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chen, das ſo furchtſam zu ſein ſcheint und doch ſo ſehr zu peinigen und zu martern verſteht?
Doch beruhige dich, mein Freund! Ich nehme es dir freilich nicht übel, daß du ärgerlich wirſt, wenn du dein Mit⸗ tagsſchläfchen halten willſt und dieſer Störefried auf deiner Naſenſpitze ſein Weſen treibt; ich verarge dir nicht deinen Grimm, wenn du deine hohen Gedanken zu Papier bringen willſt und ſich dieſer ungerufene Gaſt auf deinen Finger oder vor deine Feder ſetzt; ich finde es auch begreiflich, daß die ſorgende Hausfrau ungeduldig wird, wenn Spiegel und Fenſter, Vorhänge und Tücher, Teller und Schüſſeln von dieſem Unhold ſo wenig reſpectirt werden. Doch Alles hat ſeine zwei Seiten. Und ſo wirſt du dich auch mit dieſem Störenfried verſöhnen können, wenn du das wunderbare Weſen näher betrachteſt und nicht vexgiſſeſt, daß der, welcher die Fliege ins Leben rief, auf Erden Alles wohl gemacht hat.
Die Stubenfliege gehört zum Geſchlecht der Zweiflügler. Den unfreundlichen, trotzigen, bösartigen Menſchen nennt man gemeiniglich einen„Dickkopf.“ Du wirſt darum leicht
auf die Geſinnung dieſes Thieres ſchließen können, wenn du ſeinen dicken Kopf anſiehſt, der, wie eine Halbkugel geformt, durch einen tiefen Einſchnitt vom Leibe getrennt und ſehr beweglich iſt. Auf beiden Seiten dieſes Kopfes ſiehſt du große, zuſammengeſetzte, netzförmige Augen, die etwa der innern Fläche einer durchſchnittenen Halbkugel gleichen und aus mehr denn 4000 ſechseckigen Flächen wunderſ am geformt ſind, wodurch es der Fliege möglich iſt, obgleich die Augen unbeweglich ſind, nach allen Seiten umzuſchauen und jede drohende Gefahr ſchon von weitem zu entdecken. Vorn am Kopfe befindet ſich ihr feindliches Werkzeug, der mit fleiſchi⸗ gen oder harten und ſtechenden Borſten umgebene Saug⸗ rüſſel, den ſie in die Haut der Menſchen und Thiere ein⸗ gräbt, um das ſüße Blut zu ſchlürfen, oder womit ſie von den Süßigkeiten deiner Küche naſcht. Der Leib, an welchem ſich ſechs hohe, dünne, aus vier Gelenken zuſammengeſetzte Beine befinden, iſt mit Millionen wunderbar feinen Härchen beſetzt und trägt oben zwei feine, gerippte, durchſichtige Flügel, die auch die duftigſten Florgewänder der Damen beſchämen.
Dieſes Thierchen pflanzt ſich durch Eier fort, deren von dem Weibchen in einer Viertelſtunde gegen 90 Stück, und zwar in Ritze, Miſtſtätten und andere ähnliche unfreundliche Räume gelegt werden. Aus dieſen kleinen Eiern ſchlüpfen ſchon nach 24 Stunden fuß- und bisweilen auch kopfloſe Maden heraus, welche ſchnell wachſen und ſich in dunkelrothe Puppen verwandeln, aus denen nach etwa 14 Tagen die Stubenfliege, wie ſie leibt und lebt, fröhlich ins Weite ſteuert. Im Laufe des Jahres erzeugt ein einziges Paar 4 Bruten, von denen die erſte wieder 3, die zweite 2, und die letzte noch eine Brut zur Welt bringt, ſo daß in wenigen Monaten von Einem Elternpaar wol fünf Millionen Kinder, Enkel und Urenkel zum Daſein befördert werden. Daraus erklärt ſich die große Menge dieſer Quälgeiſter, welche im Sommer unter uns hauſen.
Wer die Fliegen anſieht, wie ſie ſelbſt an den glätteſten Gegenſtänden, an Glas, Porzellan, polirtem Holz u. ſ. w. leicht auf- und abklettern, ohne Hilfe der bekannten Flaſchen⸗ züge, der hat ſie gewiß ſchon bewundert oder ſie gar um dieſe beſondere Gottesgabe beneidet. Dieſe Fähigkeit rührt aber daher, daß ſie zwiſchen den Fußklauen einen Ballen haben, aus welchem ein klebriger Saft ſchwitzt, der ihnen einen feſten Halt gibt, und dem wir vor allem die große
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Verunreinigung unſerer Hausgeräthſchaften zur Laſt legen
müſſen. ſhrroß dieſer wundervollen Beſchaffenheit der Fliegen, höre ich dich doch rufen: fort mit ihnen!— Nur Geduld, lieber Freund! Die Natur hat dafür ſchon weiſe geſorgt. Warte es ruhig ab, bis die rauhen Tage des Herbſtes kom⸗ men; da verkriechen ſich deine unlieben Gäſte in Ritze, worin ſie gewöhnlich ſterben oder doch viele Monate lang ſich ruhig verhalten. Die Winterkälte tödtet eine große Maſſe von Maden und Puppen. Auch ein winziger Feind, eine Milbe, hauſt auf dem Leibe der Fliegen und vertreibt ihnen oft ihren Muthwillen. Biſt du damit nicht zufrieden, ſo danke wenig⸗ ſtens den Hühnern, welche die Maden und Puppen aus dem Miſte kratzen und behaglich verſpeiſen, und ebenſo den Schwalben, Bachſtelzen, Rothſchwänzchen, Rothbrüſtchen und andern Vögeln, welche die Fliegen in der Luft und namentlich an den warmen Wänden, wo jene gern ſitzen, wegſchnappen. Genügt dir auch das nicht, ſo nimm dir ſolche Vöglein ins Zimmer, wie es in manchen Gegenden zu geſchehen pflegt, wodurch du freilich die Reinlichkeit nicht r 5
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