Jahrgang 
1857
Seite
208
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Kohlenreichthum von 19,423 Millionen Tonnen liegt. Die ge⸗ ſammten Kohlenlager von Schottland und Irland werden zu 7284 Millionen Tonnen abgeſchätzt, ſo daß alſo der Kohlenreich⸗ thum von ganz Großbrittannien 26,707 Millionen Tonnen be⸗ trüge. Es führt das zu dem Schluſſe, daß wenn England wie bis jetzt fortfährt, jährlich 35 Millionen Tonnen aus der Erde zu ziehen, ſein Schatz an Steinkohlen in 770 Jahren erſchöpft ſein wird. Geognoſten Seywick und Buckland nehmen eine noch kürzere Zeit an; Thomſon ſchiebt die Erſchöpfung auf 1500 Jahre hinaus. Sicher geht wohl daraus hervor, daß Englands Reich⸗ thum an Steinkohlen nicht unerſchöpflich iſt, wie man ſo hört und wie es viel geglaubt wird. Zwölf oder funfzehn Genera⸗ tionen, das heißt ein Augenblick in dem Leben einer Nation, reichen hin, um dies uns Erſchrecken erregende Ereigniß herbei⸗ zuführen. England iſt darüber unbeſorgt und fährt in ſeinen Nachgrabungen fort, in der richtigen Vorausſetzung, daß in dem Maße, wie ſich die Steinkohlen vermindern, andere Mittel ent⸗ deckt werden, die Erſatz für dieſelben bieten.

Einige Worte über Strohflechterei. In einer Zeit, wo das

ererbte Handarbeit des einzelſtehenden Mannes nicht gleichen Schritt halten kann, iſt es dringend geboten, der mittelloſen Ar⸗ beiterclaſſe neue Erwerbsquellen zu öffnen, ſie namentlich in dem zu fördern, was der eignen Handarbeit den möglichſt größten Reinertrag bieten kann.

Das Handſpinnen und Handweben iſt überall noch eine alte beliebte Beſchäftigung und liefert beſonders auf dem Lande im⸗ merhin noch einen, wenn gleich auch oft kärglichen Lebensun⸗ terhalt. Aber ſeit die Maſchinen von Tag zu Tage einen ge⸗ waltigeren Aufſchwung nehmen, will es mit dieſer Handarbeit nicht mehr recht vorwärts gehen.

Darum muß man mit Freuden das Beſtreben begrüßen, durch Strohflechterei der arbeitenden Claſſe Brod zu ver⸗ ſchaffen, durch einen Erwerbszweig, der bedeutende Vortheile in ſich vereinigt. Denn die Strohflechterei erfordert nicht mehr Arbeitsbedingungen, als die Spinnerei. Außerdem hat der ein⸗ zelne Arbeiter ein viel geringeres Betriebskapitel anzuwenden, während ſich daran ſämmtliche Glieder einer Familie betheiligen können und dadurch ein größerer Reinertrag gewonnen wird, als durch Spinnerei und Weberei.

Die Arbeit dieſes Induſtriezweiges zerfällt in vier Haupt⸗ theile, nämlich in:

1. Pflanzen und Schneiden des Strohs,

2. Bleichen und Kochen deſſelben,

3. Sortiren, Flechten und Färben deſſelben,

4. Nähen und Plätten(Appretiren) der Geflechte.

Was die Beſchaffung des Rohſtoffes(Nr. 1) betrifft, ſo iſt dieſe für die Armen auf dem Lande und in den kleinen Städten nicht ſchwer zu erzielen. Denn beſitzt die Familie kein eignes Gut, ſo kann ſie ſich ein kleines Grundſtück(das ſchon hinreicht) pachten, welchen Zins ſie aus dem ſpäteren Erlös ihrer Arbeit leicht zu bezahlen vermag. Und ohne daß viel Zeit und große Aebeitökraft erforderlich wird, iſt dieſes Stückchen Land von ihr bequem zu düngen und zu bebauen; und ebenſo kann ſie das Korn, welches grün, zur Zeit ſeiner Blüthe oder kurz nach⸗ her, geſchnitten werden muß, ohne beſondere Mühe einſammeln. Der Gewinn daraus überſteigt die Baukoſten um das Sechs⸗ und Siebenfache, während der Flachsſpinner höchſtens das Doppelte von ſeinen Auslagen erzielen kann, und überdieß zum Brechen, Schwingen und Hecheln des Flachſes noch bedeutende Opfer an Zeit und Arbeitskraft bringen muß.

Das Bleichen des Strohs(Nr. 2) iſt ebenfalls eine leichte

und lohnende Arbeit, indem es in der Nähe der Wohnung vor⸗ genommen und darum ganz bequem von der Frau des Hauſes oder auch ſelbſt von den Kindern bewerkſtelligt werden kann. Daſſelbe iſt auch von dem Kochen des Strohs zu ſagen, wozu man jeden beliebigen Keſſel und jedes Local benutzen kann, und wozu keine beſondere höhere Kenntniß erfordert wird.

Das Sortiren, Schneiden, Flechten und Färben des Strohs(Nr. 3) iſt natürlich ſchwerer und kann ohne vorausge⸗ gangenen Unterricht nicht mit Erfolg betrieben werden. Da aber dazu nicht allein die Hand des Mannes in Anſpruch ge nommen zu werden braucht, ſondern gerade Frauen, Mädchen und Kinder zu dieſer Arbeit geſchickt und befähigt ſind, ſo läßt ſich durch dieſen Induſtriezweig nach allen Seiten hin fördernd wirken und durch die Verwendung aller Kräfte eines Hauſes ein ſchöner Verdienſt weſentlich erzielen. Nur darf es an einem gründlichen Unterricht nicht fehlen. Zu empfehlen iſt darum, daß in jeder Gemeinde, wo man die Strohflechterei ins Leben ruft und wo ſich die Luſt dazu zeigt, jährlich wenigſtens einmal ein Lehrer oder eine Lehrerin erſcheint und den Kindern, wie auch

Einig wte un d 3 3 den Erwachſenen im Sortiren, Schneiden, Flechten und wohl Fabrikweſen mit Rieſenſchritten vorwärts eilt, mit dem die alte

auch im Färben Unterricht ertheilt. Beſſer iſt es aber noch, wenn auf Koſten der Gemeinde ein taugliches Individuum in andere derartige Anſtalten geſchickt wird, welches ſich dort in allen Zweigen dieſer Fabrikation gründliche Kenntniſſe erwirbt und dann in ſeiner Heimath den nöthigen Unterricht ſtändig ertheilt. Eine für das Wohl der Armen beſorgte Gemeinde wird ſich gewiß auch nicht weigern, für dieſen Unterricht das erforderliche Lokal nebſt Licht und Heizung, ſowie andere Lehrmittel zu ſtellen. Die paſſendſte Zeit für dieſen Unterricht iſt jedenfalls der Winter, etwa in den Nachmittagsſtunden des Mittwochs und Samſtags, wo die Schulkinder gewöhnlich freie Zeit haben.

Was vom Vorhergehenden geſagt iſt, gilt auch vom Nähen und Glätten der Hüte und anderer Geflechte(Nr. 4). Das Preußiſche Handels⸗Archiv ſchreibt in dieſer Beziehung über eine im Amte Bünde, Kreis Herford, etablirte Strohflechterei: Die Näherinnen arbeiten von 8 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends, mit Unterbrechungen von je einer halben Stunde Vor⸗ und Nach⸗ mittags und einer Stunde zum Mittagseſſen. Dieſelben ver⸗ dienen je nach ihrer Uebung und Application 6, 8, 10 ja 12 Rthlr.

pro Monat und bedürfen bis zu ihrer völligen Ausbildung 3

Jahre. Die Arbeit wird ſtückweiſe bezahlt. Die Formen wer⸗ den zum Theil nach Pariſer Muſtern genäht und elegant garnirt und beſchränken ſich nicht allein auf die hier gefertigten, ſondern verbreiten ſich auch auf die feinſten Italieniſchen Geflechte. Wie ſteht's aber mit dem Abſatz? Derſelbe wird nie fehlen,

wenn die gelieferten Geflechte gut und nach den Anforderungen

des kaufluſtigen Publikums ſind. Doch kann und darf der ein⸗

zelne Arbeiter mit ſeinem Geflechte nicht hauſiren; nein, entweder

die Gemeinde ſelbſt, oder Private oder auch die hier und da exiſtirenden Armenvereine müſſen mit größeren Geſchäften in den Städten in Verbindung treten und dadurch den nöthigen Abſatz bewerkſtelligen. In ſolcher Weiſe wird der Arbeiter nur Ge⸗ diegenes liefern und nie einen unbezahlten Vorrath aufhäufen können. Reinherz Kromm.

Iſt Seeſaſz giftig? Schon ſeit längerer Zeit beſchäftigte die Frage, ob das Seeſalz in größerer Quantität genoſſen, giftig ſei, die Naturforſcher. Nach den Verſuchen, welche Goubeaux in

denArchives générales de médecine Sept. 1856 ver⸗ öffentlicht hat, bewirkt in der That das Seeſalz in einer Quan⸗ tität von 1 des Gewichtes eines Pferdes oder Hundes dieſen Thieren gereicht, den Tod derſelben nach 12 Stunden. Wir

empfehlen dieſe Notiz der Beachtung der Landwirthe.

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.