Jahrgang 
1857
Seite
95
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Herat,

der Anlaß des engliſ

ch⸗perſiſchen Krieges.

VVon S. Steinhard..

(Mit drei Abbildungen.)

Die Stadt Herat, der Zankapfel zwiſchen England und Perſien, hinter welchem letztern aber Rußland ſteht, iſt die Hauptſtadt eines mittelaſiatiſchen Königreichs, das im nordweſtlichen Afghaniſtan liegt, und zwar am nord öſtlichen Abhange des Tafellandes von Iran, auf einem fruchtbaren Iſthmus zwiſchen den Felſenöden des Hazarehs (dem Paropamiſus der Alten) im Oſten, der großen Salz⸗ wüſte des innern Iran im Süden, der perſiſchen Provinz Khoraſan im Weſten und den Steppen der Turkomanen im Norden. Auf dieſe Weiſe eine rings von Wüſten und Oeden umgebene Oaſe bildend, begreift dieſes Königreich den ſüdlichen Theil der großen perſiſchen Landſchaft Khoraſan oder des alten Khoraſan im weitern Sinne, wozu auch nach Einigen die Provinz Siſtan oder Sedſche⸗ ſtan gehören ſoll, und wird auf 3200 Geviertmeilen Flächenraum mit etwa anderthalb Millionen Einwohner geſchätzt, die größtentheils aus unterworfenen Tadſchiks,

dann aus Afghanen, Turkomanen und Juden beſtehen.

Das Land theilt ganz die natürliche Beſchaffenheit Kho⸗ raſans, dieſes Theils des Tafellandes von Iran, und ſtand bis vor Kurzem, wo es von den Perſern erobert wurde, unter der Herrſchaft eines beſondern Afghunen⸗ fürſten.

Die einzige wichtige Stadt des Landes iſt die Haupt und Reſidenzſtadt Herat, die in einer von hohen Bergen umgebenen fruchtbaren Thalebene, an einigen Canälen des Herirud liegt und ſchlecht befeſtigt, aber durch ihre Lage, als Schlüſſel zu der einzigen Straße, welche aus Perſien durch Afghaniſtan nach Indien führt, in mili⸗ täriſcher Beziehung und rückſichtlich der Handelsverbin⸗ dungen von großer Wichtigkeit iſt. Herat bildet als Straßenknotenpunkt das Centrum des Karavanenhandels und den Stapelplatz zwiſchen der afghaniſchen Hauptſtadt Kabul, Hindoſtan, Perſien und Bagdad. Für alle Er⸗ oberer, welche von Weſtaſien nach Indien zogen, war dieſe Stadt deshalb von jeher ein unentbehrlicher Stütz⸗ punkt. Seit einer Reihe von Jahrhunderten zog die

Stadt und Landſchaft am Herirud, als ein Hauptglied

jener Kette von Oaſenſtädten und Wüſtenmärkten, welche

den Verkehr zwiſchen Vorder⸗ und Hinteraſien vermit⸗ teln, als eine der wichtigſten Stationen der Etappenſtraße zwiſchen Iran und Hindoſtan, wo eine friedlich wandernde Handelskaravane, wie eine erobernde Armee in einer fruchtgeſegneten Landſchaft Proviant und Ruhe findet, die gierigen Griffe mongoliſcher, perſiſcher und afghani⸗ ſcher Eroberer an. Der gerade Weg von Herat nach Kabul durch die Päſſe des Paropamiſus und das Land der wilden Eimak⸗ und Hazarehſtämme iſt nur für klei⸗ nere Abtheilungen zugänglich, und die zahlreichen Päſſe werden durch afghaniſche Felſenburgen geſperrt. Schauer⸗ lich iſt die Beſchreibung, welche der als eerführer und als Schriftſteller berühmte Sultan Baber, der dieſen Weg im Anfange des 16. Jahrhunderts zurücklegte, von den überſtandenen Mühſeligkeiten und Gefahren macht. Aber die große, 85 geogr. Meilen lange ſogenannte Kö⸗ nigsſtraße von Perſien über Herat, Kandahar, Ghasna

nach Kabul bietet einer Armee nirgends ſehr große Schwierigkeiten dar. Von einer Karavane wird die Reiſe von Herat nach Kabul in gewöhnlichem Marſch in 30 40 Tagen, von einer Reitertruppe in elftägigen Eilmär⸗ ſchen zurückgelegt. Auf dieſer Strecke finden ſich überall Stationen und Waſſerſtellen; dagegen ſind menſchliche Wohnungen ſelten, und jene großen Städte, die Reſiden zen kleiner Fürſten oder Statthalter, liegen in weiten Zwiſchenräumen auseinander. Mit dem blühenden An⸗ bau ihrer Umgebungen haben ſie Aehnlichkeit mit den Oaſen der Sahara, und in ihnen fließt von jeher aller Handel, aller Verkehr als in ſeinen Mittelpunkten zu⸗ ſammen. Kabul oder Kandahar galten vor der Entdeckung des Waſſerwegs um das Vorgebirge der guten Hoffnung und vor der Entwickelung der Weltſchifffahrt bei den morgenländiſchen Völkern als die Thore Indiens und die Königsſtraße als der einzige Thorweg, in deren Beſitz jeder Eroberer zu kommen ſuchen mußte, bevor er daran denken konnte, ſeinen Zug nach den die Habgier und Herrſucht anlockenden productenreichen Ländern am In⸗ dus und Ganges weiter fortzuſetzen. Seit undenklichen Zeiten blieb der Karavanenhandel dieſer Gegenden, wie oft auch die Herrſchaft in denſelben gewechſelt haben mag, doch der Königsſtraße treu, die auch von jeher der Sam⸗ melplatz aller Raubvölker dieſer Länder und ihrer Füh⸗ rer war.

Bei der großen politiſchen Bedeutung, welche Herat in unſerer Zeit als einer der kleinen Zwiſchenſtaaten er⸗ langt hat, welche dem Zuſammenſtoß der beiden größten Weltmächte der Gegenwart, Rußlands und Englands, im Wege liegen, verdient die Hauptſtadt dieſes Staates eine etwas mehr ins Einzelne gehende Darſtellung, die wir hier nach den neueſten Reiſebeſchreibern Kinneir,

V Conolly, Fraſer, M. Wagner ec. geben. Herat, das von den alten Griechen Aria genannt wurde, ſoll von Herat, einem Emir des Neriman, zur Zeit des Feridum erbaut und von Alexander dem Großen V wieder hergeſtellt worden ſein. Bei der Eroberung Per⸗ ſiens durch die Khalifen in der Mitte des ſiebenten Jahr⸗ hunderts wurde es mit ganz Khoraſan, zu dem es gehörte, unterworfen, blieb aber der Sitz eines Statthalters und theilte die Schickſale Khoraſans. Schon von Alters her iſt es berühmt als dieKönigſtadt von Khoraſan oder derSegensort. Faſt alle morgenländiſchen Schrift⸗ ſteller wetteifern im Ruhme ſeiner Pracht und Herrlich⸗ keit, und ein perſiſches Sprüchwort ſagt:Khoraſan iſt die Muſchel der Welt und Herat die Perle. Das iſt zwar nach unſern europäiſchen Begriffen von einer ſchöͤ⸗ nen Stadt eine gewaltige Uebertreibung; denn Herat iſt gleich allen morgenländiſchen Großſtädten, wie z. B. Conſtantinopel, Cairo u. ſ. w., voll von Schmutz, ſtehen⸗ den Sümpfen, Miſthaufen, faulenden Aeſern u. dergl. in den Straßen, und das Innere der Stadt bildet ein Labyrinth von engen, finſtern Gaſſen und Gäßchen, die oft überbaut nur dunkle Gänge ſind, und enthält meiſt

kleine enge Häuſer, die nur ein Morgenländer hübſch und