Jahrgang 
1857
Seite
81
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Anſtrengungen, ein zweiter Cincinnatus, in das ſtille Privatleben zurück und verbrachte wieder glückliche Tage auf ſeinen Gütern; baute ſeine Gärten, pflanzte Bäume, pflegte die Blumen, übte Gaſtfreundſchaft, genoß die ſchönſten Freuden der Häuslichkeit inmitten ſeiner Familie. In einem Briefe an einen Freund bemerkt er hierüber: Endlich lebe ich wieder als friedlicher Bürger, an den Ufern des Potomar, unter dem Schatten meines eige⸗ nen Weinſtocks und Feigenbaums; von dem Lärm des Lagers und der Geſchäftigkeit des öffentlichen Lebens er⸗

köſt, erquicke ich mich an den ſtillen Freuden, von denen

der Soldat, welcher ſtets dem Ruhme nachjagt, nichts weiß; noch der Staatsmann, der mühevolle Tage und ſchlafloſe Nächte damit hinbringt, Pläne zu entwerfen, welche die Wohlfahrt ſeines Vaterlandes befördern ſoll⸗ ten, während ſie vielleicht andere Völker ins Verderben ſtürzen, als ob dieſer Erdkreis nicht Raum genug hätte für uns Alle; noch der Hofmann, der beſtändig auf das Angeſicht ſeines Fürſten achtet, in der Hoffnung, vielleicht ein gnädiges Lächeln zu erringen. Ich habe mich nicht nur von allen öffentlichen Geſchäften zurückgezogen; ich ziehe mich auch in mein eignes Innere zurück und fühle mich fähig, die einſamen Wege und ſtillen Pfade des Lebens mit herzlicher Freude zu betreten. Keinen werde ich beneiden und für Alle ein herzliches Wohlwollen haben. Dies ſei die Regel meines Wandels. Und ſo will ich ſanft den Strom des Lebens hinabſchiffen, bis ich bei meinen Vätern ſchlafe. Welch' herrliche Worte des edeln Mannes!

Dieſer innige Wunſch wurde ihm aber noch nicht er füllt. Als es galt, dem freigewordenen Staate eine Verfaſſung zu geben, und als ſich im Parteigetriebe die Schwierigkeiten dabei unendlich häuften, ging er als Abgeordneter Virginiens zum Congreſſe, wo man ihn zum Präſidenten wählte. Unter ſeiner Leitung kam die er⸗ ſehnte Verfaſſung am 17. September 1787 zu Stande, freudig begrüßt von der Nation und heute noch gültig. Einſtimmig wurde er im April 1789 zum Präſidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas erkoren. Als die 4 erſten Jahre herum waren, wählte man ihn aber⸗ mals zum Staatsoberhaupte, was er gern ausgeſchlagen hätte, aber in Berückſichtigung der Verhältniſſe nicht ausſchlagen durfte. Mit kräftiger Hand lenkte er die Geſchicke des jungen Freiſtaates, brachte die Indianer zur Ruhe, beobachtete die ſtrengſte Neutralität zwiſchen Eng⸗ land und Frankreich und ertrug mit außerordentlicher Geduld und Feſtigkeit, die Anfeindungen der Volkspartei, welcher er bei ſeinen gemäßigten Beſtrebungen ein Stein des Anſtoßes war, ſo daß er ſagte:Dereinſt werden die Urkunden meiner Verwaltung mich richten, nicht die Stimme der Parteiwuth. Und als der von ihm ent⸗ laſſene Staatsſecretär Rudolph ſich beſchwerte, als ob Waſhington ihm die zu ſeiner Vertheidigung erforder⸗ lichen Papiere vorenthalte, gab ihm der große Mann zur Antwort:Ich habe den Befehl ertheilt, Ihnen die be⸗ liebige Durchſicht aller meiner Papiere zu geſtatten und ſtelle es Ihnen anheim, jeden vertraulichen Brief von mir zu veröffentlichen, ja ſogar jedes Wort, das ich je zu Ihnen oder einem Andern geſprochen. Die Abgeordne⸗ ten⸗Kammer verlangte die Vorlegung aller Papiere, welche den mit England abgeſchloſſenen und bei Vielen unbelieb⸗ ten Vertrag betrafen; dieß aber verweigerte er mit uner⸗ ſchütterlichem Muthe, weil es gegen die Verfaſſung ſei, und hielt dieſelbe beharrlich aufrecht.

Sein muſterhaftes Leben gilt noch jetzt ſeinen Nach⸗ folgern als Richtſchnur. In ſeiner Amtswohnung zu Philadelphia walteten Einfachheit und Würde. Kein Zwang, aber auch keine Mißachtung des Anſtandes; eine gewiſſe Stunde für Jeden und zu allen Tageszeiten Zu⸗ tritt wegen öffentlicher Angelegenheiten; Gaſtfreiheit gegen Alle, obgleich er nie eine Einladung annahm; wöchentlich ein Nachmittag der geſelligen Erholung gewidmet; Alles ſollte und mußte beweiſen, daß er nur der Erſte ſei unter gleichberechtigten freien Männern, auf deſſen Leben die Blicke Aller gerichtet ſind.

Am 4. März 1797 war ſeine Zeit aufs Neue abge⸗ laufen, und kein Zureden vermochte ihn, die Bürde des Amtes noch länger zu tragen. An jenem Tage fuhr er im Staatswagen mit prächtigem Viergeſpann in das Ständehaus, nahm Abſchied von der Verſammlung, übergab die Präſidenſchaft ſeinem Nachfolger Adams und kehrte zu Fuß und allein zurück, unterwegs noch aufs höchſte geehrt, aber ſelig in dem Gedanken, den Reſt ſei⸗ nes Lebens in Frieden zubringen zu können. Eine Zeit⸗ lang geſchah dies auch; auf Mount-Vernon floß ihm ein Jahr ungetrübten Glückes dahin. Allein ſchon im Juli 1798 übertrug ihm das Vaterland wiederum den Oberbefehl über das Heer, weil ein Krieg mit dem fran⸗ zöſiſchen Volke drohte. Obgleich in hohem Alter, nahm er doch die dargebotene Würde an und flößte dem Feinde durch ſeine Rüſtungen ſolche Achtung ein, daß dieſer ge⸗ lindere Saiten aufzog und einen annehmbaren Frieden und Vertrag abſchloß.

Nun hatte nnſer Held das Ziel ſeines irdiſchen Da⸗ ſeins erreicht. Am 12. December 1799 zog er ſich beim Ausreiten eine Erkältung zu; in Folge derſelben entwickelte ſich eine tödtliche Halsentzündung, welche ſeinem Leben am 15. deſſelben Monats Abends zwiſchen zehn und elf Uhr ein Ende machte. Er ſollte das neue Jahrhundert nicht mehr ſchauen. Die Nachricht von ſeinem Hinſchei⸗ den rief im ganzen Lande den größten Scherz hervor und verſöhnte auch Diejenigen, die einſt mit ihm gehadert. Der Congreß ſchloß ſeine Sitzungen; 30 Tage lang trug das Volk Trauer um den Vater des Vaterlandes und errichtete ihm ein ſchönes Denkmal von Marmor. Der Präſident that der Witwe die Theilnahme der Nation brieflich kund; in allen Theilen der Erde wurde der Held im Leben und Tode geprieſen.

Dies die Hauptzüge aus dem Leben eines Mannes, würdig, ihm eine Stelle der Erinnerung und Anerken⸗ nung auch in unſerem Volksblatte zu gönnen. Wohl war er von Schattenſeiten nicht frei, aber die Lichtſeiten wie⸗ gen dieſe unendlich auf und ſtellen ihn als ein erhabenes Vorbild dar. Vorſichtig im Ueberlegen, muthig im Aus⸗ führen, ſtandhaft im Unglück, noch ſtandhafter im Glücke, ſcharfſinnig in der Wahl ſeiner Rathgeber, ohne Eitelkeit und Eigenſinn in der Befolgung des guten Rathes, fern von Neid und Selbſtſucht, wahrhaft, aufrichtig, redlich, pflichtgetreu, ſich ſelbſt beherrſchend, milde und nachſich tig gegen Andere, frei von allem Hochmuthe, ein rechter Menſchenfreund, hülfreich den Armen, den Freunden ein Bruder, als Bürger wie als Menſch gleich vortrefflich, ſo dachte, ſprach, lebte Waſhington. Gehet hin und thut desgleichen!

Ihm zu Ehren nannten die Amerikaner die Haupt⸗ ſtadt von Columbia des unabhängigen, blos unter dem Congreſſe ſtehenden Kreiſes Waſhington und erhoben dieſelbe zur Bundesſtadt der Vereinigten Staa⸗