Jahrgang 
1857
Seite
294
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Leidenſchaft und Sitte.

Eine Erzählung von der ſchwäbiſchen Alb.

Von Paul Stein.

Vor einer ziemlich langen Reihe von Jahren war an

einem ſchönen Herbſttage ein außergewöhnlich lebhaftes Treiben in Tommerdingen, dem reichſten katholiſchen Alb⸗ orte Würtembergs. Der jährliche Markt verſammelte hier eine große Menſchenmenge, welche theils Luſt und Vergnügen, theils Geſchäfte zuſammenführten. Es wur⸗ den an dieſem Markttage vielerlei Winterbedürfniſſe ein⸗ gekauft, doch noch mehr Viehhandel oder Tauſch damit getrieben. Proteſtanten, Katholiken und Juden wogten bunt durcheinander, und gemeinſames Intereſſe vereinte dieſe ſonſt ſich nur ſelten berührenden Elemente. Wenn auch zu anderer Zeit ſie gerade keine Feindſchaft trennte, ſo vermieden ſie doch jede freundſchaftliche Annäherung,

und Familienbande wurden nie oder nur höchſt ſelten und

nur unter der ganz armen Klaſſe zwiſchen Proteſtanten und Katholiken geſchloſſen, welche überhaupt auf der Alb meiſtens ſtrenge geſondert in verſchiedenen Dörfern woh⸗ nen. Juden findet man auf der hohen Alb nirgends an⸗ ſäſſig; in jener Zeit waren ſie kaum geduldet, und nur bei außergewöhnlichen Gel Keheiten, wie an ſolchen Markt⸗ tagen, ſpielten ſie eine Rolle

Ein junger Burſche drängte ſich mit einem Mädchen an der Hand durch das Gewühl des Marktes. der Sohn eines reichen Bauern aus einem benachbarten proteſtantiſchen Orte, welcher mit ſeiner Schweſter ge⸗ kommen war, ein paar ſchöne Kühe einzukaufen. Man nannte ihn nur des Höhlenbauers Conrad, da das Gut ſeines Vaters ſeit uralten Zeiten der Höhlenhof hieß.

Man kannte Conrad weit über die Gemarkung ſeines Dorfes hinaus, denn er war ein luſtiger Burſche und ſeine Taſche nie leer. Die Mutter, deren Liebling er war, füllte ſie ſtets wieder, wenn auch der Vater ein ſchiefes Geſicht dazu ſchnitt, denn der Höhlenbauer hatte keine große Stimme im hinllehen Rathe, und um ſein Ge ſicht bekümmerte ſich Dorethai(Dorothea) ſein Weib nicht viel. Sie war der Herr, oder vielmehr der Bauer im Hauſe, und obgleich ſie dieſen Titel nie vergaß, und von Peter, ihrem Manne, nie anders ſprach, alsmein Bauer ſo war und blieb er eben doch nur der Peter und mußte ſich ſtets dem Willen ſeiner herrſchſüchtigen Ehehälfte un⸗ terwerfen.

Die Höh lenbäurin hatte, wie man es häufig findet, eine ungemein große Herzensſchwächeihremeinzi igen Sohne gegenüber, indeſſen ſie ihre Tochter mit vernünftiger Liebe und ſtreng erzog, woher es wohl kam, daß Engel(Angelika) ein braves, fleißiges und ſittſames Kind war, während Conrad gerne mit allen Vieren ausſchlug, die Feldgeſchäfte oft vernachläſſigte,! häufig im Wirthshauſe ſaß, ſchon man⸗ chen Schatz gehabt hatte, und mit den blanken Thalern nicht allzuſparſam umging. Die blinde Mutterliebe wußte für alles eine Entſchuldigung, ſelbſt ihres Mannes Brum⸗ men und Kopfſchütteln über den leichtſinnigen Sohn ließ ſie nie zu einem ernſten Ausbruche kommen und um jenes ferne Gewittergrollen kümmerte ſich Conrad wenig.

Nur ungern hatte der Höhlenbauer zu dem Tommer⸗ dinger Markte ſeine wohlgefüllte Lade üfſnet und fünfzig alte Brabanter herausgeholt und dem Sohne für den Ein⸗

Es war

kauf zweier Kühe eingehaͤndigt; er wäre viel lieber ſelbſt dahin gegangen, aber Dorethai wollte den Sohn ſchicken, well der Sohn es ſo wollte und da hatte Peter keinen Willen mehr; doch wurde es ſelbſt der Bäurin etwas bange, als das viele Geld in der Hoſentaſche ihres Sohnes verſchwand, der luſtig damit rappelte und eine leichtfertige Melodie dazu pfiff.

Du könnteſt auch mit nach Tommerdingen gehen, ſagte ſie ſchnell zu ihrer Tochter, welche eben das Früh⸗ mahl, eine Schüſſel färwaren Brei(Hafermuß) auftrug.

Vier Augen ſehen beſſer als zwei, und ich will die ſchön⸗ ſten Kühe im ganzen Orte haben.

Und zu ihrem Sohne ſich wendend, ſetzte ſie wie ent⸗ ſchuldigend hinzu:Dem Mädle macht's Freud, wenn ſie mit dir darf. Du kannſtj ja, wenn der Handel fertig iſt, ſie auf den Tanzboden fuhien. es wird dir ſchon noch etwas dazu übrig bleiben. Der Knecht kann hinüber⸗ kommen, und das Vieh heimtreiben, bindſt's derweil an das Wirthsſtadel(Scheune) und machſt dir Zeitvertreib mit der Engel.

Engel ſah bei der Mutter Vorſchlag ſo freudig über⸗ raſcht den Bruder an, daß er ſogleichJa dazu ſagte, er hatte ein gutes Herz, wie es ſich bei dem Leichtſinn ge⸗

wöhnlich findet, und die Schweſter war ihm lieb, wenn er

ſich gleich nicht viel um ſie bekümmerte, und darin den meiſten Brüdern glich.

Mach', daß du fertig wirſt, und zieh deinen beſten Staat an! rief er ihr nach, als ſie ſchon die enge Stiege hinauf in ihr Kämmerlein ſprang.

Schnell hatte ſich Engel mit Hülfe eines kleinen Spiegels geſchmückt und ſtand bald in der damals noch nicht verdorbenen, ſo reizenden Nationaltracht der Alb da. Die hellbraunen, feſtgeſchlungenen Flechten mit den lan⸗ gen, hochrothen Bändern, waren zierlich um den Kopf gewunden, und umkränzten anmuthig das runde, jugend⸗ liche Geſicht. Die glänzenden, rothbraunen Aeuglein lachten ſo hell aus den dunkeln Wimpern heraus, wie die blendendweißen Bähne aus den friſchrothen, etwas aufge⸗ worfenen Lippen. Das ſcharlachrothe Tuchmieder um⸗ ſchloß feſt die runde Taille und es glitzerte und ſchimmerte

von Silberborten und ſeidenen Bändern, wie der in gleich⸗

mäßigen Falten weit abſtehende grüne Rock. Ueber die klendendwelße Schürze hingen lange blaue ſeidene Schlei⸗ fen; und die ſonnverbrannten Arme wurden von den weiten Hemdärmeln bedeckt, ſelbſt die derbe, verſchaffte Hand ſah unter der darauf fallenden Spitze nicht unſchön aus; und die etwas plumpe Fußbekleidung mit den hohen Stutzen und großen ſilbernen Schnallen ſtand in ganz richtigem Verhältniſſe zu den vollen, runden Waden,

welche unter dem kurzen Rocke ſich in ihrer ganzen Staat⸗

lichkeit zeigten.

Conrad betrachtete mit Vergnügen ſeine hübſche Schweſter und auch der er Mutter Blick hing mit ſichtlichem Wohlgefallen an der Tochter, kehrte aber immer wieder auf Conrad zurück, der btehh ſtrotzend von Jugend⸗ lraſt und Geſundheit vor ihr ſtand, und den die ſcharlach⸗ rothe Weſte mit den ſilbernen Knöpfen, das mancheſterne