpuk und Hexenkünſten beſeſſen waren, doch die Unglücklichen, denen ſie ſolche Geheimniſſe zutrauten, mitleidlos verbrannten? Die Verſtandesaufklärung hat hier einem geſunden menſchlichen Gefühle den Weg gebahnt; denn wenn man zugleich einſieht, daß das Böſe Thorheit iſt, faßt man die größte Verachtung, den tiefſten Abſcheu davor. Zu⸗ künftige Aufklärung wird allmälig immer mehr Menſchen dahin bringen, deutlich einzuſehen, daß All, was böſe, auch Thorheit iſt, und Jeder, dem dieſe von der Religion und Vernunft ein⸗ ſtimmig gelehrte Wahrheit beſtändig vor Augen ſchwebt, kann nicht anders als ſich im Guten dadurch geſtärkt fühlen.

Die Aufklärung trägt kräftig dazu bei, des Menſchen Rachſucht, Grauſamkeit und Hochmuth niederzuhalten. Das Chriſtenthum verdammt auf die ſtärkſte Weiſe dieſe Laſter und ermahnt uns mit aller Kraft zur Liebe. Man müßte

Es iſt allerdings nicht zu läugnen, daß die Menſchen bei ihren Beſtrebungen nach

Es iſt uns jetzt wohl

geiſtig blind ſein, wenn man, die Erzählung von den Welt begebenheiten leſend, nicht die große Wirkung ſähe, die es hierdurch auf zahlreiche Völkerſchaften gehabt hat. Je auf geklärter aber die Chriſten wurden, deſto geeigneter zeigten ſie ſich, das Gebot der Liebe und Menſchenfreundlichkeit zu erfüllen. Wir brauchen nicht viel von der Geringſchätzung zu ſprechen, womit die Mächtigen vordem die Geringen und beſonders ihre Untergebenen behandelten; dieß iſt bekannt genug. Es iſt erfreulich zu ſehen, wie die ſteigende Aufklä⸗ ung hierin eine ſo große Veränderung hervorgebracht hat. Je aufgeklärter die Gebietenden geworden ſind, deſto weniger haben ſie Freude daran gefunden, daß ihre Mitmenſchen ſich vor ihnen in den Staub würfen; und je aufgeklärter die Untergebenen wurden, um deſto freundlicheres Vernehmen zwiſchen beiden iſt möglich geworden. In vielen Ländern ſind zahlreiche Verbeſſerungen in dem Zuſtande der unteren Klaſſen aus dieſem geiſtigen Fortſchritt entſprungen, und wo noch Härte und Unvernunft vorkommt, da wird ſie wenig⸗ ſtens durch das Urtheil aller nur irgend Verſtändigen ge⸗ brandmarkt, während ſie früher zu der gewöhnlichen Ord⸗ nung der Dinge gehört.

Mit derſelben Menſchenliebe wurde auch für unſere Mitmenſchen zu ſorgen geſucht, die zuvor wie Vieh in einen andern Welttheil verkauft wurden, um als Arbeitsthiere gebraucht zu werden. Chriſtenthum und Menſchlichkeit hat⸗ ten beinahe dreihundert Jahre lang an die Abſchaffung die⸗ ſes ſchändlichen Menſchenhandels gemahnt, aber Viele hiel⸗ ten daran des Vortheils wegen, bis es den zahlreichen und

eifrigen Menſchenfreunden, welche für die Sache der un⸗

glücklichen Neger ſprachen, glückte, dieſelbe recht zu beleuchten. Negerhandels, und der am Eifrigſten dazu rieth, war Graf

Weſtindien hatte, welche bis dahin von gekauften ſchwarzen Sklaven bebaut worden waren. Der edle Wilberforce wurde ein Menſchenalter hindurch nicht müde, für die Erlöſung der ausgeführten und die Sicherheit der noch im Vaterlande wohnenden Afrikaner zu wirken, und England gibt für die Unterdrückung des Sklavenhandels jährlich eine Summe aus, die das frühere Einkommen manches nicht unbedeuten⸗ den Staates bei Weitem übertrifft. Wir rufen uns das ins Gedächtniß, um an einigen bekannten Beiſpielen zu ſehen, wie die Aufklärung kräftig dazu beigetragen hat, der Liebes⸗ botſchaft des Chriſtenthums Eingang zu verſchaffen; denn eine ſo weiſe und umfaſſende Handlung der Menſchenliebe

ſucht man vergebens in den dunkeln Jahrhunderten.

Gleichwohl dürfen wir auf die Humanität unſerer Zeit nicht zu ſtolz ſein. Noch immer treiben Seefahrer aus chriſt⸗ lichen Staaten Menſchenraub, und die auch im Bilde noch ſchöne Freiheitsgöttin Nordamerikas ſchaut vom Kapitol herab auf Länder, die von Sklaven bebaut, und auf andere, in denen entſprungene Sklaven nicht einmal geſetzlich, ſon⸗ dern nur durch die Menſchenliebe Einzelner geſchützt werden. Aber bei alle dem Elende, was durch Menſchenſchuld noch auf Erden herrſcht, ſcheint doch die Zahl Derer, welche daran arbeiten, Unterdrückung zu vermindern, das Loos der Armen zu mildern und ſelbſt Verbrecher auf den rechten Weg zurück⸗ zuführen, immer mehr zuzunehmen.

Ehe wir ſchließen, müſſen wir noch einer falſchen Deu⸗ tung Deſſen, was wir beſprochen haben, vorbeugen. Manwürde ſich gröblich irren, wenn man meint, daß nicht viel Gutes in ehemaligen Zeiten geſchehen ſei und daß nicht edle Menſchen damals gelebt hätten. Dergleichen würde gegen die klare Wahrheit ſtreiten. Eben ſo wenig dürfen wir glauben, daß