Jahrgang 
1857
Seite
142
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haben wollen, und laſſen ihnen durch Zeichen wiſſen, daß

wir ihre Sprache nicht verſtehen. Wenn ſie aber Deutſch reden?

Sie werden nicht, ſind ja weit her, weit von über

der Oſtſee.

Margreth' wollte dieſe Beweisführung der Hofbe ſitzerin nicht recht einleuchten. Sie ging kopfſchüttelnd an ihre Arbeit, von Zeit zu Zeit an die Pforte tretend, um mit glänzend klugem Auge die Gegend zu beobachten. Die Reiter waren jedoch verſchwunden und auch der Baas ließ ſich nicht ſehen. Vor dem Hofe blieb Alles ruhig. Man hörte den Weſtwind in den dürren Aeſten der Flie⸗ derbäume pfeifen, die Sperlinge trieben ſich zwitſchernd vor dem Thorwege herum und der große, zottige Wäch terhund, Tiger, ſchlich ſchnoppernd um die alten Mauern. Er mußte nichts Verdächtiges oder Fremdes in der Nähe wittern, ſonſt hätte er Lärm gemacht; denn er war ein ungewöhnlich wachſames Thier und ungebetenen Ein dringlingen gefährlich.

Endlich, über eine Stunde ſpäter als ſonſt, kam Claas zurück. Er war ſehr ernſt und noch einſilbiger als ge⸗ wöhnlich. Nur mit zwei Worten fragte er nach Ipſen. Da ſeine Frau ihm ſagte, der Knecht ſei nicht im Hofe, ſprach er nicht weiter von ihm.

Die Familie ſetzte ſich an den Tiſch; Margreth' trug das Eſſen auf. Die Kinder mußten die Hände falten und der Mutter ein kurzes Gebet nachſprechen.

Margreth'! ſagte Claas.

Was beliebt, Baas?

Morgen muß die Schüſſel zum Mittageſſen noch einmal ſo groß ſein. Kannſt heute Abend ein paar Hühnern die Hälſe abdrehen.

Die Magd verwandelte ſich.

Sind ſie da?

Baas nickte finſter.

Heute Nacht oder Morgen früh kommen ſie in hellen Haufen. Die Quartiermacher haben mir zwei Mann angekündigt, ſollen aber noch viel mehr nachkommen. Hilft nichts, müſſen uns ſchicken. Am beſten iſt's, wir ſind freundlich mit dem Volk, ohne zutraulich zu werden. Müſſen doch wieder einmal abziehen.

Wo bleibt aber Ipſen? fragte Margreth'.

Er begleitet die Quartiermacher in's Land. Brauch ten einen zuverläſſigen Führer. Vor Abend wird er wie der hier eintreffen.

Nach dieſen kurzen Mittheilungen ſprach Niemand mehr von dem zu Erwartenden. Jeder that, was ihm oblag. Margreth' allein, die eine gewiſſe Unruhe nicht völlig bemeiſtern konnte, machte ſich häufig etwas vor dem Hofe zu ſchaffen, wobei ſie nicht unterließ, ſcharf nach den Marſchwegen auszublicken. Außer einem ver einzelten Fuhrwerk aber und ſpärlich erſcheinenden Fuß gängern zeigte ſich nichts Bemerkenswerthes.

So kam der Abend heran. trat Niß Ipſen in den Hof. Der junge, ſtarke Mann war ſehr verſtimmt. Er bot ſelbſt ſeiner Verlobten nur einen barſchen, guten Abend und wich abſichtlich dem Hofbeſitzer aus, um nicht zum Sprechen genöthigt zu werden.

Margreth' ſuchte einen unbemerkten Augenblick, um den Geliebten unter vier Augen zu ſprechen. Es fiel ihr auf, daß Ipſen ſich in der Nähe ihrer Kammer ſo viel zu ſchaffen machte, und zuletzt unmittelbar unter dem Fenſter

Mit Sonnenuntergang

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derſelben, wie durch Zufall, ein paar alte Flaſchen fallen ließ, daß die Scherben davon weit umherflogen.

Was iſt Dir, Niß? fragte das Mädchen den mür riſchen Knecht.Hab' ich Dich beleidigt?

Ipſen blitzte ſie mit heißem Auge an. Dann ſtreckte er ſeine Hand nach dem friſchen Blute aus und riß ſie ungeſtüm in ſeine Arme. Ein langer Kuß ſchloß die blühenden Lippen der ſchönen Frieſin. Als er die ſanft ſich Strãäubende wieder frei ließ, hob er drohend die Fauſt auf und ſagte:

Wo Du je einen Andern freundlich

Margreth' mußte lachen.

Wunderlicher Thor! verſetzte ſie.Soll ich mich etwa in den Baas vergaffen oder in ſeinen blondhaarigen Buben, den Uwe? Sollſt mich verſtoßen dürfen, meinet halb auch mich umbringen, wenn ich's thue!

Ipſen ließ wohlgefällig ſeine Blicke auf der ſchlanken Geſtalt ruhen, die in ihrer zornigen Aufwallung ihm doppelt begehrenswerth erſchien. Dann klopfte er ihr ſanft auf die Schultern und flüſterte ihr beim Vorübergehen zu:

Zwei Schweden legen ſich morgen in's Quartier auf Du wirſt für das Volk zu kochen und zu

anſiehſt!

Bombüllhof. ſcheuern haben, wirſt ſie auch bedienen müſſen. Vielleicht ſind's junge, flinke Burſche, denen der Waffenrock gut zu Geſicht ſteht. Zudringlich, keck, frech ſind alle Kriegs leute. Nehmen, Rauben, Plündern iſt ihr Handwerk, und weil ſie immer gleich mit blanker Waffe drein zu ſchlagen gewohnt ſind, kehren ſie ſich an Niemand und fragen ſelten nach dem Recht. Halt' ſie Dir vom Leibe, Margreth', und ſei kurz und barſch gegen ſie. Wär'ſt Du's nicht, ſieh, Herzensdirne, hier zwiſchen dieſen mei nen Händen würde ich Dich mit Wolluſt verröcheln ſehen!

Gib Frieden und ſei geſcheidt. Ich will ja klug ſein. Was einer Dienenden zukommt, werde ich thun, nichts mehr. Willſt Du mir glauben?

Gewiß!

Dann ſchweig' auch und nimm Dich zuſammen!

Die Verlobten reichten und ſchüttelten einander die Hände, Margreth' aber gab dies Geſpräch doch viel zu denken. Sie kannte Ipſen ſchon ſeit Jahren, ſie war über Jahr und Tag mit ihm verſprochen und wollte im näch ſten Sommer, ſobald ſie die Ausſtattung beſchafft und der Baas den beiden Leuten eine einträgliche Stelle in Pacht überlaſſen haben werde, ihm ihre Hand reichen. Eiferſüchtig hatte ſich Ipſen zwar immer ein wenig ge⸗ zeigt, ſo merkwürdig wie heute aber war ſein Benehmen noch niemals geweſen. Es kochte und loderte in ſeinem Innern eine verborgene Flamme, deren Entſtehen ſich das Mädchen nicht erklären konnte. Mit Fragen in den heftigen, leicht aufbrauſenden Mann zu dringen, hielt ſie nicht für räthlich, denn ſie kannte ſeinen Charakter hin länglich, um zu wiſſen, daß neugieriges Fragen und ſpürendes Forſchen ihm verhaßt ſei. Deshalb ging Margreth' nur ſtill mit ſich zu Rathe und nahm ſich feſt vor, dem eiferſüchtigen, reizbaren Niß keine Veranlaſſung zu irgend welchem Argwohn zu geben. Wie üblich, begaben ſich alle Bewohner Bombülls frühzeitig zur Ruhe. Diesmal aber floh auch die junge Frieſin der Schlaf. Sie lag wachend in ihrer Kammer und horchte bald auf den Wind und das Feilen der dür ren Aeſte am Holzwerk der Mauer, bald auf das Rauſchen der Binnenſee, die ihre Wogen am Haffdeiche brach. Nach Mitternacht erſt ſchlummerte das Mädchen ein. Sie

konnte indeß nicht lange geſchlafen haben, da weckte ſie geſch 9