Jahrgang 
1857
Seite
94
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von dem Petſchaft abzuwickeln, wobei es lächelnd ſprach: Ein paar Ohrringel ſind das nicht. Auch kein Arm⸗ band, wie ich fühle. Eine Damenuhr gleichfalls nicht. Nur nicht etwa eine Scheere, oder ein Meſſer oder ſonſt etwas Scharfes, Herr Pech! So etwas ſchneidet die Liebe entzwei. Ach, ein Petſchaft iſt's! Nein, das iſt zu drollig. Ein Petſchaft! Gewiß denken Sie, daß ich fleißig Liebes⸗ briefe ſchreibe und verſiegele. Du meine Güte! Ich glaube, daß ich nicht mehr eine Zeile leſerlich ſchreiben kann. Nun, ich danke ſchön für Ihr Geſchenk. Aber dieſe Milühe hätten Sie ſich erſparen können. So ſind Sie von hier, fragte Julius,oder beſitzen keeinen nahen Verwandten mehr, an welchen Sie ſchreiben könnten? O nein, erwiederte Marianne,ich bin vom Lande

Neugierig begann das Mädchen die papierne Hülle

und habe noch eine Mutter und zwei Schweſtern. Dieſe

Seeitddem ich in der Stadt bin, habe ich von den Meinen voeder etwas gehört, noch geſehen. Apropos, Herr Pech,

leeicht auf Birkholzens oder in's Odeum? Ich kann gar nicht tanzen, geſtand Julius,und liebe es auch nicht. Sie könnten nicht tanzen? rief Marianne ungläubig. Verſtellen Sie ſich nicht! Sie ſprechen nur ſo, damit S ie nicht etwa einmal mit mir tanzen müſſen. Ja, wenn ich ein reiches, vornehmes Fräulein wäre, ſo würden Sie ganz anders ſprechen. Ich belüge Sie nicht, ſprach Julius ernſt,ich kann wirklich nicht tanzen. 3 O Sie Aermſter! bedauerte Marianne.Was V wäre das Leben ohne Tanz?! Wie übel wären beſonders wir armen Dienſtmädchen daran, die wir uns das ganze Jahr hindurch plagen und die wunderlichen Launen unſrer Herrſchaften ertragen müſſen, wenn uns nicht eine durch⸗ taanzte Nacht zuweilen ſchadlos hielte? Doch ich muß fort, DHeerr Pech, wenn ich nicht ausgeſcholten ſein will. Beſſern Sie ſich, Herr Pech, hinſichtlich des Tanzens. Gute Nacht ſund vergnügte Feiertage! Den Abend des zweiten Weihnachtfeiertages verlebte Zulins bei ſeiner Tante, welche den ſüßen Chriſtſtollen durch einige Gläſer feurigen Punſches würzte und dadurch ihres Neffen Blut raſcher durch die Adern rollen machte. Daſſſelbe wieder abzukühlen und einen ruhigen Schlaf zu erzielen, durchſchritt Julius die Straßen und Gaſſen der Sdtadt, gefliſſentlich einen weiten Umweg nach ſeiner Woh⸗ nung nehmend. Es war gegen elf Uhr und die Stadt ziemlich einſam. Deſto lauter ſchallten aus einem hell Veerleuchteten Hauſe die Klänge luſtiger Tanzmuſik hernieder und wurden für die junge, tanzluſtige Welt zu unwider⸗ ſſtehlichen Lockvögeln. VWie heißt dieſer Tanzort? fragte Julius eine von ddeen vielen Perſonen beiderlei Geſchlechts, welche wie Bienen ab und zu ſchwärmten. Birkholzens! lautete die Antwort. Dieſen Namen hatte Marianne zuerſt genannt; darum ſtieg Julius, von einer verzeihlichen Neugierde getrieben, die Treppen zu

dem Tanzſaale hinauf. Welch ein Bild zeigte ſich hier

V Tänzer und Tänzerinnen den hohen, langgeſtreckten und breiten Tanzſaal, während ein Dutzend und mehr im

aober kümmern ſich um mich ſo wenig, als ich mich um ſie.

werden Sie in dieſen Feiertagen zu Tanze gehen? Viel⸗ G ze g

die feinſten Glacéhandſchuhe die ſonſt froſtrothen und ge⸗

V

1 Ihr Wort! Aber nicht bloß Niedlich, ſondern Himmliſch ſeinen Blicken! Paar an Paar gereiht, umſtanden die

raſenden Wirbel dahin ſich bewegte. Mit ſchweißglän⸗ zenden, glühenden Geſichtern, mit hochfliegender Bruſt, mit laut keuchendem Athem, mit verlangenden und ſengen⸗ den Blicken ſahen die zunächſt an die Reihe des Tanzens gelangenden Paare auf die Vorüberwirbelnden hin, um dann raſch an deren Stelle zu treten. Wohin des Be⸗ ſchauers Auge ſich richtete, traf es auf heiter lächelnde Mienen, auf luſtige, ausgelaſſene, fröhlich jauchzende Menſchenkinder, die, jede Sorge des Lebens jetzt ver⸗ geſſend, nur der Freude ſich überließen. Alleinige Auss- nahme hiervon machten nur diejenigen Schönen, welche ohne Tänzer, einſam und übel gelaunt, hinter dem dichten Kranze ihrer glücklicheren Gefährtinnen ſaßen.

Des Petſchirers ſcharf umher ſpähender Blick entdeckte Marianne nicht unter den Anweſenden. Er ließ ſich ein Glas Zuckerwaſſer reichen und miſchte ſich unter die Zu- ſchauer. Schon begann die Schläferigkeit ſeine Augena lider niederzuziehen und der Wunſch nach dem Bette oder wenigſtens nach einem Ruheſitz in ihm ſich zu regen, als plötzlich ein vielſtimmiger Ruf ihn electriſirte und raſch ermunterte. 3

Marianne! Marianne kommt! Marianne iſt da! Es lebe Marianne Niedlich! Hurrah! übertönte der jungen Männer Ruf den der Schönen. Ein ſchmetternder Tuſch von Trompeten und Pauken durchbrauſte den weiten Saal und ſchloß dem Hurrahrufe ſich an. Und in den dichten Kreis herbei ſich drängender Mädchen und Jünglinge trat ein zweites, verwandeltes Aſchenbrödel Ma⸗ rianne Niedlich, lächelnd, freudeſtrahlend, im lieblichſten friſcheſten Jugendreize, im geſchmackvollſten, reichſten Ballanzuge. Zunächſt dankte ſie den tuſchenden Muſikern durch eine zugeworfene Kußhand, dann grüßte ſie mit ge⸗ winnender Freundlichkeit die ihr Naheſtehenden.

Warum ſo ſpät, Marianne? Wo bleibſt Du ſolange? fragten der Stimmen viele.

Mein alter Drache blieb heute ſo lange auf, ver⸗ ſetzte Marianne,und dann hatte ich mir die Haare zu machen und mich ohne alle Beihülfe anzuziehen. Das hält auf.

Der geſchickteſte Haarkünſtler hätte Mariannens Haar ſchöner nicht ordnen und flechten können. Und was den Anzug des Dienſtmädchens betraf, ſo konnte derſelbe dreiit neben den der vornehmſten Balldame ſich hinſtellen. Dauas weiße Mouſſelinkleid Mariannens war fünffach mit ſoge⸗ nannten Volants geſchmückt; Halskrauſe und Buſen⸗ hemdchen kunſtvoll geſtickt. Spinnenwebenähnliche, durch⸗ ſichtige Florärmel umgaben die runden, vollen Arme und

ſchwärzten Hände. Ohrringe, Buſennadel und Armbän⸗ der fehlten nicht, während blaßrothe Atlasſchuhe den kleinen Fuß Mariannens knapp umſpannten. Unbeſtritten war das Mädchen die Krone der anweſenden Schönen und deshalb auch der Gegenſtand der männlichen Huldigungen wie des weiblichen Neides.

Marianne! ſprach der flotteſte und geſchniegeltſte unter den Tänzern,darf ich um Ihren Arm bitten? Sie haben doch nicht vergeſſen, daß Sie mir am letzten Male den erſten Tanz für heute zuſagten? Schön! Sie halten

ſollte Ihr Name lauten, denn Sie gleichen in der That einem Engel und einer Zauberin, die Aller Herzen ver⸗ ſtrickt und an ſich zieht.(Fortſetzung folgt.)