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tige, ſpöttiſche Bemerkungen gaben nur Veranlaſſung zu Gelächter, nicht zu Streit.
Das Raſen des Tanzes machte Conrad durſtig, und die Brabanter juckten ihn in der Taſche; er ging in die Stube nebenan, wo gezecht und geſpielt wurde, und bald ſaß er mitten drin. Das Bier ſtieg ihm in den Kopf— das Spiel erhitzte ihn immermehr,— er verlor anhaltend, und gerieth zuletzt darüber in ſo unmäßigen Zorn, daß alle Vorſicht, alle Vernunft ihn verließ. Wüthend warf er dem immer gewinnenden Theile die Karten ins Geſicht und fluchte und ſchimpfte und ſchlug mit den Fäuſten auf den Tiſch, daß er krachte und die Gläſer zuſammenklirrten, dann nahm er dieſe und warf ſie durch die Fenſterſcheiben auf die Straße in einen Haufen Kinder hinein, die ſich dort neugierig zuſammengeſchaart hatten. Ein Heulen und Schreien ertönte: man verſuchte, den wilden Burſchen zu halten, aber er ſchlug wie ein Raſender um ſich;— der Lärm wurde immer ärger.
„Werft den Tollen hinaus;— ich laß mich nicht ſchimpfen— von dem Ketzer!— Naus mit dem Händel⸗ anſtifter!“ ſchallte es wild durcheinander.
„Des Höhlenbauers Conrad wird hinausgeworfen!“ rief eine Stimme in die Tanzſtube und alles drängte ſich nach der kleinen engen Thüre, die zu dem Schauplatze des Streites führte.
Engel entriß ſich der Hand ihres Tänzers und ſuchte in Todesangſt den verworrenen Menſchenknäuel zu durch⸗ dringen.
„Conrad! Bruder!“ ſchrie ſie verzweiflungsvoll, doch ihre Stimme verhallte in dem wüſten Gelärme. Da ſah ſie ihren Bruder auf die Bank ſpringen, in demſelben Augenblicke ihn aber wieder herunterreißen und zu Boden werfen.—
Zum Glück für Conrad traten zu gleicher Zeit einige Landjäger, welche die Polizei überwachten und unterſtütz⸗ ten, herein, und kamen noch gerade zurecht, um den Bur⸗ ſchen vor gewaltigen Fußtritten zu bewahren.
Der Streit und die Gefahr, welche ihm gedroht, hat— ten Conrad ziemlich nüchtern gemacht; ſein Blick begeg⸗ nete Engels Auge, das verſtört und voll Vorwurf auf ihm
Der augenblicklichen Verfolgung war er entgangen, aber der Unterſuchung nicht. Man kannte ihn, und wußte ihn in ſeiner Heimath zu finden.
Engel war alle Luſt an den Marktfreuden vergangen; ſie ſah ſich nach der gekauften Kuh um, und wartete ſehn⸗ ſüchtig auf den Knecht, welcher ſie heimführen ſollte. Sie wollte mit dieſem nach Hauſe gehen. Endlich kam er und Engel erzählte ihm das Vorgefallene und trieb zu ſchneller Heimkehr.
„Thuſt du denn nicht ein einziges mal mit mir tan⸗ zen?“ frug der Knecht das Mädchen in wehmüthigem Tone.„Ich habe mich den ganzen Tag darauf gefreut, und drum auch mein Sonntagshäs(Kleid) angethan.“
„Die Freud iſt mir vergangen am Tanz;“ erwiederte Engel kurz, doch ſetzte ſie gleich mit weicherer Stimme hinzu, als ſie ſah, wie betrübt der Knecht den Kopf ſenkte: „ich will aber warten, Michel, bis du getanzt haſt. Auf eine halbe Stunde ſoll mirs nicht ankommen.“
Aber Michel ſchüttelte den Kopf.
„Das Tanzen hätt' mich nur gefreut mit dir. Wenn du nicht magſt, mag ich auch nicht. Komm, wir wollen uns auf den Heimweg machen.“
Er band die Kuh los und trieb ſie fort. Engel folgte langſam in einiger Entfernung nach. Sie ſah ſich öfter um, ob nicht Bekannte kämen, denen ſie ſich anſchließen könnte, denn es wurde ihr auf einmal etwas bange, ob⸗ gleich ſie gar nicht wußte weshalb, mit dem Knechte ſo allein durch den Wald zu wandeln. Ihre Hoffnung war jedoch vergebens; ſie waren die Einzigen, welche ſich ſo⸗ bald auf den Heimweg gemacht. Als ſie das freie Feld durchſchritten hatte, und der dunkle Wald ſie aufnahm, wurde es ihr unheimlich, und ſie beſchleunigte ihre Schritte und hatte bald den Knecht erreicht, der nur zögernd vor⸗ anſchritt. Engel wanderte anfangs ganz ſtill hinterdrein und auch Michel ſprach kein Wort. So kamen ſie ſchwei⸗ gend immer tiefer in den Wald; es wurde immer dunkler und Engel immer ängſtlicher zu Muth in dieſer lautloſen Einſamkeit.
„Wenn's nur der Vater ſchon wüßt, von wegen dem Conrad;“ fing ſie endlich an, um nur etwas zu ſprechen.
ruhte. Ein beſchämendes Gefühl überkam ihn plötzlich, und er hätte vielleicht Abbitte gethan, wenn nicht die all⸗
gemeine Anklage, welche man von allen Seiten gegen ihn
erhob, ſo wie die Beſorgniß, am Ende gar eingeſteckt zu
werden, ſeinen Zorn und ſeinen Trotz wieder gereizt hätten.
Wild blickte er um ſich, dann griff er raſch in die Hoſen⸗ taſche, faßte eine Hand voll harter Thaler und warf ſie den ihm zunächſt ſtehenden ins Geſicht, indem er ſchrie:
„Da habt ihr mein Geld! Ich kaufe mich los!“
Damit ſprang er durch die verblüffte Menge und die Landjäger ſuchten vergebens, ihn noch zu erhaſchen. Im Nu war er aus der Stube, aus dem Hauſe fort, die Gaſſe hinab. Ein momentanes Zögern entſtand— doch bald ertönte der Ruf:
„Fangt ihn! Fangt ihn! Der ſoll nicht meinen, weil er Batzen hat, könne er thun, was er will. Ihm nach! Ihm nach!“
Aber Conrad war verſchwunden. Eben hatte man
ihn noch da, noch dort geſehen. Man eilte in allen Rich⸗
tungen bis vor das Dorf hinaus— doch war auch dort auf offenem Felde keine Spur von ihm. Er war und blieb verſchwunden, vergebens waren alle weiteren Nach⸗ forſchungen.
„Sags nur gleich deiner Mutter,“ erwiederte Michel. „Die wirds ihm ſchon beibringen, und dem Conrad nicht zu viel geſchehen laſſen.“
Damit hatte das Geſpräch ein Ende, und ſie gingen wieder eine Zeitlang ſchweigend weiter.
„Es ſind ſo viele Baumſtumpen im Wege,“ fing end⸗ lich der Knecht wieder an.„Gieb acht, Engel, daß du
nicht ſtolperſt.“
„Was denkſt?“ ſagte ſie etwas beleidigt.„Ich bin nicht ſo tollpatſchig; gieb du nur auf dich und die Kuh Acht! Ich weiß ſchon, wie ich machen ſoll; bin alt und groß genug dafür.“
Doch kaum hatte ſie ſich mit ihrer Selbſtſtändigkeit gebrüſtet, als ſie anſtieß und langen Wegs dalag. Schnell wollte ſie ſich wieder emporrichten— aber es ging nicht. Sie hatte ſich den Fuß verſtaucht und konnte nicht gehen und nicht ſtehen.
— Michel, welcher ſich erſchrocken nach ihr umgewendet, ließ die Kuh los, und ſprang ihr zu Hülfe. Er hob ſie
empor, aber der Fuß ſchmerzte ſie ſo gewaltig, daß ſie ſich feſt an den Burſchen nulehhin mußte, um nicht aufs neue hinzufallen. Als Michel das Mädchen umfaßt hielt, fing ſein Herz ſo gewaltig zu pochen an, daß deſſen Schläge Engels Bruſt wunderbar durchdrangen und ihr Echo dort
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