den beiden Wohnzimmern und zwiſchen ihnen der Ein⸗ gang zur Küche. Eine Thür war wie die andre mit rother
ſo wie das Holzgetäfel unter den Fenſtern trugen dieſelbe Farbe; dagegen war den Treppen und den rings um den obern Theil der Hausflur hinlaufenden Gallerien von Tannenholz, deren Geländer aus zierlich ausgeſchweiften breiten Stäben beſtand, ihre natürliche Farbe gelaſſen. Gegen acht Uhr Abends hatte die wandelnde Tanz⸗ geſellſchaft etwas mehr als ein Drittheil der Häuſer des Dorfs beſucht. Die jungen Burſchen waren ſchon um ein bedeutendes luſtiger und aufgeregter als im Hauſe des Schulzen und wollten nichts mehr von langſamen Walzern wiſſen— ein ſicheres Zeichen, daß Bier und Branntwein die Köpfe erhitzt hatten. Von den ältern Männern waren einige unterwegs hie und da„hängen geblieben,“ um eine Partie Solo zu ſpielen; die Mütter tanzender Töchter jedoch folgten dem Zuge getreulich nach,
freundlichen Halbhufners zurück, welcher verſprochen hatte, uns in eigner Perſon nach dem Pfarrhof zurückzufahren, Oelfarbe angeſtrichen; alle Tiſche, Bänke und Stühle
um dieſelben aus der Ferne zu behüten; denn ihrer vor
dem letzten Ton des letzten Tanzes wieder habhaft zu werden, war ein Ding der Unmöglichkeit— das wußten ſie recht gut— die wilden Burſchen ließen ſich ihre Tänzerinnen nicht entreißen.
Mit dem offnen Geſtändniß, daß uns die wendiſche Ausdauer bei Luſtbarkeiten fehle, kehrten wir bei dem nächſten Aufbruch des Zuges nach dem Hauſe unſeres
damit ſein Sohn, ein leidenſchaftlicher Tänzer, nicht um ſein Vergnügen komme.
Nach dem bunten, geräuſchvollen Tanzgetümmel und den gellenden Klängen der Muſik war die tiefe Sommer⸗ abenſtille, welche ringsum auf den nebelumhüllten Wieſen und den bleichen Feldern herrſchte, ungemein wohlthuend, und wir freuten uns insgeſammt, daß die Fahrt wegen der ſtarken Dunkelheit nicht ſo ſchnell ging als am Mit⸗ tag, und daß wir ſomit den herrlichen Abend mit ſeinen erquickenden würzigen Düften, die von den thaubenetzten Gefilden und dem fernen dunklen Föhrenwald herüber⸗ wehten, recht genießen konnten.
Als der Beſitzer des Hofes, welchem die Erntetanz⸗ geſellſchaft zuletzt ihren Beſuch abgeſtattet, am nächſten Sonntag im Pfarrhaus erſchien und der Prediger ihn ſcherzend fragte, wann die jungen Burſchen und Mädchen die„Arbeit“ in ſeinem Hauſe eingeſtellt hätten, erwiederte er mit treuherzigem Tone:
„Ich kann's wirklich nicht genau ſagen, Herr Paſtor; ich weiß nur, daß die Sonne ſchon recht hell und warm ſchien, als die Burſchen mein Haus verließen, um ihre Sonntagskleider auszuziehen und dann ſogleich draußen im Feld an die Arbeit zu gehen.“
Ueber die Strahleck.
Reiſeſkizze von Hedwig Henrich. II.
Mit der erſten Dämmerung mahnen die Führer zum Aufbruche; denn der heutige Tag fordert ein ſchweres Werk, und wer es vor einbrechender Nacht beenden will, muß zeitig damit beginnen.— Vor allem wird jetzt der düſtre Raum
durch ein kleines Oellämpchen und einige brennende Holz⸗
ſpäne wie am verfloßnen Abende ſpärlich erhellt und durch⸗ wärmt. Dann ſteigen wir einige zehn Schritte hinab und waſchen uns die ſchlaftrunknen Augen am friſchen Gletſcher⸗ waſſer aus. Iſt dies geſchehen und die einfache Toilette
bloſen Leibe, um gegen die raſche Abwechslung von Schweiß
etwas in Ordnung gebracht(möglichſt viel Wolle 5 dem
und ſchauerndem Froſte zu ſchützen), ſo geht es zum Kaffee.
Diesmal fehlt der geſtrige Heißhunger, und das Gebräue will nicht recht munden. Doch die Führer mahnen wieder⸗ holt daran, daß es das letzte warme Getränk für die nächſten ſtellenweiſe ſehr kalten achtzehn Stunden ſei, und man gießt mit Heroismus möglichſt viel davon in ſich hinein. Hierauf rüſtet man ſich zum Aufbruch. Der Knecht von Grindelwald wurde entlaſſen und dafür, wie bereits oben mitgetheilt, des friſch gefallnen Schnees wegen Michel, der Hirte, für die erſte Hälfte des Weges bis zum Fuße der Strahleck gewonnen. Es war kalt, und aeßgrſe den
Bergen des Morgens meiſt umwölkte Himmel erregte Be⸗
ſorgniſſe. Michel führte den Zug an, und ſeine gewandt und ſicher voraneilenden Fußtapfen ſind zuverläſſiger, als ſeine etwas myſtiſchen Wetter⸗Orakelſprüche. Unter ſeiner Leitung kann man, die ſteinige Felswand zur Rechten
hinanklimmend, einen bedeutenden Theil des mühſamen Gletſcherweges erſparen.— Die erſten Stunden bieten dem
Wandrer nicht viel Neues, und wenn, wie an jenem Morgen⸗
faſt alles in dichte Nebel gehüllt iſt, durchaus keine Ab⸗ wechslung; bis, von den Felſen niederſteigend, mit einem Male der obere prächtigſte Theil des Unter⸗Grindelwald⸗ Gletſchers ſich zu unſern Füßen ausbreitet, einen großen Thalkeſſel füllend, umringt von ſchroffen Felſen und glän⸗ zenden Firnen. Wir müſſen, um zum Fuße der Strahleck zu gelangen, dieſes Eismeer faſt ſeiner ganzen Länge und Breite nach überſchreiten. Man braucht dazu wohl an drei Stunden; doch iſt es keine harte Arbeit und geſchieht um ſo leichter, als von Welle zu Welle vorſchreitend, man ſtets durch neue überraſchende Gletſcherformationen belohnt wird. Hier wölbt ſich die kryſtallne Maſſe zu kunſtreichen, licht⸗ flimmernden Höhlen, dort ſchichtet ſie ſich in dichteren For⸗ men pyramidenartig zuſammen; da erhebt ſich auf zierlichen Eiskegeln ein niedergeſtürztes Felsſtück hoch über die Ober⸗ fläche des Gletſchers und bildet die eigenthümlichen Glet⸗ ſchertiſche, dort quillt ein mächtiges Waſſer hervor und rauſcht dicht neben uns in einen viel hundert Fuß tiefen Eiſesſchlund hinab, der in ſeinem kryſtallnen Becken die herrlichſte Farbenmiſchung vom tiefſten Azur zum lichten Meergrün entfaltet. Man ſtaunt, man plaudert;— Michel bückt ſich wohl auch dazwiſchen und lieſt ſorglich etwas vom Boden auf, was jedesmal allgemeine Heiterkeit erregt. Der köſtliche Fund beſteht nämlich in einer halb erſtarrten Biene,
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